Wer den kleinen Finger gibt

Albert Wunsch13.07.2015Gesellschaft & Kultur

Galten Ehe und Familie noch vor Kurzem als veraltetes Modell, wird nun für dieses als Privileg mit dem Slogan „Ehe für alle“ gekämpft. Damit steuern wir in eine Gesellschaft, in der sich der Staat dem Mainstream anpasst – und sich Leute im Namen der Selbstverwirklichung alles einklagen werden.

„Ich habe mich selbst geheiratet“, so eine britische Fotografin. Sie setzte damit das in die Tat um, was Carrie in der US-TV-Serie „Sex and the City“ inszeniert hatte, um auch endlich mal Geschenke von ihren verheirateten Pärchen-Freunden zu bekommen. Grace Gelder hat den Vorgang aber real – vor einer Parkbank – im Herbst 2014 vollzogen und somit Carries Fake-Vorhaben in die Tat umgesetzt. Vor fünfzig Hochzeitsgästen hat sie das Ja-Wort gesprochen und zwar sich selbst. Die Zeremonie wurde mit dem Kuss aufs Spiegelbild besiegelt. Die Zukunft wird vielfältig. Ob ein Mann vier Frauen, eine Frau drei Männer, zwei Schwule oder drei Lesben sich verbinden, der Slogan: „Ehe für alle“ wird die Hoffnung auf viel „Freibier für alle“ auslösen.

„Wir fühlen uns in unserer Familie mit Wolfgang und Isolde wohl. Täglich gehen wir mit den beiden mindestens zweimal Gassi. Das Wochenende verbringen wir mit unseren Hunde-Freuden als Großfamilie. Wir haben auch schon eine Grabstätte gekauft, wo wir dann gemeinsam unsere letzte Ruhe finden.“ Auch wenn wir nicht auf den Hund gekommen sind: Das Verständnis von dem, was als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet wird, ist recht schillernd.

Ehe und Familie sind wieder im Gespräch. Das ist gut und verwundert zugleich. Denn im politisch und medial inszenierten Mainstream weht Ehe und Familie oft ein eisiger Wind entgegen, werden die Vorsetzungen für ein gut lebbares Miteinander von Eltern mit ihren Kindern stark behindert, manchmal auch bekämpft. Andererseits ist zu beobachten, dass sich unterschiedlichste Interessengruppen oder Lebensformen gerne als Familie bezeichnen, wenn es dem eigenen Vorteil dient.

Nun steht sogar die Forderung nach einer „Ehe für alle“ im Raum. Dabei scheint es auch um die stille Sehnsucht nach Heimat und dem kleinen Fleck einer heilen Welt zu gehen. Aber bei allem Hin und Her unterschiedlichster Interessen ist die Vergegenwärtigung wichtig: „Ehe und Familie“ – so fordert es das Grundgesetz – „stehen unter dem besonderen Schutz des Staates.“

Familie ist mehr als eine Summe von zusammenlebenden Menschen

Die Geburt eines Kindes macht ein Paar zur Familie. Dies ist Alltagswissen. Der Duden definiert die „Lebensgemeinschaft Familie“ als „ein Elternpaar oder einem Elternteil mit mindestens einem Kind“ bzw. in der erweiterten Form „alle miteinander [bluts]verwandten Personen (Sippe)“. Wenn wir diese Definitionen bei der aktuellen Diskussion um Ehe und Familie zugrunde legen, klärt sich vieles von selbst. Da aber das Zusammenleben in der Familie – wenigstens per Erinnerung – bei vielen Menschen in Lebensformen jenseits dieses klassischen Verständnisses die Erfahrung von Vertrautheit und Geborgenheit wachruft, wird durch die Übernahme von Begriffen versucht, die erinnerten positiven Erfahrungen neu zu vergegenwärtigen.

Dieser Denkansatz ist in vielen werteorientierten Handlungsfeldern zu beobachten. Einerseits wird die Ehe von etlichen Menschen als antiquierte Form des Zusammenlebens abgelehnt, andererseits wollen gleichgeschlechtliche Paare, trotz der wichtigen Möglichkeit, sich als Partnerschaft offiziell eintragen zu lassen, nun auch heiraten.

Da wird christliches Handeln als obsolet bezeichnet oder gar lächerlich gemacht, aber fast alle wollen kräftig Weihnachten – das Fest der Geburt Christi – feiern, indem vorher per endoskopischer Detailarbeit der religiöse Kern des Festes entfernt wurde. So wird die Handlung, wenn öffentliche Gebäude, Brücken, Straßen oder die eigenen vier Wände zur Nutzung freigegeben werden, meist als „Ein-Weihungs-Feier“ bezeichnet, obwohl der dazu gehörende sakrale Rahmen – oder nach Duden: „die rituelle Handlung, durch die jemand oder etwas in besonderer Weise geheiligt oder in den Dienst Gottes gestellt wird“ gar nicht vorgesehen ist.

