Steinregen im Glashaus

Alan Posener20.03.2010Gesellschaft & Kultur

Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche werfen die Frage auf, ob die Kirche als religiöse und moralische Instanz härter zu verurteilen ist als beispielsweise Familien, die Missbrauch vertuschen. Alan Posener sagt, es wird Wasser gepredigt, doch Wein getrunken. Alexander Görlach muss sich wundern.

*Görlach: Alan, ich bin froh, dass die Debatte um runde Tische und Missbrauch sich von der katholischen Kirche weitet und andere religiöse Gemeinschaften und säkulare Lehreinrichtungen in den Blick nimmt. Es scheint ja so zu sein, dass Reformpädagogik und sexuelle Befreiungsbewegung auch nicht die Wunder gewirkt haben, die man sich von ihnen in Abgrenzung zu einer religiös konnotierten Erziehung gewünscht hat.* Posener: Nun, Alexander, ich weiß nicht, wer dieser ominöse “man” ist, der sich von der Reformpädagogik und der sexuellen Emanzipation “Wunder” erwartet haben soll. Für Wunder ist nach wie vor die katholische Kirche zuständig. Und für sie sollte der Spruch Bertolt Brechts gelten: “Lasst andere von ihrer Schande reden / Ich rede / Von der meinen.”   *Görlach: “Man” sind diejenigen, die diese Pädagogik als Kind ihrer Zeit gefördert und lanciert haben. Das Wein-Wunder zu Kanaan, für das Jesus zuständig ist und nicht die Kirche, erinnert mich an einen Spruch vom Wasser predigen und Wein trinken. Wer hat sich nicht alles über katholische Einrichtungen, Messdiener, unbescholtene Priester erhoben, um den moralischen Stab über die Kirche zu brechen. Die Bundesministerin für Justiz war in der ersten Reihe dabei. Jeder Missbrauch ist einer zu viel, egal ob in einer kirchlichen oder einer weltlichen Einrichtung. Dass er aber in weltlichen Schulen auch vorkommt, nimmt die Gesamtgesellschaft in die Pflicht und nicht nur den katholischen Klerus.* Posener: Dazu schreibt der Economist diese Woche im Leitartikel, bei dem es vornehmlich um die Zustände in irischen Heimen geht, die ich auch in meinem Buch über Benedikt geschildert habe: “Bischof Christopher Jones – auch aus Irland – beschwerte sich, wieso man in der Debatte auf der katholischen Kirche herumreiten müsse. Die meisten Missbrauchsfälle passierten doch in der Familie oder anderen Gemeinschaften. Sein Kommentar geht komplett am Thema vorbei. Nicht nur Jones sollte doch klar sein: Wer absolute moralische Werte vertritt, wird selbst auch anhand dieser Werte gemessen werden.” So ist es.   

“Wasser predigen und Wein trinken”

