Sind Politiker Heuchler?

Alan Posener1.05.2010Gesellschaft & Kultur

Die Kruzifix-Debatte lässt Görlach und Posener keine Ruhe. Jetzt streiten sie über die religiöse Vereidigung von Ministern. Jesus schickte die Gläubigen zum Gebet zwar in die Kammer, doch hielt er auch am gemeinschaftlichen Ausleben des Glaubens fest.

*Posener: Was halten Sie von Aygül Özkans “So wahr mir Gott helfe”, Alexander?* Görlach: Es geht ihr um den Gott der Weltreligionen. Das klingt optimistisch. Was meinen Sie? *Posener: Ich bin dagegen, dass man eine solche Eidesformel überhaupt spricht. Und da weiß ich mich einig mit Rabbi Jesus aus Nazareth, der sagte (Mt 5,33): “Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.”* Görlach: Meineide schwören ist in der Tat etwas, wogegen es in beiden Testamenten Zitate gibt. Heute können Sie mit oder ohne religiösen Zusatz vereidigt werden. Helmut Schmidt schreibt in seiner Biografie sinngemäß, er habe den religiösen Eid gewählt, weil er gewusst habe, dass es der Mehrheit der Deutschen wichtig und teuer sei. Persönlich begrüße ich die religiöse Beeidung. Der darauf Verpflichtete bekennt, dass er sich nicht als letzten Grund von allem sieht, sondern einem über ihm stehenden Gott Rechenschaft für sein Tun ablegen muss. *Posener: Nein, er bekennt, dass er Angst hat vor religiösen Eiferern. Es geht nicht um Meineid. Es geht um ein Gebet – “So wahr mir Gott helfe”, und über das Beten sagte jener Jesus (Mt 6,5ff): “Wenn ihr betet, so macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu.” Ich weiß, ich weiß: Wenn die Kirche das ernst nehmen würde, könnte sie die Messe gleich abschaffen. Aber ich meine, die Religion hat im Landtag nichts zu suchen. Gott allein – wenn es ihn gibt – sieht das Herz, wir Menschen wollen Taten sehen.*

