Durch mehr Kinderkrippen die Geburtenrate erhöhen?

von Albert Wunsch11.05.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Für viele Politiker unterschiedlicher Couleur ist die Ganztagsbetreuung der Königsweg für einen reichen Kindersegen. Doch dieser Glaube ist absurd.

Durch eine Krippen-Offensive die Geburtenrate zu erhöhen ist absurd

Von Politikern unterschiedlichster Richtungen wird – quasi als ‚Global-Koalition’ – immer neu verkündet, die Ganztagbetreuung sei der ‚Königsweg’ zu einem stattlicheren Kindersegen. Diese Stoßrichtung wird durch Frauenverbände und in die Erwerbstätigkeit strömen wollende Frauen meist stark unterstützt.

Wie absurd dieser Irrglaube ist, wird nicht nur durch die Entwicklung in den neuen deutschen Bundesländern eindeutig belegt. Trotz eines superbreiten ganztägigen Betreuungs-Angebotes – selbst für Säuglinge – ging die Geburtenrate nach der Wende rapide nach unten. Auch in Schweden und den übrigen skandinavischen Ländern ist seit Jahren derselbe Trend auszumachen. Dagegen hatte ein Landkreis im Umfeld von Tübingen vor Jahren schon einen weit über dem Bundesdurchschnitt liegende Geburtenzahl bei einem gleichzeitig weit unter dem Durchschnitt liegenden Krippenangebot. Eltern entscheiden sich nicht dann für Kinder, wenn sie diese bald in die Krippen geben können, sondern wenn Kinder gute Aufwachsbedingungen und Eltern gute Lebens- bzw. Erwerbs-Bedingungen haben.

Eine wichtige Differenzierung zwischen Baby-Krippe und Kindergarten

Tauschen sich Menschen im Alltag über Betreuungsmöglichkeiten von Kindern aus, steht schnell der Begriff KiTa (Kinder-Tagesstätte) im Raum. Er wird als Dach-Begriff für die Betreuung von Unter-Dreijährigen in der Krippe und der pädagogischen Arbeit mit den Über-Dreijährigen im klassischen Kindergarten genutzt. In diesem Zusammenhang ist jedoch eine deutliche Abgrenzung zwischen beiden Altersstufen zur Vermeidung undifferenzierter Erörterung vorzunehmen. Denn die Entwicklungs-Voraussetzungen der Kinder, die damit verbundenen pädagogischen Konzepte, die personelle und räumliche Ausstattung sowie die alltagspraktischen Arbeitsabläufe sind zu unterschiedlichen.

Fast alle kritischen Anmerkungen zu einer U-Dreibetreuung entfallen bzw. kehren sich ins Gegenteil für den klassischen Kindergarten. Er ist eine der wichtigsten – auf Friedrich Fröbel zurückgehenden – ‚deutschen Erfindungen’. In Hochachtung für sein Werk und die in diesem Zusammenhang entwickelten pädagogischen Konzepte führten in etlichen Sprachen dazu, dass die deutsche Bezeichnung unübersetzt übernommen wurde.

Ur-Vertrauen und Ich-Identität als Vorbedingungen für soziales Lernen

Das Kindergarten-Startalter wird allgemein auf ca. 3 Jahre festgesetzt. Im Rückgriff auf das “Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung”:https://de.wikipedia.org/wiki/Stufenmodell_der_psychosozialen_Entwicklung des Psychoanalytikers Erik H. Erikson – kann ein Kind in diesem Alter unter der Voraussetzung von sicheren Bindungs-Erfahrungen reichlich Ur-Vertrauen entwickeln und sich somit im Rahmen der Identitäts-Entwicklung ein eigenes Kind-ICH schaffen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um nun auch in intensiverem Ausmaß soziale Erfahrungen machen zu können. Mit diesem Altern ist in der Regel auch verbunden, dass Kinder relativ selbständig zur Toilette gehen können bzw. konnten. Die Erfindung der Pampers-Windeln hat diesen Zeitpunkt jedoch um gut ein halbes Jahr verschoben.

