Darf der Mensch, was kann? | The European

Gentechnik zwischen Designer-Babys und Klon-Ersatzteil-Lager

Albert Wunsch6.10.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Ob es aktuell um ‚kreative’ Steuerbetrugs-Modelle, Abgas-Manipulationen, Angriffs- bzw. Vertreibungs-Kriege oder gentechnische Experimente geht, die Antwort auf die Frage „Darf der Mensch, was er kann?“

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„Rettungsgeschwister“ oder „Rettungsbabys“ gibt es schon seit etlichen Jahren. Hierbei handelt es sich um Kinder, die von den Eltern künstlich gezeugt werden, um so das Erbmaterial für kranke ältere Geschwister nutzen zu können. Die Embryonen, werden durch In-vitro-Fertilisation gezeugt und mittels Präimplantations-Diagnostik von den Eltern ausgewählt. „Rettungsgeschwister“ sind ethisch umstritten, da sie eine gezielte Auswahl einer passenden befruchteten Eizelle erfordern. Das heißt auch, dass andere befruchtete Eizellen nicht ausgewählt werden und somit nicht die Chance auf weiteres Leben haben, weil sie nicht als Spender für das ältere, kranke Geschwisterkind in Frage kämen. Das erste „Rettungsbaby“ Europas – auch Designer-Baby genannt – wurde nach Berichten von

BBC-online 2003 im Vereinigten Königreich geboren worden. Die Nabelschnur von Jamie sollte dem älteren krebskranken Bruder Charlie helfen.

Im April 2016 soll ein Kind mit drei biologischen Eltern zur Welt gekommen sein. „Das geht aus einem Vorbericht zur Konferenz der Amerikanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin ASRM 2016 hervor“, die Mitte Oktober in Salt Lake City begann. „Mutation kann Verdickung des Herzmuskels auslösen“. Die Mutter des kleinen Jungen trug demnach in ihrem Erbgut Gene des Leigh-Syndroms, einer tödlichen Störung des zentralen Nervensystems. „Sie selbst war gesund, aber zwei ihrer Kinder starben an der Krankheit, überdies hatte sie vier Fehlgeburten.“ Die Eltern wandten sich schließlich an den Arzt John Zhang vom New Hope Fertility Center in New York, meldete die Süddeutsche am 27. September 2016.

Die Berliner Morgenpost melde am 2.08.2017: „Erstmals haben Forscher bei menschlichen Embryonen mit der Genschere Crispr-Cas9 einen Erbgutdefekt erfolgreich behoben. Das Team aus den USA, China und Südkorea korrigierte eine Genveränderung, die zu Herzmuskelverdickung führt – einer Hauptursache für den plötzlichen Herztod“, so eine Meldung der Berliner Morgenpost vom 2.08.2017. Das macht sicher etliche Menschen hoffend. Aber die Meldung stieß bei Mitgliedern des Deutschen Ethikrats auf ein geteiltes Echo. Der Vorsitzende Peter Dabrock spricht von “unseriösen Heilsversprechungen”. Dagegen sagt Medizinethikerin Claudia Wiesemann, die Studie zeige, dass die Technik unter Umständen praktikabel sein könne. Ob dies wünschenswert sei, hänge vom Einzelfall ab.

„Vor drei Monaten meldeten US-Forscher die ersten Erfolge, in der vergangenen Woche legten britische Kollegen mit ihren Ergebnissen nach: Die Wissenschaft hat eine Grenze überschritten. Sie sammelt ihre ersten Erfahrungen mit der genetischen Veränderung des Erbguts in menschlichen Embryos.“ Am Francis-Crick-Institut in London verwendeten die Forscher überzählige Eizellen, die bereits künstlich befruchtet waren. Darin schalteten sie ein Gen aus, das an der sehr frühen Entwicklung des Embryos beteiligt ist. An der Oregon Science and Health University in Portland korrigierte eine andere Gruppe Wissenschaftler in Spermien einen Gendefekt, aus dem eine erblich bedingte Herzmuskelschwäche entstehen kann. Beide Experimente waren im Sinne der Forscher erfolgreich, wie die Rheinische Post am 27.9.2017 meldete.

