Wenn wir über den Berg sind, geht's bergab. Wolfgang Schäuble

Gender-Ideologien als gezielte Vereitelung von Selbstwerde-Prozessen

Persönliche Fähigkeiten, Interessen und Eigenheiten machen einen Menschen aus – auch eine klare Geschlechts-Identität. Seit einigen Jahren wird in der Politik auf ein Konzept des “Gender-Mainstreaming” gesetzt. Warum das der falsche Weg sei, erklärt Albert Wunsch.

Jeder Mensch befindet sich von Kindesbeinen an in der Herausforderungs-Situation, sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu entwickeln. Das Einbringen der je anders gearteten persönlichen Fähigkeiten, Interessen und Eigenheiten führt somit zum Grad seiner positiven –oder auch weniger positiven – Anerkennung im sozialen Umfeld. Um innerhalb dieser Kontakte zu einem regen und möglichst störungsarmen Miteinander zu gelangen, bedarf es einer realistischen Selbsteinschätzung. Neben einem angemessenen Umgang mit den eigenen Fähigkeiten, Grenzen oder auch Unzulänglichkeiten gehört auch eine möglichst klare Geschlechts-Identität dazu. „Ja, ich bin ein Junge, werde mal so etwas Gutes wie Vater und heirate dann so etwas Liebes wie Mama“.

Dies gilt unter umgekehrtem Vorzeichen genauso für Mädchen. Denn nur wenn ein Kind sich zu einer Geschlechts-Gemeinschaft zugehörend empfindet, kann es das dort beobachtbare Rollenverhalten als Orientierungs-Leitlinie nutzen. Das schließt nicht aus, dass sich einige männlich oder weiblich sozialisiert herangewachsene Jugendliche irgendwann ihren bisherigen geschlechtsspezifischen Status in Frage stellen, weil sie sich eher – oder sehr deutlich – als homo-, bi- oder trans-sexuell orientiert empfinden. Und dann brauchen diese Kinder, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen stabile und ermutigende Bezugspersonen bei der emotional-sozialen sexuellen Neu- bzw. Umorientierung.

Nun wird seit etlichen Jahren in der Politik vehement auf ein Konzept des „Gender-Mainstreaming“ (GM) gesetzt. Mit dem Begriff „Gender“ werden in den Sozialwissenschaften die durch Gesellschaft, Kultur und Erziehung geprägten Geschlechtseigenschaften einer Person in Abgrenzung zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. ‚sex‘) bezeichnet und in diesem Kontext meist mit „soziales Geschlecht“ übersetzt. Der Begriff wurde erstmals 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi diskutiert und zehn Jahre später auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking weiterentwickelt. Seit dem Vertrag von Amsterdam von 1997/1999 ist Gender-Mainstreaming ein erklärtes Ziel der Europäischen Union. Der Begriff „Mainstreaming“ wird durch Umschreibungen wie ‚einbeziehen, populär, massenkompatibel’ verstehbar. Kurz: Es geht mit Bezug auf die zentrale Formel der Pekinger Weltfrauenkonferenz von 1995 um die „umfassende Implementierung einer Gender-Perspektive“ in die Gesellschafts-Politik. Durch diese Strategie soll die Gleichstellung der Geschlechter erreicht werden. Aber welche Relevanz kann/darf eine von Frauen geäußterten Forderung erhalten, welche substantiell die Männer betrifft? Was heißt hier Gleichstellung? Steht dabei Gleich-Berechtigung, Gleich-Wertigkeit oder Gleichheit im Zentrum?

Wenn Ideologen Geschlechts-Unterschiede torpedieren

„Gender-Mainstreaming-Idelogien“ – welche sich immer stärker in den Vorgrund zu rücken suchen – gehen noch einen Schritt weiter, indem sie die Bipolarität der Geschlechter leugnen und behauptet, dass jeder Mensch unabhängig von seiner biologischen Geprägtheit frei ein „Geschlecht“ wählen und auch wieder abwählen könne. So gibt es nach der Theorie des Gender-Mainstream (GM) keinen kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht. Die Heterosexualität, so die Genderisten, sei ohnehin ein Repressionssystem. Insofern sprechen die Gender-Theoretiker auch von Zwangsheterosexualität. Auf der Basis dieses konstruierten Denkansatzes sollen Kinder angehalten werden, sich nicht als Jungen oder Mädchen, sondern als offenes Neutrum zu empfinden. Verhalten sie sich dennoch nach den Vorgaben ihres Geschlechtes, sollen sie nach den Vorgaben staatlicher Lehrvorgaben im Sexualkunde-Unterricht durch Fragen: ‚Wieso hast Du dich entschieden, heterosexuell zu leben’ dazu geführt werden, sich für eine lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle, queere (LSBTTIQ) oder sonst wie geprägte Identität zu entscheiden.

