Die verlorene Ehe des Joachim Gauck

Albert Wunsch17.03.2012Gesellschaft & Kultur, Politik

Je mehr öffentliche Bedeutung, umso umfassender ist die mit der Vorbildfunktion verbundene Verantwortung fürs eigene Handeln. Aber wen kümmert die Belanglosigkeit, ob Gauck nun noch verheiratet ist oder nicht?

Nein, niemand hat das Recht, einem Bundespräsidenten-Kandidaten vorzuschreiben, dass er heiraten soll. Jeder mündige Bürger hat aber das Recht, ihm zu sagen, was er/sie davon hält, wenn er sein Beziehungsleben zwischen zwei Frauen nicht ordnet. Sich super-modern einschätzende Medienmacher halten schnell ungefragt einen Rettungsschirm über ihn, indem sie alle Anfragen zum Lebenskonzept des höchsten Staatsamtes in die Privatsphäre verweisen. Verheiratet oder nicht, häufiger wechselnde oder beständige Partner, leben in Dreiecksbeziehungen … wen kümmern solche Belanglosigkeiten?

Das Private hört beim Schritt in die Öffentlichkeit auf

Ja, jeder Mensch hat ein Recht auf ein Privatleben, auch Politiker. Aber das Private hört beim ersten Schritt in die Öffentlichkeit auf. Ehe- oder Lebenspartner stehen häufig mit im Rampenlicht und damit auch auf dem Prüfstand. „Zeige mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist“, meint der lebenserfahrene Volksmund. Beim soeben zurückgetretenen Bundespräsidenten scheint dieser Denkansatz eine neue Bedeutung erlangt zu haben. Die Formel ist einfach: Je mehr öffentliche Bedeutung oder je höher die Funktion im Staat, umso umfassender ist die mit der Vorbildfunktion verbundene Verantwortung fürs eigene Handeln. Im Umkehrschluss heißt das: Wer eine große und kaum angefragte Privatsphäre will, sollte das Rampenlicht der Öffentlichkeit meiden. Wird in diesen Tagen darüber diskutiert, ob Joachim Gauck, welcher seit über zehn Jahren mit einer neuen Lebenspartnerin zusammenlebt, aber noch mit seiner einst angetrauten Frau verheiratetet ist, als Kandidat fürs Bundespräsidentenamt nicht die Zeit nutzen sollte, sein Beziehungs- bzw. Eheleben neu zu ordnen, dann ist das ein gutes Beispiel dafür, dass es in dieser Gesellschaft noch Menschen gibt, die ihre eigenen Wertsetzungen offensiv vertreten können. Erst recht ist dies bedeutsam, wenn es dabei nicht um eine persönliche Sichtweise, sondern um die Beachtung des Grundgesetzes zum Schutz von Ehe und Familie geht. Fakt ist, dass sich kein Mensch so einfach in „öffentliches“ oder „privates“ Leben aufteilen lässt. Dies trifft erst recht zu, wenn es sich um das höchste Amt im Staat handelt, bei welchem die Partnerin/der Partner eine fast gleiche Beachtung und eine beträchtliche Bedeutung erfährt. Als freie Bürger haben wir persönliche Entscheidungen anderer hinzunehmen, solange sie nicht gegen Gesetze oder grundlegende Werte verstoßen. Die sich für ein bestimmtes Verhalten entschiedenen Menschen wiederum haben in einer mündigen Gesellschaft hinzunehmen, dass andere dieses Verhalten stört oder es kräftig kritisieren. Entsteht daraus ein konstruktiver Diskurs, werden die Beteiligten ihre Positionen mit guten Argumenten vehement vertreten.

Dennoch dranbleiben

Jede Gesellschaft braucht Vorbilder. Und die Menschen reagieren recht empfindlich, wenn eigene Vorteile und vertretbares Vorbild durcheinander geraten. Aber häufig vertreten die Medien eine Position, als wenn dies alles nicht mehr zähle. Dann wird das „Hohelied“ der „Privatsphäre“ oder der „Nicht-Einmischung“ gesungen. Wir kennen dieses unwürdige Szenario, wenn Staaten die Kritik an einem Krieg gegen das eigene Volk oder Folter an Oppositionellen als „Einmischung in interne Angelegenheiten“ abzuwehren suchen. Und es ist gut, dass Menschenrechtsorganisationen und mutige Politiker trotzdem dranbleiben. Genauso wichtig ist es, den schon kräftig fortgeschrittenen Erosionsprozess überlebenswichtiger Werte in unserer Gesellschaft zu stoppen, Förderliches mit Fragwürdigem, Nicht-Förderlichem oder sogar Verwerflichem auf eine Stufe zu stellen.

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