Kniefall vor der Moderne

von Albert Wunsch3.07.2013Gesellschaft & Kultur

Ein Positionspapier der evangelischen Kirche enthält erstaunliche Thesen zur modernen Familie. Doch wer dessen Argumentation stringent zu Ende denkt, landet dann doch wieder bei der klassischen Ehe.

„Wir fühlen uns in unserer Familie mit Wolfgang und Isolde wohl. Täglich gehen wir mit den beiden mindestens zweimal Gassi. Das Wochenende verbringen wir mit unseren Hunde-Freunden als Großfamilie.“ Ja, das, was heute alles als Familie bezeichnet wird, wird in entsprechenden Foren bei Facebook und Co. offensichtlich.

Ob die EKD auch solche „Familien“ im Blick hatte, ist unklar. Fakt ist, dass die Stellungnahme auch auf die „neue Vielfalt der Familienformen“ reagieren will. Im Text heißt es dazu, „dass der westdeutsche Sozialstaat mit seinem tradierten Familienbild eine nachhaltige Familienpolitik versäumt hat“. Damit wird auch auf den Mainstream reagiert, welcher „unterschiedliche Modelle des Zusammenlebens“ als vom Einzelnen frei gewählt postuliert.

Kniefall vor der Moderne

Das EKD-Papier gerät so in die Gefahr, einen Kniefall vor der Moderne zu erbringen. Natürlich ist mancher Wandel zur Kenntnis zu nehmen. Aber was heißt „neue Vielfalt“ konkret? So geben sich Menschen in recht instabilen familienähnlichen Formen per Selbstetikettierung gerne das Vorzeichen „modern“ und beschreiben sich als bunt, facettenreich und lebendig. Im Gegenzug wird versucht, stabile familiäre Lebensformen – erst recht die Ehe – als alt, konservativ und nicht mehr lebbar abzuqualifizieren.

Nimmt sich die EKD ernst, dann hat sie mit dem Leitgedanken „Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ gleichzeitig unterstrichen, dass nicht jede Form des Zusammenlebens eine gleiche Qualität hat. Denn so wird ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, dass z.B. bei Lebensabschnitts-Partnerschaften im Vergleich zur auf Zukunft, Liebe und Vertrauen basierenden Ehe schnell die Defizite offensichtlich werden.

Dass es auch Paare bzw. Eltern gibt, die sich nicht aus Fahrlässigkeit trennen, ist trauriger Alltag. Bei diesen wird jedoch selten eine Glorifizierung der neu gefundenen Form eines (Zusammen)-Lebens jenseits der Erst-Familie offenbar. Frei gewählt hat in der Regel eine solche Situation niemand. Daher ist es auch nicht zielführend, der Tragik von Scheitern und Neubeginn einen Orientierung geben sollenden „Modell-Status“ einzuräumen. Viele solch „offener oder wechselnder Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern“ offenbaren jedenfalls, dass sie ein beträchtliches Konfliktpotenzial in sich bergen.

Form und Inhalt sind nicht zu trennen

In der Presseerklärung heißt es: „Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, (…) darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein.“ Aber genau der letzte Satz weist in die Irre, da Form und Inhalt nicht einfach zu trennen sind. Hierzu Familienforscher Franz-Xaver Kaufmann:

bq. „Wenn in einer Gesellschaft jedoch stabile und eher instabile Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als frei wählbar betrachtet werden, dann hat der Staat seine besondere Unterstützung jenen zu geben, welche die größte Chance für eine optimale Erziehungswahrnehmung bieten.“

Denn im Einzelfall mögen heute alternative Lebensformen plausibler sein als die Lebensform der „Normalfamilie“. Aber die Rechtsordnung und mit ihr die Politik hat es vor allem mit der Ordnung der vorherrschenden Verhältnisse zu tun und steht angesichts solcher Wünsche stets vor dem Dilemma, wie weit die Anerkennung alternativer Lebensformen getrieben werden kann, ohne die in familialer Hinsicht im Regelfalle leistungsfähigere Form der Familie ihres leitbildhaften Charakters zu entkleiden. Dies dürfte für ein christliches Verständnis von Ehe und Familie eigentlich selbstverständlich sein.

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