Das Frauenbild des Gender-Mainstreaming ist dabei geprägt von Simone de Beauvoir und ihrem feministischen Klassiker Das andere Geschlecht (1949, deutsch 1951). Dort beklagt sich de Beauvoir einerseits darüber, dass die Frau Opfer ihrer biologischen Funktion sei. Andererseits erklärt sie: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Das Männerbild des GM scheint dagegen von einer höchst biologistischen Betrachtungsweise beeinflusst: Männer hätten einfach ein falsches Chromosom, das für die Produktion von Testosteron verantwortlich sei. Testosteron aber bedeute Terror, Tyrannei, Tod und Teufel; Östrogen dagegen bedeute „Friedlichkeit, Fruchtbarkeit, Frohsinn“. (XX so Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im iDAF-Aufsatz des Monats 1 II / 2017: Gender-Mainstream und Pädagogik – Wie passt das zusammen?) Mit dieser Zuschreibung wird einerseits verdeutlicht, das sich Frauen per GM anmaßen, ein männliches Grundverständnis definieren zu können. Andererseits führen sie damit das selbst propagierte ‚anti-biologistische Weltbild’ ad absurdum.

Wenn Staaten die Begriffe ‚Vater’ und ‚Mutter’ verbieten.

Die EU bringt sich u. A. mit folgender Gender-Forderung ein. Sie drängt darauf, dass anstelle der bisherigen Sprach-Regelung nun die Bezeichnungen „Elter 1“ und „Elter 2“ zur offiziellen Amtsprache wird. Im Kanton Bern – obwohl die Schweiz nicht Mitglieder EU ist – wurde diese Bezeichnug als erstes offiziell übernommen. In manchen Kommunen Englands gibt es einen Leitfaden für Lehrer: Man darf nicht mehr von „Mum and Dad“ sprechen. Es könnte ja schließlich Kinder geben, die statt „Mum and Dad“ eben „Dad and Dad“ oder „Mum and Mum“ haben. In Spanien soll es laut einem Gesetz der sozialistischen Regierung nicht mehr Vater und Mutter heißen, sondern progenitor A und progenitor B. Da fehlt nur noch – auch das bereits ein Vorschlag – dass Neugeborene geschlechtsneutrale Namen bekommen sollen, damit sie später ihr Geschlecht selbst auswählen können. Und um dieses Vorhaben umzusetzen wird viel Geld in Genderforschungs-Projekte gepumpt und ordentlich Zwang auf Lehre und Studierende ausgeübt. An manchen Universitäten bekommt man Punktabzüge in Examensarbeiten, wenn keine gendergerechte Sprache verwendet wird. (XX so Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im iDAF-Aufsatz des Monats 1 II / 2017: Gender-Mainstream und Pädagogik – Wie passt das zusammen?) Ein weiterer Beleg für das vordringen der Gender-Ideologie im Hochschulbereich: Es gibt derzeit in Deutschland etwa 120 Professuren für alte Sprachen, aber über 210 Professuren für Genderforschung.

Schon im Jahre 1998 bestimmte der schwedische Staat, dass die Geschlechtergleichstellung in schwedischen Kindergärten vorangetrieben werden solle. Das große Ziel: „Jedes Kind soll sich so entwickeln, wie es möchte, und sich nicht durch geschlechtsspezifische Stereotypisierungen in der Erziehung und die Erwartungen der Gesellschaft in eine bestimmte Rolle gedrängt fühlen.“ Schwedens Vorschulen setzen mit „Egalia“ auf das Prinzip: ‚Sei, was du willst!’ (XX in: DIE ZEIT vom 16. August 2012). Der „Bildungsplan 2015“ in Baden-Württemberg setzte fest, dass in den Kindertagestätten (Kitas) für drei- bis sechsjährige Kinder ein Umerziehungsprogramm einzuführen ist. In der Schrift „Gleichstellung beginnt im Kindergarten. Eine Arbeitshilfe zur Umsetzung von GenderMainstreaming in Kindertageseinrichtungen“, herausgegeben vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Senioren Baden-Württemberg.(XX Die 80seitige Schrift kann von der Internetseite http://www.sozialministerium-bw.de heruntergeladen werden) wird herausgestellt: „Geschlechter werden gemacht, können aber auch neu ausgebildet und verbessert werden. Es gilt, Geschlechterpotenziale zu nutzen! Wir sehen Geschlechter besonders in ihren gestaltbaren Seiten und nutzen dieses Potenzial bei der Entwicklung von Organisationen und Unternehmen.“ So sollen Geschlechter „durch die Kitas verbessert“ werden. Auch wenn hier auf Richtlinien aus Baden-Württemberg zurückgegriffen wurde, die sogenannten Bildungspläne der anderen Bundesländer weisen in dieselbe Richtung.

