Gegner gesucht

Alan Posener7.11.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Daniel Craig ist der beste Bond seit Sean Connery. Dennoch geht die Filmreihe um Jason Bourne mehr unter die Haut und das hat mit dem lausigen Gegenspieler des neuen Bond zu tun.

Als ich ein Kind in Kuala Lumpur war, abonnierte ich eine Zeitschrift, die sich „The Young Elizabethan“ nannte. Junge Elisabethaner sollten die Antwort auf den Niedergang des Empire sein: Wir waren vielleicht keine Weltmacht mehr, aber wir wollten, wie die alten Elisabethaner Francis Drake, Walter Raleigh, Francis Bacon und William Shakespeare, abenteuerlustig, findig und unerschrocken sein.

James Bond passte in diese Zeit. Hierzulande gilt er als Produkt des Kalten Kriegs. Aber Bonds Feinde waren nie die Russen oder Chinesen; in Wirklichkeit wollten er und seine Vorgesetzten es vor allem den „Yanks“ zeigen, den Amis. Sie hatten die Feuerkraft und die Manpower; wir hatten in Bond die Tapferkeit, die Intelligenz, ein gewisses Scheißwasdraufhaudegentum und – erstaunlich für einen Engländer, und erst recht für einen Schotten wie Sean Connery – den Sex.

Craig ist der beste Bond seit Connery

In Wirklichkeit war die Performance des britischen Geheimdienstes miserabel, nicht nur im Bett. Spione wie Kim Philby, Donald Maclean, Guy Burgess und Anthony Blunt verrieten Atomgeheimnisse und sonst alles, was ihnen unter die Finger kam, an die Sowjetunion. Die Romane John le Carrés geben einen guten Einblick in diese Welt, und es ist kein Zufall, dass in „Tinker, Tailor, Soldier Spy“ der Verräter ein aristokratischer Snob ist, der von einem rasenden Amerikahass besessen ist.

Alles an James Bond, vom Smoking bis zu den Gadgets, mit denen ihn Q ausstattet, ist in der Quintessenz britisch, und es ist kein Zufall, dass die Romane zur Lieblingslektüre des britischsten aller amerikanischen Präsidenten gehörte: John F. Kennedy liebte 007. Möglicherweise ist sogar die abenteuerliche Landung in der Schweinebucht der Tatsache geschuldet, dass der zuständige CIA-Mann Richard Bissell etwas von einem Bond an sich hatte.

Erstaunlicher ist, dass Bond eine universelle Anziehungskraft entwickelte. Wahrscheinlich wegen der Vorstellung, der wirkliche Kampf zwischen Gut und Böse spiele sich nicht zwischen den Supermächten ab, sondern gegen einen viel schlimmeren Bösewicht, der die Weltmächte gegeneinander hetzt, um am Ende als lächelnder Dritter dazustehen. Dessen Züge trägt am unverblümtesten der Jude Auric Goldfinger, aber auch Dr. Julius No und natürlich Ernst Stavros Blofeld mit seiner internationalen Organisation SPECTRE: Gespenst.

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass James Bond mit dem Format seiner Feinde steht und fällt. Die Ironie der Geschichte will es, dass die Filme just in dem Augenblick in diesem Punkt schwächeln, als ihnen die Wirklichkeit entgegenkommt. Nicht, dass die jüdische Weltverschwörung Gestalt annehmen würde. Aber wie sagt M im neuen Bond: „Ich sehe einen Kampf, der sich nicht mehr zwischen Staaten abspielt, sondern im Schatten.“ Recht hat sie: Arabische Dschihadisten, mexikanische Drogenbosse, russische Waffenhändler und andere Netzwerke destabilisieren die Welt. Agenten wie Bond werden gebraucht. Und Daniel Craig ist der beste Bond, den es seit Connery gab.

Armselige Feinde

“Ein Bond für unsere Zeit: verletzlich, sentimental, voller Misstrauen gegen die Moderne, im Akzent der leiseste Hauch der Gosse(Link)”:http://www.theeuropean.de/louisa-loewenstein/5432-neuer-james-bond-mit-daniel-craig. Wenn aber im neuen Film, „Skyfall“, der Erzbösewicht ein armseliger Ex-Agent ist, getrieben von einer Hassliebe zu Judi Dench und gespielt von – ich bitte Sie! – Javier Bardem, dann kann auch der hervorragend kaputte Craig nichts ausrichten. Solche betriebsinternen Geschichten gehören eben in die Welt von John le Carré, nicht zu James Bond. Ich sage es als Brite und alter Elisabethaner ungern, aber die Filme um Jason Bourne, insbesondere der bisher letzte Film, „The Bourne Ultimatum“, der formal viele Ähnlichkeiten mit dem neuen Bond hat, sind besser.

Nicht, weil Matt Damon oder gar Jeremy Renner besser wären als Daniel Craig, oder Bourne besser als Bond. Sondern weil sie einen besseren Gegner haben: die eigene Regierung.

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