Die Aufzucht von Sieger-Nachwuchs

von Albert Wunsch2.03.2011Gesellschaft & Kultur

Wenn körperlich-seelische Blessuren beim Drillen von Superkindern täglich neu zu Kollateralschäden führen.

Was führt dazu, dass ein als Buch erschienener Erziehungsbericht einer chinesischstämmigen US-amerikanischen Yale-Professorin weltweit einen Hype auszulösen scheint und das Blut in Wallungen bringt? Er muss auf eine latente innere Unruhe, Unsicherheit oder gar Angst gestoßen sein, sonst wäre dies nicht erklärbar. Amy Chua stellt als Tigermama eine fernöstlich als erfolgreich betrachtete Drill-Erziehung einer westlichen durch Weichheit, Inkonsequenz und Unterforderung geprägten pädagogischen Praxis gegenüber. Ein Kurzschluss-Resümee: Wer nicht von China überrannt werden will, muss deren Erziehungssystem übernehmen. Damit befinden wir uns im Zentrum der Gefahr, dieses Buch als Sieger-Macher-Strategie zur Überwindung unseres allerorts festzustellenden geballten Unvermögens im Umgang mit Kindern aufzugreifen.

Eine Zeugnis-Note sagt nur etwas über Fachwissen aus

Aber wollen nicht (fast) alle ihre Kinder als Sieger sehen, den Erfolg fördern? Dies wird meist so sein. Nur ist dann vorab zu klären, was als Erfolg oder Sieg betrachtet wird. Sonst kommen wir dem „gut gemeinten Besten“ fürs Kind nicht näher. So fühlte sich Napoleon z.B. noch kurz vor Moskau als großer Sieger und sah den Zaren schon zu seinen Füßen. Aber nur wenige Tage später stand er am Abgrund seines Erfolgs, zeigte sich das Desaster seines Größenwahns. Was kann dies möglichen Amy-Chua-Fans sagen? Dass eine Zeugnis-Note maximal das Ergebnis fachlichen Wissens bzw. Könnens widerspiegelt. Sicher mag eine „summa cum laude“-Urkunde sich innerhalb einer Bewerbung oder überm Schreibtisch gut machen. Aber welchen Wert fürs Leben drückt sie aus? Wozu führt dieses Zertifikat exzellenter Fachlichkeit? Wird er oder sie zum grandiosen oder verbissenen Forscher? Wird eine demokratische oder faschistische politische Karriere angestrebt? Soll es um die Leitung in einem Unternehmen gehen oder führt’s zum Anheuern bei der Mafia? Und in welchem Umfang wird dabei das bisher kennengelernte Steuerungsinstrument zwischen „kleinem Zuckerbrot und großer Peitsche“ das Handeln prägen?

Drei Lehren aus dem Chua-Hype

Kein Super-Examen sagt etwas über die Voraussetzungen zu einem eigenständigen, selbst verantworteten und zufriedenen Leben aus. Dazu wären andere Fähigkeiten zu entwickeln. Denn um ein erfüllendes Leben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Freundeskreis zu führen, sind reichlich liebevoll-kontinuierliche Beziehungserfahrungen und ermutigende Zuwendungen notwendig. Je unsicherer die Zukunft ist, umso umfangreicher muss die Mitgift an Empathie, Fleiß, Durchhaltevermögen und Kompromissfähigkeit sein. Kinder brauchen die Erfahrung, dass Anstrengungen (nicht aufoktroyierte), Durststrecken und Rückschläge genauso wie Freude oder auch Langeweile zum Leben gehören. Ihnen ist zu vermitteln, dass neben emotional-sozialer Kompetenz auch fachliches Wissen und praktisches Können notwendig sind. Kurz: Es geht um das Erlernen eines erfolgreichen Lebens. Wer also das Erziehungsversuch-Buch von Amy Chua richtig liest, kann ihm drei wichtige Botschaften entnehmen. Erstens: Bei einem per Druck und Unterwerfung aufgewachsenen Menschen wird nicht Ausgeglichenheit und Liebenswürdigkeit, sondern Aggression und Gewalt wachsen. Zweitens: Jedes Überstülpen von eigenen Vorstellungen wird einem Kind mit seinen ganz spezifischen Anlagen und Entwicklungsbedürfnissen nie gerecht. Drittens: Ja, per Zwang kann Etliches erreicht werden, ob nun Sklaven Pyramiden bauten, die Untertanen autoritärer Herrscher deren Drecksarbeit verrichteten oder ein Kind Super-Geigerin wurde, aber es ist immer ein Angriff auf die Menschenwürde.

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