Mit Volldampf in eine Welt des „Haben-Wollen“ steuern?

So hat der Zeitgeist – wer immer das auch sein mag – einen Quasi-Fetischismus in die Welt gesetzt: „Es wird gehofft, durch die Übernahme von positiv besetzten Begriffen – bei gleichzeitiger Entleerung ihrer inhaltlichen Substanz, doch noch etwas vom ursprünglich damit assoziierten guten Gefühlt herüberretten zu können.“ Das Ganze ähnelt dann, um einige Beispiele zu nennen, Strandpartys ohne Wasser und Sand, Musikfestivals ohne Sänger, Bands und Orchester oder Classic Days, bei welchen zwar kräftig konsumiert wird, nur halt keine Oldtimer zu bestaunen sind.

Ein weiterer Grund im Kampf um die Aneignung der Begriffe „Ehe“ und „Familie“ ist das Erheischen-Wollen handfester staatlicher Privilegien. Es geht dann nicht mehr um Inhalte, Fakten oder schutzwürdige sinnvolle Gehalte, sondern um den eigenen Nutzen, um Selbstverwirklichung und Gleichmacherei. Der Schein verdrängt das Sein, die so Handelnden steuern wegen fehlender eigener Substanz in ihren Lebensformen in einen „Als-ob-Modus“ und gieren trunken nach immer mehr „Haben-Wollen“.

Die angemessene Biegung einer Banane wird durch die EU ebenso genormt wie die einheitliche Tischhöhe zwischen Mittelmeer und Nordsee. Auch die bundesdeutsche Regelungswut treibt häufig genug absonderliche Blüten. Aber beim Thema Qualitätsanforderungen zur Erziehung in der Familie wird eher „Das Schweigen der Lämmer“ in Szene gesetzt. Denn die Frage, ob eine sogenannte klassische oder eher eine moderne Familie – was immer auch damit gemeint sein mag – optimalere Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern bereitstellt, ist zukunftsweisend für die nachwachsende Generation und den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Auf der Sprachebene wird der Kampf der Gesinnungen offensichtlich. So geben sich Menschen, die in eher instabilen Formen zusammenleben, per Selbstetikettierung das Vorzeichen „modern“ und beschreiben sich als bunt, facettenreich und lebendig. Im Gegenzug wird versucht, stabile familiäre Lebensformen – erst recht die Ehe – als alt, konservativ und nicht mehr lebbar abzuqualifizieren. Die wichtige Frage, welche Familien wie gezielt zu fördern sind, bleibt bei einem solch undifferenzierten Schlagabtausch offen.

Familien schützen und Rahmenbedingungen fördern

Es wird Konsens existieren, dass die politisch Verantwortlichen stetig Wandlungsprozesse zur Kenntnis nehmen müssen. Aber mit welcher Zielsetzung wird auf diese Veränderungen reagiert? Versteht sich Politik als Steigbügelhalter einer Anpassung an den Mainstream oder als Gestalter optimaler Voraussetzungen eines gelingenden und stabilen, durch Achtung und Wertschätzung geprägten Zusammenlebens? Es verwundert, mit welch intellektueller Begrenztheit hier reagiert bzw. regiert wird.

Denn wenn im Bereich der Familie Anpassung zum bevorzugten Handlungsprinzip wird, dann sind beispielsweise Aktionen zum Aufspüren von Steuerhinterziehungen genauso einzustellen wie Brandschutz-, Geschwindigkeits- oder Alkohol-Kontrollen, wenn ein Verhalten nachweislich dem Mehrheitstrend entspricht. Wozu wird also von wem entschieden, sich hier anzupassen oder dort gezielt gegenzusteuern?

Demnach müsste das Hauptkriterium für politische Entscheidungsträger sein, erwartbaren Schaden von Kindern und Familien abzuwenden und Förderliches zu manifestieren. Demnach ist es die Pflicht des Staates, die Familien als Keimzelle der Gesellschaft zu schützen und durch gute Rahmenbedingungen gezielt zu fördern, wie dies für die Bundesrepublik Deutschland in der Verfassung geregelt ist. Hierzu der aus der Schweiz stammende renommierte Familienforscher Franz-Xaver Kaufmann: „Wenn in einer Gesellschaft jedoch stabile und eher instabile Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als frei wählbar betrachtet werden, dann hat der Staat seine besondere Unterstützung jenen zu geben, welche die größte Chance für eine optimale Erziehungswahrnehmung bieten.“ Denn: Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrat.

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