Aussagen von Eltern, die Krippe würde die soziale Kompetenz fördern, fehlt somit weitgehend die Basis. Und das Krippen die Sprachentwicklung fördern würden, widerlegten unterschiedliche Untersuchungen, so auch in Berlin, weil die Übernahme der Spracheingaben von Gleichaltrigen maximal die Brabbel-Fähigkeit von Kindern förderte. Erst recht kann die deutsche Sprache nicht bei einem hohen Migrationanteil der Kinder erlernt werden, am Ehesten ein Multi-Kulti-Kauderwelsch. Denn Sprache entwickelt sich im übend-nachahmenden Kontakt mit Bezugspersonen, welche selber die deutsche Sprache recht gut beherrschen. Und da auch im Bereich des Betreuungspersonal gut deutsch sprechende Fachkräfte zu häufig fehlen, reduziert dies die Sprach-Förderung von Kindern in Krippen (aber auch in Kindergärten) zusätzlich. Wo da Raum ist für die – von den meisten Politikern gebetsmühlenartig behaupteten – wichtigen Bildungsimpulse in der Krippe zwischen ständigem Windel-Wechsel, Kummer-Trösten, Streit-Schlichten, Trink- bzw. Ess-Versorgungen, An- und Umziehen, Arbeitsablauf-Dokumentationen oder in der Nachbargruppe wegen Personal-Mangel einspringen müssen, bleibt wohl ein Geheimnis dieser politischen Ideologen.

Wenn Eltern-Interessen die Kinder-Bedürfnisse ausklammern

Auch wenn viele Anhaltspunkte dafür existieren, dass Kleinstkinder bei Tagesmüttern in der Regel besser aufgehoben sind als in Krippen, verlangt auch diese Betreuungsform nicht selten zu viel. Die wichtigsten Befunde weisen in dieselbe Richtung: Je früher und länger Kleinkinder in der Krippe oder anderen außerhäusigen Betreuungs-Diensten verbringen, desto umfangreicher sollte mit mangelhafter individueller Förderung bzw. auftretenden Störungen gerechnet werden. Zu diesen Zusammenhängen äußert sich der häufig als Krippen-Befürworter bemühte Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis in einem “TAZ-Interview”:http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2007/02/21/a0148 “Die Bindungsqualität ist heute genauso so wichtig, wie früher (…). Die Eltern lassen sich durch nichts ersetzen (…). Man kann aber das Aufwachsen des Kindes bereichern, wenn es in eine Einrichtung von hoher Qualität geht.” Er führt weiter aus: “Bei Kindern unter zwei Jahren muss man sehr individuell schauen. Ich empfehle den Eltern, das Kind erst ab 18 Monaten in eine Einrichtung zu bringen. Vorher sollte es aber viel Kontakt mit Gleichaltrigen haben, etwa in Spielgruppen. Das Familiensystem bloß nicht geschlossen halten.” Aber es gibt kein Konzept für alle, jedes Kind ist anders. “Ich habe meinen Sohn in die Krippe gebracht, und als ich sah, wie er reagiert hat, habe ich ihn wieder herausgenommen.“

Die subtile Lüge von der Wahlfreiheit im Rahmen eines Verfassungsbruchs

In unserem Land propagieren immer mehr Politiker ein ganz eigentümliches Verständnis von Wahlfreiheit. Denkende Staatsbürger sehen das anders und betrachten dieses Vorgehen als Begünstigung bestimmter Personengruppen und fühlen sich als – per Verfassungsbruch – Betrogene. Denn es kann doch nicht sein, dass sich die auf das Erwerbsleben konzentrierenden Eltern mit einem in Höhe von 800,- bis 1.250,- Euro subventionierten Krippenplatz (je nach Örtlichkeiten und Alter des Kindes differierend) pro Monat beschenkt fühlen dürfen und die für ihre Erziehung selbst sorge tragenden Eltern nicht nur finanziell leer ausgehen und ins Abseits gestellt werden, sondern dieses Geld auch noch durch ihre Steuern mitfinanzieren. Dass sie gleichzeitig von kariere-orientierten Zeitgenossinnen als von vorgestern belächelt werden, ist dann die Krönung der Ungerechtigkeit