Genmanipulationen an menschlichen Embryonen sind äußerst umstritten. In Deutschland sind sie verboten. Bisher wurden erst drei Studien aus China veröffentlicht, in denen Forscher versucht hatten, Erbgut zu reparieren – allerdings mit gemischten Resultaten. Berichte über die neue, erfolgreiche Studie aus den USA waren schon vor Tagen an die Öffentlichkeit gelangt, doch erst jetzt veröffentlichten die Forscher die Details. Doch wer „hier nicht nahezu hundertprozentige Sicherheit garantieren kann, führt unverantwortliche Versuche mit menschlichem Leben durch”, so der Theologe Prof. Dr. Peter Dabrock von der Universität Erlangen-Nürnberg als Vorsitzender des Ethik-Rates. Die Studie zeige, wie sehr sich das Klima innerhalb der Wissenschaft gewandelt habe.

Aber welche Bedeutung wird diesen Forschungsergebnissen in Zukunft eingeräumt? Wie viele ‚Eltern’ sind demnächst an einem Neugeborenen beteiligt. Welche Rechte und Pflichten haben sie? Wird bald eine sich gewaltig ausbreitende Gentechnik-Industrie die Reichen umwerben, um die als Vorteile herausgestellten neuen Möglichkeiten zu nutzen? Werden bald die ersten Ärzte bzw. Klinken per Hochglanzbroschüren dafür werben, ganz speziell auf die Wünsche der Eltern zu Haar-Farbe, Körper-Größe, Gewichts-Entwicklung, Intelligenz-Leistung, Sozial-Kompetenz und Glücks-Chance eingehen zu können? Müssen die Verfahren zur Genom-Editierung, wie dies Spezialisten meinen, nur noch verfeinert oder eher gestoppt werden? Wer entscheidet an den Wühltischen der Gen-Märkten, ob es im konkreten Fall um nachvollziehbare gesundheitliche Gründe oder um ein ethisch keinesfalls vertretbares Wollen geht?

Wann werden die ersten Versuche gestartet, Menschen als lebende Ersatzteil-Lager heranzuzüchten, um im Krankheitsfall auf passende Organe zurückgreifen zu können? Müssen wir damit rechnen, dass totalitäre politische Systeme oder tyrannische Herrscher bald gefühllose, aber kampf-hormon gesteuerte Soldaten in die Schlachten um Geld, Besitz und Macht entsenden? Welche Rechte haben dann diese menschlichen Klone bzw. Roboter als die neuen Sklaven? Das Wort „Leib-Eigene“ wir eine neue Bedeutung erhalten.

Schon seit Jahren stellen Studenten meiner Ethik-Seminare die Frage: „Darf der Mensch, was er kann?“ Auch wenn sie angesichts der aktuellen Entwicklungen im Bereich der Gen-Technik und anderer ‚moderner Errungenschaften’ noch brisanter geworden zu sein scheint, seit Anbeginn der Welt benötigen die Menschen eine Antwort. Auf diesem Hintergrund – auch wenn dies häufig vergessen wird – sind die 10 Gebote als Reaktion auf eine breite Fehlhandlungs-Praxis entstanden. Wir müssten diesen Handlungs-Maßstab nur aktualisieren oder neudeutsch ‚häufiger updaten’.

Nicht nur Nordkoreas Diktatoren arbeiten seit Jahren unermüdlich an ihrem nuklearen Aufrüstungsprogramm und präsentieren der Welt in beängstigender Regelmäßigkeit mit Atomraketen-Versuchen ihren Machtanspruch. Und die Weltöffentlichkeit – meist im Verbund mit der Uno – überschlägt sich in Appellen und Resolutionen, um dieses oder vergleichbare Vernichtungspotentiale zu stoppen. Unabhängig von dieser Konkretisierung: Seit Jahrhunderten belegen Menschen, wie sie durch Intrigen, Verleumdung, Habgier, Mord und Totschlag ihre Machtansprüche zum Schaden Anderer umsetzen.

Ob es aktuell um ‚kreative’ Steuerbetrugs-Modelle, Abgas-Manipulationen, Angriffs- bzw. Vertreibungs-Kriege oder gentechnische Experimente geht, die Antwort auf die Frage „Darf der Mensch, was er kann?“ ist uralt: Nein, – Menschen dürfen seit Anbeginn der Welt nicht umsetzen, was möglich ist, wenn durch unkontrollierten Forschergeist, Egoismus, Besitzstreben oder Machtansprüche Schaden, Not oder Vernichtung ausgelöst werden.

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