Jesus wendet sich gegen Heuchelei

Görlach: Jesus wendet sich hier nicht gegen das Gebet oder die Liturgie. Er wendet sich gegen die Heuchelei. Zum Glauben gehören die Taten. Ein Heuchler ist der, bei dem beides nicht in Einklang kommt. Wir bleiben häufig hinter unseren eigenen Idealen zurück. Das Christentum weiß um die Schwäche des Menschen. Der Mensch, so wie er ist, ist das Subjekt politischen Handelns genauso wie der Theologie. Warum soll das vor der Landtagstür enden?  *Posener: Ich kann nur staunen, wie Sie wissen können, dass Jesus nicht meint, was er sagt, sondern meint, was Sie meinen. Er sagt, gerichtet an seine Anhänger, die ja keine Heuchler sind: Wenn ihr betet, dann tut das privat. Vielleicht meint er etwas ganz anderes, nämlich: Da ihr keine Heuchler seid, dürft ihr öffentlich beten, nur die Heuchler dürfen das nicht. Aber warum hat er das dann nicht gesagt?* Görlach: Jesus ist ein großer Kritiker der Tempelaristokratie. Am gemeinschaftlichen Gebet, der Liturgie, hält er dennoch fest. Der biblischen Überlieferung nach besucht er den Synagogengottesdienst und feiert die jüdischen Feste. Am Kreuz betet er, für die Umstehenden vernehmlich, aus dem Psalter, dem Gebetsschatz Israels. Dem gemeinschaftlichen Gebet korrespondiert die innere Einkehr: “Du aber geh in deine Kammer.” Um zum Thema zurückzukehren: Für den Juden Jesus wäre das Zurückdrängen Gottes aus der Öffentlichkeit schlicht undenkbar gewesen. Die Welt als Ganzes wurde in Zusammenhang mit dem Göttlichen, durchdrungen von ihm, gedacht. *Posener: Es handelt sich bei dieser Kritik nicht um eine Kritik an der Tempelaristokratie, der damaligen Entsprechung des heutigen Vatikans, sondern um eine Kritik an den Pharisäern; in der damaligen Synagoge wird kein “Gottesdienst” gefeiert; es gibt keine “Liturgie”; die “jüdischen Feste” sind nationale Feste, bei denen die Rettung des jüdischen Volkes gefeiert wird – Pessach, Purim, Chanukka usw. Aber lassen wir das. Ich merke immer wieder, dass Katholiken die Bibel nur dann zitieren, wenn es ihnen passt, und wenn etwas darin steht, was ihnen nicht in den Kram passt, dann erklären sie so lange daran herum, bis die Sache völlig verunklart ist. So sagen Sie, dass “für den Juden Jesus das Zurückdrängen Gottes aus der Öffentlichkeit schlicht undenkbar” gewesen wäre. Eben nicht. Für die damaligen religiösen Eiferer war das undenkbar, aber Jesus sah das gelassener. Das ist der Hintergrund seines Spruches, man solle Cäsar geben, was Cäsar gehört, und Gott, was Gott gehört. Was so viel heißt wie: Staat und Religion trennen. Unser Thema aber ist Özkans Glaubensbekenntnis. Und da zeigt sich, wie weise der Rabbi Jesus war und wie dumm die CDU ist. Denn natürlich ist Özkans Bekenntnis reine Heuchelei. Und zwar in dem Sinne, dass sie vor allem auf Außenwirkung bedacht sein musste. Sie hatte sich für die Trennung von Staat und Religion ausgesprochen, wie das im bürgerlichen Hamburg üblich ist, und darum dafür, dass Kreuze in staatlichen Schulen abgehängt werden. Um die Wogen der Empörung im kleinbürgerlich-bäuerlichen Niedersachsen zu glätten, spricht sie nun die “Eidesformel” – nomen est omen – mit “Gottesbezug”. Wenn jemand will, dass ihm Gott bei der Ausübung seines Amtes helfe, dann soll er, sagt Rabbi Jesus, zu Hause im stillen Kämmerlein sein Gebet verrichten. Das sollte der Staat, das sollte die Öffentlichkeit, das sollten die Medien respektieren und nicht Politiker zu Bekenntnissen zwingen, die dadurch, dass sie öffentlich sind, automatisch heuchlerisch sein müssen.* Görlach: Apropos eine Sache so lange schütteln, bis sie passt. Sie haben mir bereits an anderer Stelle erklärt, dass die Autoren des Neuen Testaments Appeasement mit den Römern betrieben hätten. Der von Ihnen zitierte Satz sei demnach in dem Sinne zu verstehen, dass die junge Gemeinde sich selbst als romfreundlich darstellte. Es ist, und da muss ich Ihnen weiterhin widersprechen, ein Signum voraufklärerischer Gemeinwesen, dass sie die Wirklichkeit als Ganzes von der Gottheit durchdrungen sahen. Zwar gibt es im Christentum die Trennung von Zeitlichem und Ewigem, aber die weltliche Herrschaft erhält ihre eigene sakrale Gestalt. Der gesalbte König ist Abbild Christi, des Königs. Sein Handeln wurde am Handeln Jesu gemessen. Dass die Dinge heute anders liegen, hat viele Gründe. Fakt ist, und hier unterstellen Sie anderes, dass niemand zum Gottesbezug “gezwungen” wird, auch Frau Özkan. Bei Menschen, die ein öffentliches Amt ausüben, bekommen private Dinge bisweilen eine öffentliche Konnotation. Glauben Sie wirklich, Christian Wulff hat Frau Özkan gezwungen, den Amtseid auf Gott abzulegen? Das ist absurd.