Wie per Bedarfsweckung keine Bedarfs-Ermittlung möglich ist

Kaum in einem anderen Bereich unseres Staatswesens wird so undifferenziert mit Bedarfsäußerungen umgegangen, wie im Bereich der Kinderbetreuung. Rief das Volk, die Steuern abzuschaffen oder das Parken auf Bürgersteigen zu erlauben, es würde ignoriert. Wollen Eltern aber rund um die Uhr ihr Kind am Kindergarten abgeben, zusätzliche Krippenplätze oder Ganztagsschulen, schon wird das Ganze als wichtige Bedarfsäußerung aufgegriffen. Die Frage, ob die Väter und Mütter sich hier überhaupt als Erziehungspersonen – in Abgrenzung von Eigen-Interessen – äußern, bleibt meist unberücksichtigt. Solche Willensbekundungen dürften wegen Befangenheit und offensichtlicher Interessen-Kollision gar nicht ungeprüft bearbeitet werden. Außerdem würde jedes Angebot, welches zu ca. 80% subventioniert wird, einen riesigen „Bedarf“ auslösen. Die Produzenten von Kuscheltieren für Kinder beispielsweise würden sich vor „Nachfrage und Begehrlichkeit“ nicht retten können, wenn 80% der Kosten vorab vom Staat übernommen würden, wie im Fall der Krippenbetreuung. Würden die Krippenplätze zu den tatsächlichen Kosten angeboten, bei einer gleichzeitig kräftig erhöhten Finanz-Ausstattung der Eltern, würde sich sehr schnell der tatsächliche Eltern-Bedarf ergeben. Ob dies dann für die Kinder sinnvoll wäre, bleibt damit immer noch offen.

‚Mehr Eltern-Verantwortung’ anstelle von ‚mehr Staat’ als Konsequenz

Daher wird hier die Forderung aufgestellt, das Familien-/Erziehungsgeld für alle Eltern für die ersten 3 Lebensjahre kräftig aufzustocken und gleichzeitig die Subventionierung von Krippenplätzen einzustellen, um so eine wirkliche Wahlfreiheit zu schaffen. Dann tragen die – auch in den ersten 3 Lebensjahren eines Kindes – auf eine möglichst umfangreiche Erwerbstätigkeit setzenden Eltern das Geld für Betreuungsleistungen an Tagestätten oder Tagesmütter und die vielen anderen Eltern vereinnahmen es für die selbst erbrachte Erziehungsleistung. Dies entspricht übrigens genau dem Willen von ca. 80% der Eltern, wie dies durch viele Untersuchungen belegt wurde.

Das System Familie würde so eine rasante Stärkung erfahren und einen kräftigen Schub in Richtung Gerechtigkeit erfahren. Dies entspricht übrigens exakt dem seit Jahren erhobenen Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes an die Politik. Denn dort wird im “Kinderbetreuungsurteil” vom 19. 1. 1999 ausdrücklich die Schaffung einer echten “Wahlfreiheit für Eltern bei der Art der Kinderbetreuung in ihren ‚tatsächlichen’ Voraussetzungen” gefordert, damit der vom Grundgesetzt garantierte Schutz von Ehe und Familie nicht durch die jeweiligen Bundesregierungen weiter ausgehöhlt wird.

_”Weiterführende Literatur”:http://www.amazon.de/Mit-mehr-Selbst-stabilen-Pers%C3%B6nlichkeitsbildung/dp/3642377017/ref=asap_bc?ie=UTF8_

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