*Görlach: Ich hoffe doch – und das entspricht doch auch Ihrer Argumentation, wonach Werte keinen Gott brauchen –, dass die Familien in der Lage sind, das Wohl ihrer Kinder als Wert zu formulieren, und sie dafür nicht die Kirche brauchen, die diesen absoluten Wert predigt. Wenn Sie anders argumentieren, lenken Sie vom Thema ab und lassen die Opfer allein. Genau das werfen die Kritiker der Kirche vor.* Posener: Es geht darum, dass die Kirche allgemein – und ganz besonders Joseph Ratzinger, der seit 1981 als Präfekt der Glaubenskongregation zuständig ist für Fälle des Sexualmissbrauchs in der ganzen Kirche – sich eben jener Sünde schuldig gemacht hat, von der Sie oben sprachen: Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Was haben wir uns nicht alles anhören müssen: in der Tat jenen Slogan “Werte brauchen Gott”, als sei der Gottlose weniger in der Lage, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, als der Glaubende; ständige gehässige Propaganda gegen Homosexuelle und die Homo-Ehe, gegen die Zügellosigkeit und den Relativismus der Moderne. Dabei wussten die Verantwortlichen vom Sumpf in den eigenen Reihen, weil sie ihn aktiv zu vertuschen versucht haben! Hier gilt das Jesuswort vom Span im Auge des Nächsten und vom Balken im eigenen. Darum geht es. Um die Wiederentdeckung der Demut seitens der Kirche, einer Tugend, die sie unter Benedikt, der selbst ernannten “Stimme der moralischen Vernunft der Menschheit”, vergessen zu haben scheint. *Görlach: Schon in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden päpstliche Richtlinien erlassen, wie mit Priestern, die gegenüber Kindern und Jugendlichen auffallen, umgegangen werden muss. Die Skandale in den USA haben Rom zutiefst verunsichert, internationale Expertenrunden wurden im Vatikan versammelt. Ich glaube, dass es entsprechende Enthüllungen in Italien, Spanien, den Niederlanden, Polen, Schweden auch geben wird: nicht nur in der katholischen Kirche, sondern in weltlichen Schulen und Sportvereinen. Im Moment klingt es doch so, als wäre Kinderschänden in Schulen früher ein Volkssport gewesen: Wie viele Mitwisser muss es da gegeben haben: Kleriker und Nicht-Geistliche. Das, was jetzt hochkocht, wird unsere Gesellschaften erschüttern, nicht nur die Kirche. Der Papst aus Bayern wird da nur eine Fußnote sein.* Posener: Ja, Gewalt gegen Kinder war vor 68 die Regel und, wie uns Georg Ratzinger berichtet hat, bis 1980 etwa auch bei den Regenburger Domspatzen. Und gleichzeitig war da diese furchtbare Nähe, diese Vergewaltigung der Kindheit. Das war selbstverständlich nicht nur in Einrichtungen der katholischen Kirche der Fall. Freilich dort offensichtlich gehäuft. Allen Hoffnungen der Reaktionäre zum Trotz hat der Fall der Odenwaldschule nicht eine Lawine von Enthüllungen über andere Reformschulen losgetreten, so wie es beim Canisius-Kolleg der Fall war. Aber ich muss schon sagen, Alexander: Ich finde es erbärmlich, wenn sich die Kirche als moralische Lehrmeisterin der Gesellschaft aufspielt, um dann, wenn man die Soutane lupft und den ganzen Dreck darunter erkennt, scheinheilig zu rufen: Aber andere haben auch gesündigt! Noch einmal: Der Ruf der Kirche ist ruiniert. Und wenn sich die Kirche nicht fragt, warum das so ist, sondern überall nach Schuldigen sucht, nur nicht bei sich selber, dann wird er nicht wiederherzustellen sein. Um noch einmal den Leitartikel des Economist zu zitieren: “Es ist erstaunlich, dass eine auf Ehrlichkeit und Buße gründende Institution sich hier so schwer tut. Ihre Oberhäupter sollten sich daran erinnern, dass es der mit legalistischer Kleinlichkeit gerechtfertigte kirchliche Missbrauch von Macht war, der vor 2000 Jahren einen Wanderprediger in Palästina so wütend machte.”

“Die Kirche ist in der Lage, sich zu verändern”

