Eine Frage der Sinnlichkeit

Alan Posener15.05.2010Gesellschaft & Kultur

Die antike Kunst steht für Sinnlichkeit – Alan Posener findet, das Christentum hat dieses ästhetische Prinzip abgeschafft. Alexander Görlach widerspricht dem vehement: Er fühlt sich gerade über das christliche Erbe mit der Antike verbunden.

*Posener: Gerade komme ich von einer Reise aus der Provence zurück, bei der ich den Spuren der Griechen und Römer folgte, die der Region die Zivilisation gebracht haben. Zurückgekehrt nach Deutschland, besuchte ich am Sonntag den Kölner Dom. Von der moralischen Flachheit der Predigt Kardinal Meisners will ich hier nicht reden, wohl aber von dem abschreckenden Eindruck, den der Dom selbst – den ich sonst gern besuche – auf mich machte. Die römische Kunst, der ich in der Provence auf Schritt und Tritt begegnete, war so menschlich anrührend, so lebensprall und sinnenfroh. Und nun, am Dom: lauter der Welt entrückte Märtyrer und Heilige, die sich in stilisierten Posen an Bücher klammerten; und in der Kirche selbst die ewig wiederholte Geschichte des Lebens Jesu. Ich empfand plötzlich mit der ganzen Wucht einer ästhetischen Urerfahrung die ungeheuerliche kulturelle Verarmung, die mit der Erhebung des Christentums zur allein geduldeten Reichsregierung einherging.* Görlach: Das ist ein subjektives Empfinden, das auf dem Hintergrund der satten Erfahrungen und Sinneseindrücke, die Sie von Ihrer Reise mitgebracht haben, nachvollziehbar ist. Der Kölner Dom ist 750 Jahre alt, fertiggestellt im 19. Jahrhundert. Ich bin mir daher nicht sicher, wie sehr Ihr subjektives Empfinden für den Beleg Ihrer These herangezogen werden kann. Wir müssten dafür bauliche Relikte, schriftliche Zeugnisse und Kunstwerke aus der Spätantike, die den Übergang von Heidentum zum Christentum illustrieren oder zum Thema haben, heranziehen. *Posener: Richtig. Und was wir finden werden, ist: intellektuelle und ästhetische Verarmung. Platons Akademie wird geschlossen, die Naturwissenschaft wird verteufelt, die herrlichen Bauten der Griechen und Römer werden als Steinbrüche verwendet, und die Schönheit einer Venus von Milo wird für 1.000 Jahre und mehr vergessen.* Görlach: Bachs Matthäuspassion war für hundert Jahre vergessen, bevor Felix Mendelsohn-Bartholdy sie wiederentdeckt hat. Die unter Heinrich VIII. zerstörten Klöster wurden genauso wie die von Napoleon zerstörten Kirchen als Steinbruch verwendet. Und: Das Christentum hat einen wesentlichen Bestandteil der Lebenswirklichkeit in der heidnischen Welt abgeschafft: die Munera, die Spiele in den Theatern, bei denen Menschen auf verschiedenste Weise sadistisch gequält und zu Tode gebracht wurden. Für jedes Ihrer Beispiele finden sich Gegenbeispiele.

