Gefühl oder Verstand, was zählt in der politischen Diskussion?

von Albert Wunsch28.06.2018Außenpolitik, Europa, Innenpolitik

Derzeit wird die politische Debatte so impulsiv geführt wie lange nicht in Deutschland. Zählt das bessere oder das lautere Argument? Der Psychologe Albert Wunsch über Emotionen und Kognition im Kontext der Asyldebatte.

_Herr Wunsch, die Psychologie definiert u.a. die Emotionalität des Menschen wie folgt: “Emotionen sind eher kurzlebige psychologisch-physiologische Phänomene, die der Anpassung an sich wandelnde Umweltbedingungen dienen. Emotionen sind dabei essentiell für das menschliche Überleben. Sie sind die Folge der Bewertung von Ereignissen bzw. Eindrücken in unserem Umfeld. Trifft man etwa auf eine unbekannte Situation, stimulieren die aufwallenden positiven oder negativen Gefühle physiologische Reaktionen im Körper und bereiten auf eine passende Verhaltensreaktion vor.” (“Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik”:http://lexikon.stangl.eu/1058/emotion/) Würden Sie im Kontext von emotionaler Entscheidungsfindung in der Politik, diese Definition für hilfreich erachten?_

Dr. Albert Wunsch: Diese Definition ist in soweit sehr hilfreich, weil durch sie verdeutlich wird, wie Menschen auf unbekannte oder bedrohlich wirkende Situationen reagieren. Damit wird gleichzeitig verdeutlicht, dass in emotional beängstigenden Situationen kognitive Appelle keineswegs zielführend sind bzw. zu einer Lösung beitragen. Denn Angst oder Furcht können nur durch positive emotionale Erfahrungen – durch Entspannung – reduziert oder ausgeglichen werden. Kein empathischer Vater, keine einfühlsame Mutter käme auf die Idee, einem Kind in großer Angst rational klar machen zu wollen, keine Angst haben zu brauchen.

_Das menschliche Handeln ist – neben den Emotionen – von Verstand und Kognition geprägt oder sollte von solchem erfüllt sein. Kognitive Prozesse sind in der Psychologie “Die Gesamtheit der psychischen Prozesse, die bei der Bildung von Begriffen, beim Lernen von Regeln, beim Denken und Problemlösen ablaufen.” Die kognitive Seite bei Entscheidungsfindungen im Politischen-Alltag scheint mir jedoch in der aktuellen politischen Diskussion – besondern bei einigen Themenfeldern – sehr hinten an zu stehen. Hier ein besonders ins Auge springendes Bespiel: “Uns werden Goldstücke geschenkt” (Kanzlerkandidat Martin Schulz zur Flüchtlings-Situation)._

Dr. Albert Wunsch: Dieses Zitat belegt, dass hier wenig Sachverstand existiert und signalisiert gleichzeitig eine große Realitäts-Ferne. Die nüchterne Bilanz vom Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise: ‚Nur zehn bis 15 Prozent der Flüchtlinge sind gut und qualifiziert, die größte Gruppe hat praktische Erfahrungen aber keine anerkannte Ausbildung und circa 20 Prozent haben weder einen Schul- noch Ausbildungsabschluss.’ „Damit ist klar: Flüchtlinge sind keine Antwort auf unseren Fachkräftemangel.“ (“Interview in der RP”:https://rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/ba-chef-frank-juergen-weise-fluechtlinge-keine-antwort-auf-fachkraeftemangel_aid-18042661) Und viele werden über Jahrzehnte – oder lebenslang – von staatlichen Zuwendungen abhängig sein. Aber mit einem solch ‚goldigen Satz’ sollte eine bestimmte Bevölkerungs- bzw. Wähler-Gruppierung gezielt bedient werden. Mir scheint diese Schulz-Botschaft – unabhängig vom Themenfeld – ein typischer Beleg dafür zu sein, dass in den letzten Jahren die politischen Diskussionen und Entscheidungsfindungen stark emotional geprägt sind. Bei vielen Themen der Gegenwart wie: Flüchtlinge, Alters- und Kinder-Armut, Rente, Familien-Förderung oder Gender-Mainstreaming werden sachbezogene Argumente eher vermieden oder gezielt ausgegrenzt.

Aber die Frage, wie lange die Renten in einer angemessenen Höhe sicher sind oder welche Fakten die Integration von Migranten gezielt vereitelt, mag ja viele Emotionen auslösen, die Antwort kann jedoch nur das Ergebnis sachbezogener Hochrechnungen bzw. Analysen sein. So reagieren viele Politiker auf emotional angespannte Situationen mit kognitiven Appellen. Gleichzeitig werden wichtige Fakten ignorieren und durch emotionale Botschaften zu ersetzten und als Basis für politische Entscheidungen zu nutzen gesucht. “Sarah Wagenknecht”:http://unser-mitteleuropa.com/2018/05/22/wagenknecht-sorgen-uber-zuwanderung-sind-kein-rassismus/ von den Linken hat das begriffen: „Wer Probleme wegredet, dem hören die Leute am Ende eben nicht mehr zu.“

Verstärkt wird dieser Trend dadurch, dass klare und faktenbezogene Äußerungen oder kritische Anfragen in eine rechte Ecke zu schieben gesucht werden und die Mainstream-Medien gezielt vorgeben, was in Deutschland gedacht und gesagt werden darf bzw. was eindeutig falsch und zu bekämpfen ist. So wird aus dem Kant’schen Postulat: “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.” – dem Recht der freien Meinungsäußerung – schnell eine diktatorische Denk-Schablone. Dann mutiert eine durch diskursive Lebendigkeit geprägte pluralistische Gesellschaft schnell zu einer grün-rot eingefärbten amorphen Masse.

_Dr. Albert Wunsch ist Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Hochschullehrer und bekannter deutscher Buchautor. Dieses Interview erschien zuerst bei “wertewandelblog.de”:wertewandelblog.de._

*Das Interview führte Helmut Zilliken, Dipl.Soz.Päd.*
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