Lasst uns und ihn aus der Sache raus

*Posener: Na, absurd wäre das gar nicht. Glauben Sie, es habe keine Gespräche der Staatskanzlei mit Özkan gegeben? Das wäre erst recht absurd. Ich wiederhole: Der Staat darf sich nicht mit der Religion schmücken. Wenn man sich überlegt, wie oft deutsche Lehrer vor dem Kruzifix an der Wand an ihre Kinder Watschen oder Sechsen verteilt haben, womit das als von Gott sanktioniert erscheinen musste; wenn man sich überlegt, wie viele korrupte oder verlogene, machtgeile oder schlicht dumme Politiker sich bei Amtsantritt auf Gott berufen haben, so wundert mich nur eines: dass die Kirche nicht ihre Stimme erhebt und sagt: Unser Reich ist nicht von dieser Welt – nicht in unserem Namen, bitte, und schon gar nicht im Namen Jesu Christi! Lasst uns und ihn aus der Sache raus. Aber die Kirche klammert sich an die weltliche Macht und an die äußeren Zeichen ihrer Bedeutung, so wie sich die Pharisäer und die Tempelpriester an das Gesetz und den Tempel geklammert haben. Und das Ergebnis wird ähnlich sein – wir sehen ja, wie der Tempel vor unseren Augen einstürzt.* Görlach: Der Tempel in Jerusalem ist nicht eingestürzt, sondern er wurde von den Römern, einer fremden tyrannischen Macht, zerstört. Von daher passt Ihr Bild nicht, denn Sie möchten sicher sagen, dass die römische Kirche aufgrund ihrer inneren Korruptheit untergehen wird. Dieses Motiv ist das klassische, das Hauptargument der Reformatoren: Rom ist schlecht, wir sind gut. Dabei war Genf zeitweise eine größere Tyrannei der Tugend und Münster, als Rom es sich je angemaßt hat. Aber das führt weit zurück in die Geschichte. Letztendlich sagen religiöse Symbole, zu denen nicht nur das Kruzifix gehört, sondern beispielsweise auch Darstellungen des Jüngsten Gerichts in Gerichtsgebäuden, dass es etwas über unserer zeitlichen Gerechtigkeit gibt, eine weitere Dimension, die wir bei unserem Handeln mit einbeziehen müssen und die Relevanz für unser Leben hat. Als gewatschter Schüler weiß ich, dass Jesus am Kreuz auf meiner Seite steht und nicht auf der Seite des Lehrers, denn auch er musste unschuldig Prügel einstecken. Natürlich, und das ist das ausschlagende Argument, zieht das nur bei religiösen Menschen. Es ist einfach so: Das Kreuz wird so lange in den Schulen hängen bleiben, wie es die Menschen möchten. Der Staat kann die Kreuze nicht entfernen. Kurt Beck, selbst Ex-Messdiener und Katholik, hat es in einem Gericht im Trierer Landgericht geduldet. Es gab Wäschekörbe voll Beschwerden aus der Bevölkerung. *Posener: Na, mich zu einem Reformator zu erklären – das wird Ihnen nicht gelingen, Alexander! Was mich betrifft: Als Schüler ist es mir egal, ob Jahwe, Jesus, Mohammed, Buddha oder sonst wer auf meiner Seite ist. Wichtig ist, dass der Lehrer gut ist und meine Rechte als Person respektiert. Und mir ist es auch völlig wurscht, ob sich ein Richter beim Urteil an das Jüngste Gericht erinnert oder nicht. Hauptsache, er hält sich ans Recht. Es ist schlimm genug, eine Ungerechtigkeit “im Namen des Volkes” verkündet zu hören. Es ist unerträglich, wenn es im Namen Gottes geschieht. Hier liegt übrigens der Kern der moralischen Krise, die – machen Sie sich nichts vor – die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Es ist zu viel Unrecht im Namen Gottes begangen worden, und den Tätern und ihren Vorgesetzten hat es allzu lange an Unrechtsbewusstsein gefehlt. Und das stellt das ganze Konzept einer Institution infrage, die behauptet, kraft ihres Bezugs zum Jenseitigen eine höhere Moral zu verkörpern als wir Relativisten hienieden. Pustekuchen!*

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