*Görlach: Ich bin der Meinung, dass eine auf Ehrlichkeit und Buße aufbauende Gemeinschaft eher in der Lage ist, sich zu erneuern, als andere Entitäten. Ich habe jüngst ein Interview mit einem Forensiker gelesen, der sagte, dass Priester im Unterschied zu anderen Pädophilen Reue zeigten und sich der Tatsache bewusst wurden, was sie da angerichtet haben. Das, um Ihrem Einwand vorzubeugen, ist kein Trost für die Betroffenen und ist auch keine besondere Qualifizierung der katholischen Kirche als moralische Institution.* *Es ist aber ein erster Hinweis, dass die Kirche in der Lage ist, sich zu verändern: semper reformanda. Was heißt, der Ruf der Kirche ist ruiniert? Wir als Gesellschaft geben ein ruinöses Bild ab: Schläge, Qualen, Demütigungen und sexueller Missbrauch von Kindern waren bis in die jüngste Vergangenheit Almende – “Kinderwill’ ist Kälberdreck”, heißt es auf dem Lande. Das ist keine Doktrin der Kirche, sondern eine seltsame Vorstellung vom Kind und seinem Heranwachsen. Und heute? Geht es genauso weiter: Monatelang hat die Netzgemeinde darüber diskutiert, ob man Kinderpornoseiten wirklich sperren soll. Der Staat betreibe Zensur. Das Weggucken und Hinnehmen sollte auch im Netz weiter gelten.* Posener: Unfassbar, Alexander. Da ist man gerade dabei, den ganzen Umfang des Sumpfes aufzudecken, in dem die katholische Kirche steckt, und Sie sind schon fröhlich weiter: Katholische Päderasten sind besser als andere Päderasten, weil sie Reue zeigen, die katholische Kirche ist besser als andere Institutionen darin, sich zu reformieren, die Gesellschaft hingegen ist verderbt. Unfassbar. Tatsache ist: Zunächst wurden in den USA die Verbrechen katholischer Priester und Ordensleute aufgedeckt. Der Vatikan tat so, als sei das eben eine amerikanische Angelegenheit. Dann wurden die horrenden Verhältnisse in den irischen Heimen bekannt. Der Vatikan tat so, als sei das eine irische Angelegenheit. Und nun taucht die Spitze des Eisbergs in Deutschland auf. Die Spitze des Eisbergs: Denn der Heimbericht, der Ende des Jahres vorgelegt wird, dürfte noch ganz andere Schrecken offenbaren als jene, die wir vom Canisius-Kolleg, vom Kloster Ettal und vom Internat der Regensburger Domspatzen her kennen. Und Sie tun so, als könne man nun zur Tagesordnung übergehen, die da für die katholische Kirche heißt: mit dem Finger auf andere Leute zeigen. Geht aber nicht. Denn der Mann, der heute auf dem Thron Petri sitzt, war als Chef der Glaubenskongregation seit 1981 – seit 30 Jahren also! – zuständig für Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Er hätte, wie der bewunderungswürdige Jesuit Pater Mertes, von sich aus aktiv werden können, um hier Aufklärung zu leisten. Stattdessen hat er das Gegenteil getan. Wenn Verantwortung irgendeine Bedeutung haben soll, muss sich Benedikt persönlich für sein Versagen entschuldigen.

“Können Sie belegen, dass Kardinal Ratzinger Fälle von Kindesmissbrauch vertuscht hat?”