Ein Gefühl des Verlusts

*Posener: Um mit dem Letzten zu beginnen: Als Ersatz für die Spiele gab es die massenhafte öffentliche Verbrennung von Ketzern und Hexen. Das Märchen von der Zivilisierung der Welt durch das Christentum ist eben nur das – ein Märchen. Mir ging es aber zunächst einmal nicht um das Soziale, sondern um die Kultur. Wie können Sie durch ein Museum gehen, die großartigen Plastiken der Römerzeit sehen und nicht ein Gefühl des Verlusts empfinden?* Görlach: Wir empfinden immer Verlust, wenn wir bemerken, dass wir Liebgewonnenes verlieren. Vor hundert Jahren hat Oswald Spengler den Untergang des Abendlands betrauert. Die Entzauberung des Himmels, das Ende metaphysischer Ordnung ebenfalls. Wir sind mit Heidegger Geworfene; damit klarzukommen ist nicht leicht. Alan: An die Stelle der Munera sind nicht die Hexenverbrennungen getreten. Zwischen beiden liegen Jahrhunderte. Ich weiß nicht, was einen so intelligenten Menschen wie Sie immer wieder zu solch ahistorischen Aussagen bringt. Als ehemaliger Schüler eines humanistischen Gymnasiums, der auch noch Latein und Griechisch hatte, fühle ich mich gerade über das christliche Erbe unseres Kontinents der Antike verbunden. Die christliche Theologie ist bis heute auf der hellenistischen Philosophie aufgebaut, die kirchliche Rechtsordnung hat römische Vorstellungen entlehnt. Nur Revolutionen verhindern historische Kontinuität. Der Übergang vom Heiden- zum Christentum hingegen ist von wechselseitiger Berührung durchdrungen. Die neu getauften Christen waren ja Bürger Roms und Bewohner einer bestimmten geprägten Geistes- und Kulturwelt. *Posener: Sie lenken ab, Alexander. Sie reden von Spengler und von der Theologie. Ich rede von der Sinnlichkeit der Kultur.* Görlach: Ich komme aus einer Weinbaugegend. Die Römer haben ihn dorthin gebracht. Das römische Erbe ist für mich also nicht nur in meiner Kirche lebendig. Und erlesener rheinhessischer Riesling hat viel mit Sinnlichkeit zu tun. *Posener: Da sind wir absolut einer Meinung. Obwohl Sie schon wieder ablenken und nun statt von der Kunst vom Wein reden. Möglicherweise hat also die viel gerühmte katholische Sinnlichkeit, sprich Doppelmoral, mehr mit dem Wein und dem paganen Erbe der Griechen und Römer zu tun als mit der Religion.* Görlach: Heißt das für Sie, dass Sinnlichkeit immer mit Doppelmoral einhergeht? Oder: nur bei Katholiken mit Doppelmoral einhergeht, weil die ja nicht sinnlich sein dürfen? Ich würde keine Trennung zwischen Kultur und Religion ziehen, so wie Sie das tun. So macht das auch Spengler im Untergang des Abendlands: die Kultur und den Geist für die Griechen, die Technik und das Recht für die Römer. Also: Sie möchten von Kunst sprechen und von Kultur. Auch von der Sinnlichkeit der Kultur. Sie sagen, dass die Kunst der heidnischen Spätantike sinnlicher war als die christliche, die sie ablöste. Belegen möchten Sie diese These durch Beobachtungen, die Sie in der Provence (Antike) und dem Kölner Dom (Mittelalter) gemacht haben. Das funktioniert nicht. Man hat der Zeit nach 381, nachdem das Christentum römische Staatsreligion wurde, keine neue Epochenbezeichnung gegeben. Man nennt diese Zeit die Spätantike. Erst die Völkerwanderung im 7. Jahrhundert nach Christi Geburt wird als eine historische Zäsur gesehen. Die Kunst der Antike ist nicht verloren: Sie geht ein in die christliche Kunst. Am deutlichsten wird das in der Epoche der Renaissance.