Wenn Jungen sich nicht mehr als Jungen verhalten dürfen

Unter dem recht provokanten Titel: „Die Enteignung des Phallischen“. berichtete Prof. Dr. Walter Hollstein (Basel) im Eingangsreferat auf dem von Uni-Düsseldorf veranstalteten Männerkongress 2014 von einigen Begebenheiten, welche verdeutlichten, wie Buben ihres Lebensraumes beraubt und – in Reaktion auf Gender-Idelogien – an einer artgerechten Entwicklung gehindert werden. „Da bastelte ein ca. 5jähriger mit seinem Vater zum Wochenende voller Enthusiasmus ein – vom Sohn schon lange ersehntes – Holzschwert und die Erzieherin verunglimpfte Kind und Vater, weil sie Kriegswerkzeug hergestellt hätten. Da veranlasst die Leiterin einer Schule in Basel, die Markierungen für die Ballspielfläche auf dem Schulhof aufzuheben, weil die Jungen in der Pause nicht herumtoben sondern besser miteinander reden sollten, das wäre auch gesünder. Da gestaltet eine Lehrerin in Brandenburg den Sportunterricht für 12 – 14jährige Jungen und Mädchen, indem sie Schleiertänze einüben lässt. Und eine andere Sportlehrerin lässt beim Basketball den Jungen einen Arm auf den Rücken binden, um den Mädchen auch eine Gewinnchance zu geben.“ (XX Quelle: http://tv-orange.de/2014/09/feministischer-master-plan-zur-entmannung-der-gesellschaft/ – ZG 11.1.2017). Auch wenn der Buchtitel von Prof. Dr. Gerald Hüther: „Etwas mehr Hirn, bitte“ (2015) nicht auf solche Umerziehungs-Praktiken bezogen waren, als Appell hätte er eine große Funktion.

Für diejenigen im Hörsaal der Düsseldorfer Uni, welche in diesen Beispielen noch keine Enteignung des Phallischen erkennen konnten, verwies Prof. Hollstein darauf, dass die amerikanische Professorin, Feministin und politische Aktivistin der Lesbenbewegung sowie Science-Fiction-Autorin Sally Gearhart schon 1979 bzw. 1982 dafür plädiert hatte, die männliche Bevölkerung auf 10 % der Gesamtbevölkerung zu reduzieren. Nicht so lange und etwas anders akzentuiert liegt der ultimative Aufruf der Amerikanerin „Krista“ zurück, bekannt geworden als “The Femitheist”, die – anstelle des bisherigen Vatertages – zum „Internationalen Kastrations-Tag“ aufrief, um durch eine Entfernung der Hoden die Hauptursache für das gewalttätige Verhalten von Männern zu beseitigen, weil sie an die wahre Gleichheit glaubt. Solche Absichten machen verständlich, so der Referent, dass – z.B. in Schweden immer mehr Männer Tai-Frauen heiraten und um – stark durch ein falsch verstandenes Emanzipationsbewusstsein geprägte – schwedische Frauen einen Bogen machen.

So scheint es inzwischen dem Zeitgeist zu entsprechen, Männlichkeit nur noch mit den negativen Assoziationen von Gewalt, Krieg, Naturzerstörung, sexueller Belästigung und Missbrauch zu verbinden. Auch einstmals positive Qualitäten von Mannsein werden mittlerweile gesellschaftlich umgedeutet. Männlicher Mut wird als männliche Aggressivität denunziert, aus Leistungsmotivation wird Karrierismus, aus Durchsetzungsvermögen männliche Herrschsucht, aus sinnvollem Widerspruch männliche Definitionsmacht und das, was einst als männliche Autonomie durchaus hochgelobt war, wird nun als die männliche Unfähigkeit zur Nähe umgedeutet. (XX Quelle: http://quer-denken.tv/871-die-demuetigung-des-phallischen/ – ZG 11.1.2017). Trotz dieser kritischen Einlassungen: Gender-Ideologen machen auch vor der Schule nicht halt. Die Hauptzielsetzung ist, Jungs früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts zu erziehen. Rollenspiele für Jungen wie „Ich habe eine Scheide und tue nur so, als sei ich ein Junge“ gehören dazu. Gerne bietet man Jungen Nagellack und Prinzessinnenkleider an, „man“/„frau“ wird nicht müde, das Ende der „Zwangsheterosexualität“ anzusagen. Auch „wissenschaftlich“, so Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (XX im iDAF-Aufsatz des Monats 1 II / 2017: Gender-Mainstream und Pädagogik – Wie passt das zusammen?)

Wenn aus Gleichberechtigung zwanghaft Gleichheit gemacht wird

Jede Initiative, welcher der Gleichberechtigung und Chancengleichheit dient, ist von allen gesellschaftlichen Kräften optimal aufzugreifen bzw. umzusetzen. Viele Diversity-Konzepte haben dies zum Ziel, um so unterschiedlichen Lebenssituationen, individuelle und kulturelle Prägungen sowie die persönlichen Interessen von Frauen und Männern bei ihren Entscheidungen auf allen beruflichen und gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen. Wer darüber hinaus eine Gleichheit bzw. Wählbarkeit der Geschlechter anstrebt oder per politische Regelungen durchzusetzen sucht, wie dies auch das erklärte Ziel der Europäischen Union (EU) ist, ignoriert die biologischen Vorgaben und behindert damit die Entwicklung einer geschlechtlichen Identität.
Nur ein Narr könnte auf die Idee kommen, Kindern das Einüben der Muttersprache zu verwehren, um diese nicht einseitig vorzuprägen. Diesen Denkansatz aufgreifend würden dann Kinder keine sprachlichen Vorgaben bzw. 3 – 8 verschiedene in ständigem Wechsel erhalten, um ihnen dann im Alter von 12 – 18 Jahren eine ganz freiheitlich-eigenständige Sprachwahl-Entscheidung zu ermöglichen. Schließlich soll ja niemand zu einer bestimmen Sprache und der damit verbundenen Kultur gezwungen werden. Wenn wir nun wieder ins reale Leben zurückkehren wird deutlich, dass so keinesfalls eine durch Eigenständigkeit und Selbstverantwortung geprägte Person heranwachsen kann. Daher benötigen Kinder zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung einerseits eine klare geschlechtsbezogene Erziehung, andererseits aber auch altergerechte Informationen, dass es auch einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil gibt, bei dem diese Eindeutigkeit der Zuordnung fehlt.

»Will man dafür sorgen, dass Kinder zukünftige Lebensanforderungen bewältigen können, dann müssen sie auch lernen, mit Geschlechtsdifferenzen umzugehen.« (XX Quelle: „Sei, was du willst“ in DIE ZEIT vom 02.08.2012). Demnach benötigen Kinder und Jugendliche eine ständige Ermutigung und gute Begleitung, um ihre geschlechtlichen, kulturellen, charakterlichen oder andere bedeutsame – durch die Geburt oder das weitere Leben existent gewordene – Vorgeprägtheiten und Ausformungen kennen und akzeptieren zu lernen. Denn nur auf der Basis möglichst klare Orientierungspunkte und eines sich daraus entwickelten möglichst realistischen Selbst-Bildes kann sich ein ‚selbst-sicher handelndes Ich’ entwickeln. Treten Menschen jedoch aus einer indifferenten – mich sich selbst ungeklärten oder bewusst offen gehaltenen – Position mit Anderen in Kontakt, dies trifft besonders auf differenzierte Interaktionen in den Bereichen Beruf und Partnerschaft zu, wird dies schnell Irritationen, Missverständnisse und Konflikt-Szenarien auslösen. Somit ist die Akzeptanz der eigenen Geprägtheit als Junge oder Mädchen eine substantielle Voraussetzung zur Entwicklung einer gefestigten und kommunikationsfähigen Erwachsenen-Persönlichkeit. Dazu stellt das Bundesverfassungsgericht am 8.11.2017 fest: ‚Der Zuordnung zu einem Geschlecht kommt für die Identitäts-Entwicklung eine herausragende Bedeutung zu’.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Berger, The European Redaktion, Vera Lengsfeld.

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Kolumne

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von Stefan Groß
21.08.2018
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