*Görlach: Ich hatte kurz überlegt, ob Sie das sagen würden, aber nicht gedacht, dass Sie so bereitwillig so eine billige Aussage treffen: Die Kirche ist gut, die Gesellschaft ist schlecht. Albern. Meine Ausführung sollte sagen, dass die Kirche nicht schlechter ist als die anderen Institutionen und Träger, in denen Missbrauch vorkommt. Das musste gesagt werden, weil sie vorher diese Behauptung in den Raum gestellt haben. Und nun zum Vatikan: Sie kennen ja die Prinzipien des Subsidiaritätsprinzips – natürlich sind Missbräuche in Amerika zuerst Angelegenheit der amerikanischen Bischofskonferenz. Wenn diese das nicht in den Griff bekommt oder bekommen kann, weil zu viele involviert sind, dann tritt der Heilige Stuhl auf den Plan. Können Sie belegen, dass Kardinal Ratzinger Fälle von Kindesmissbrauch vertuscht hat? Wenn Sie das nicht können, würde ich mich mit einer solchen Behauptung zurückhalten.* Posener: Das Subsidiaritätsprinzip gilt eben nicht beim Missbrauch. Das hat kein Geringerer als Kardinal Ratzinger festgestellt, der bestimmt hat, dass alle Fälle von Missbrauch seiner Kongregation für die Glaubenslehre zu melden sind. Wenn wir davon ausgehen, dass dem Folge geleistet wurde, dann müssen wir davon ausgehen, dass viele der jetzt bekannt gewordenen Fälle, bei denen eine kircheninterne Lösung gefunden wurde, dem jetzigen Papst bekannt waren. Diese Praxis der kircheninternen Lösung ist ein Teil, wenn nicht der wichtigste Teil des Problems. Denn die Kirche maßte sich erstens das Recht an, in Fällen eindeutiger und stinknormaler Kriminalität die dafür zuständigen staatlichen Behörden nicht einzuschalten – das sogenannte “privilegium fori” aus dem Mittelalter. Sie verpflichtete zweitens alle Beteiligten an solchen Verfahren – bei Strafe der Exkommunikation – zum Schweigen. Hier stand eindeutig der Wunsch nach Täterschutz und Schutz der Institution im Vordergrund. Das war seit Jahrhunderten Brauch, und das schuf eine Atmosphäre, die dem Täter signalisierte: Wenn du entdeckt wirst, brauchst du nicht mehr zu fürchten als einen Karriereknick. Das war eine Ermunterung der Knabenfummler. Der Fall des Priesters H., bei dem Ratzinger als Erzbischof von München und Freising daran mitgewirkt hat, einen Kinderschänder unter Umgehung der Anzeigepflicht von Essen nach München zu versetzen, wo der Mann wieder in der Seelsorge und beim Kinderverführen tätig wurde, ist ein eklatantes Beispiel für Vertuschung, aber eben leider auch typisch für den Geist, der in der Kirche geherrscht hat. Dass man hier einen Strohmann gefunden hat, der die Verantwortung übernimmt, Generalvikar Gruber, macht die Sache nicht besser. Bis heute sehen die von Ratzinger persönlich abgesegneten Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2002 nicht vor, dass die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird, wenn ein Missbrauch gemeldet wird. Die Justizministerin hat recht, wenn sie das kritisiert. Wenn Sie sagen, dass die Kirche “nicht schlechter ist als andere Institutionen oder Träger”, was eine recht lahme Verteidigung ist, dann muss man fragen, warum sie dann ein besonderes Recht für sich beansprucht. Nein, Alexander, so billig kommen Sie mir nicht davon. Die Kirche muss ihre Einstellung ändern und diese Einstellungsänderung auch – Werkgerechtigkeit ist ein katholisches Prinzip! – durch die Änderung ihrer Richtlinien und ihrer Praxis beweisen. Also: Beichte, Sühne, Absolution. Ohne vollständige Beichte und tätige – tätige! – Reue keine Absolution.

“Mal ist der Papst Antisemit, mal vertuscht er Missbrauchsfälle”

*Görlach: Lieber Alan, keine zwei Prozent der Priester weltweit sind in diese Missbrauchsdelikte verwickelt. Die Kirche hat auch eine Sorge für die Hunderttausenden Priester, die nicht pädophil sind. Das Aufbauschen der Missbrauchsskandale in den verschiedenen Ländern, so wie Sie es jetzt hier betreiben, dient nur einer Diskreditierungsstrategie des heutigen Papstes. Denn Ihnen ist doch jedes Feld recht: Mal ist der Papst Antisemit, mal vertuscht er Missbrauchsfälle. Kommen Sie, das ist doch echt too much. Joseph Ratzinger ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er trägt Verantwortung, er macht Fehler. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass der Generalvikar der Erzdiözese München und Freising ein Bauernopfer war?* *Er war für den Einsatz des Pfarrers in der Seelsorge verantwortlich. Ein Einsatz, der bei der Diskussion, in der es um eine Übersiedlung des Priesters aus Essen nach München zwecks Therapie, an der Erzbischof Ratzinger teilgenommen hatte, nie gegangen war. Wenn die Kirche jetzt erkennt, dass es in den Gesellschaften, in denen sie ein maßgeblicher Träger von Normen und Werten ist, flächenübergreifend zu Übergriffen an Kindern gekommen ist, dann muss die Kirche sich selbst reinigen und mit sich die Gesellschaften, in denen sie wirkt. Die Reinigung der Kirche ist der Anfang der Reinigung der Gesamtgesellschaft: Denn Missachtung und Missbrauch von Kindern gab es in allen gesellschaftlichen Umfeldern. Für mich bleibt die Frage: Warum haben wir die Rechte von Kindern in der Vergangenheit so massiv missachtet und mit Füßen getreten?*

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