Der Dialog zwischen der Philosophie und der Theologie hat niemals aufgehört

*Posener: Nun, die Christen jener Zeit empfanden die “konstantinische Wende” schon als eine völlig neue Epoche und die unterdrückten Heiden – zu der Zeit eine Mehrheit der Bevölkerung des Imperiums – wohl auch. Dass die politische Ordnung des Reichs ebenso wie die soziale von den neuen Herren unangetastet blieb, dass also in der Tat die Sklaverei nicht von den Christen, sondern erst von den einfallenden feudal organisierten Germanen abgeschafft wurde, mag heutigen Anhängern jener Religion kurz zu denken geben und soziologisch orientierte Historiker dazu verleiten, die Bedeutung jener Wende zu übersehen. Aber mit der Abschaffung der religiösen Toleranz, die Rom auszeichnete, der Unterwerfung von Philosophie, Wissenschaft und Kunst unter die Theologie und der Theologie unter das Dogma änderte das Reich seinen Charakter grundlegend, wenn auch die Institutionen formal erhalten bleiben. Sinnesfreude und intellektuelle Neugier, Erben des Griechentums, gehen verloren, und das macht sich in der Kunst sofort bemerkbar. Vergleichen Sie eine beliebige Statue der Venus oder des Herakles mit einer beliebigen Heiligenstatue jener Zeit. Die Renaissance – noch eine Wende – ist ja Wiederentdeckung, “Wiedergeburt”, wie das französische Wort ja heißt, einer verschütteten, verlorenen, ja, gestorbenen Tradition, nicht einfach Fortführung der Tradition christlich-spätantiker und christlich-mittelalterlicher Kunst, und es ist kein Zufall, dass sie – und die Geisteshaltung, die mit ihr einhergeht – zunehmend mit einer Infragestellung überkommener Dogmen einhergeht. Sie fragen, ob für mich Sinnlichkeit immer mit Doppelmoral einhergeht. Nein. Unterdrückung und Verteufelung der Sinnlichkeit, das Merkmal der monotheistischen Religionen –, das führt zur Doppelmoral – das führt zu Mixa und Co.* Görlach: Es gibt heute Museen, die Abteilungen für christliche Kunst haben. Sie sehen, auch die vergangenen Epochen der christlich geprägten Kultur sind schon im Museum gelandet. Auch diese Religion verändert sich und hat sich im Lauf der Zeit selbst renoviert und weiterentwickelt. Die Renaissance war in keinem Fall die einfache Wiederaufnahme des antiken Erbes, genauso wenig wie die Platon- oder Aristotelesrezeption des Mittelalters nahtlos antike Gedanken aufgenommen hat. Das Neu-Heidentum, von dem im Zusammenhang mit der Zurückdrängung des Christentums heute immer wieder einmal gesprochen wird, knüpft auch nicht nahtlos an das Heidentum der Antike an. Da das Christentum kein Bilderverbot kennt wie die beiden anderen monotheistischen Religionen, die Sie hier so verkürzend schmähen, hat sich in der christlichen Welt von der Spätantike an eine Vielfalt von künstlerischen Äußerungen und Moden etabliert. Vergleichen Sie Tizian und Dürer, Cranach und Michelangelo, El Greco und Dalí. Der Dialog zwischen der Philosophie und der Theologie hat niemals aufgehört. Schauen Sie auf das Relief über dem Haupteingang der Universität zu Salamanca. Dort disputieren der Papst, Platon und Aristoteles. Die konstantinische Wende findet ihren Niederschlag in der Mailänder Toleranzakte 313, die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion ist im Jahr 381. Sie springen wieder durch die Geschichte, um Ihre These zu beweisen. In Ihrer Welt gibt es anscheinend nur Schwarz und Weiß, lieber Alan. Dabei übersehen Sie die schönen Nuancen, die alle Kulturen so reich und bewundernswert machen. *Posener: Ich springe durch die Geschichte? Wo Sie im Zusammenhang mit der von mir zitierten konstantinischen Wende und der anschließenden Etablierung des Christentums im 4. Jahrhundert mit allen üblen Folgen für Kunst und Kultur Tizian und Dürer, Cranach und Michelangelo, El Greco und Dalí zitieren – sämtlich Maler, die mindestens 1.200, in einem Fall 1.700 Jahre später lebten! Es geht nicht um Schwarz und Weiß, Alexander. Ich bin ein großer Bewunderer der christlichen Kunst der Spätantike, etwa der Mosaiken in Ravenna, und des Mittelalters, etwa der Altäre eines Tilman Riemenschneider im Mainfränkischen. Es geht um eine bestimmte Beobachtung: um den Untergang der schönen, selbstverständlichen Sinnlichkeit der hellenistisch-römischen Kunst mit der Heraufkunft des Christentums. Und diese Beobachtung ist mir wichtig, weil sie eben darauf hindeutet, dass da eben nicht nur Kontinuität ist, wie Sie es – im Einklang mit dem gegenwärtigen Papst – suggerieren, sondern eben auch ein Bruch. Man redet leichthin von den christlichen und griechisch-römischen Wurzeln Europas, aber – das wurde mir dieser Tage in der Provence klar – diese Wurzeln, zu denen man ja noch einige andere hinzuzählen müsste, denn Europa ist ja auch ein Produkt der Völkerwanderung, wie Sie sehr richtig sagen, und der Kreuzzüge, die Abwehr gegen die und Austausch mit der arabischen Welt bedeuteten – diese Traditionslinien ergänzen einander nicht einfach; sie bilden einen Gegensatz, den man nicht unter den Tisch zu kehren versuchen sollte.*

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu