Der Mythos der Aufklärung

von Alan Posener3.12.2009Gesellschaft & Kultur

Alan Posener stört der naturwissenschaftliche Ansatz der katholischen Theologie, die laut Papst Benedikt auf Erkenntnis beruhe. Alexander Görlach hält dagegen: Dies gehöre zu einer Tradition, die annimmt, dass zum vollkommenen Erfassen der Welt die Erkenntnis Gottes gehört.

*Posener: Wissen Sie, was mich an der katholischen Theologie stört, Alexander? Mich stört ihr naturwissenschaftlicher Ansatz.* Görlach: Wie meinen Sie das, Alan? Von Ihnen hätte ich erwartet, dass Sie der Theologie einen rationalen, wissenschaftlichen Ansatz absprechen würden. Nun ist sie Ihnen zu empirisch. Interessant.

Herrschaftsbereich Moral

*Posener: Na, empirisch eben nicht. Aber naturwissenschaftlich. Kein Geringerer als Joseph Ratzinger – heute Papst Benedikt XVI. – hat in seiner großen – na ja, langen – Rede an der Sorbonne am 27. November 1999 festgestellt, dass das Christentum eine “physikalische Theologie” sei. Das heißt, sie beruhe nicht, wie die öffentliche Moral, auf Tradition und Übereinkunft, Poesie und Mythos, sondern auf Erkenntnis. Leider bedeutet das im Umkehrschluss, dass dort, wo die naturwissenschaftliche Erkenntnis der Theologie widerspricht, was ja eigentlich nicht sein darf, die Naturwissenschaft seit Galilei den Kürzeren zieht. Wäre die katholische Theologie bereit, ihren “Herrschaftsbereich” auf die Moral einzuschränken, hätte ich mit ihr keine Probleme.* Görlach: Ich nehme an, Kardinal Ratzinger sieht sich in der Tradition, die annimmt, dass zum vollkommenen Erfassen der Welt, der Wirklichkeit die Erkenntnis Gottes gehört. Dem bleibt er auch als Papst treu, indem er sagt, dass Menschen ihr Menschsein erst dann verstehen, wenn sie wissen, dass es Gott ist, der sie erschaffen hat, eine Bestimmung für sie hat und sie liebt. Finden Sie diesen Glauben, wenn Sie ihn nicht teilen wollen, nicht zumindest positiv und zuversichtlich? Ich kann nicht erkennen, worin der Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und katholischer Theologie heute noch liegen soll: Das kirchliche Lehramt hält außerirdisches Leben für möglich und Johannes Paul II. hat sich stets nach dem Stand der Anti-Materie-Forschung erkundigt. *Posener: Jetzt weichen Sie aus, Alexander. Alle religiös denkenden Menschen werden annehmen, dass ihre Götter Bestandteil der wirklichen Welt sind. Die Frage ist nicht, ob sie die naturwissenschaftliche Sichtweise für ausreichend halten. Die Frage ist, ob sie diese Sicht gelten lassen. Johannes Paul II. sagte 1990, Galileo Galilei sei nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch “als aufrichtig Glaubender weitsichtiger” gewesen als die Kirche. Im gleichen Jahr sagte jedoch Ratzinger an der Sorbonne, es sei ein “Mythos der Aufklärung”, dass Galilei “Opfer des in der Kirche festgehaltenen Obskurantismus” gewesen sei. Ratzinger hat – unter Berufung auf den marxistischen Philosophen Ernst Bloch, auf den Nazi-Mitläufer Carl Friedrich von Weizsäcker und den Propheten des Relativismus Paul Feyerabend den Prozess gegen Galilei verteidigt. Hic Rhodus, hic salta – beide Päpste können nicht recht haben.* Görlach: Beide Päpste sind in verschiedenen Denkschulen und Traditionen zu Hause, von daher können sie in gleichen Fragen unterschiedlicher Ansicht sein. Aber jetzt zu Galilei: In der Vorstellung, dem Wissen seiner Zeit war die Erde der Mittelpunkt des Universums; eine Abweichung gegen diese Ansicht war nicht ein Angriff auf den Machtanspruch der Kirche, sondern ein Treffer ins Herz der Gewissheiten, die die Menschen damals hatten. Jede Epoche hat Annahmen, Koordinaten, die sie nicht hinterfragt. Unser heutiges Wissen in die Zeit vor Galilei zurückzuverlegen, um mit der Gewissheit der später Geborenen über die Menschen zu richten, ist intellektuell nicht redlich. Die Kirche und die Naturwissenschaften sind meiner Ansicht nach in eine Phase friedlicher Koexistenz getreten. Gemäß dem Einstein-Diktum: “Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.”

“Die Vorstellung, Theologie sei irgendwie auch Naturwissenschaft: Die ist gefährlich”

*Posener: Da kennen Sie Ihren Benedikt schlecht, Alexander. Er hält ja nichts von dieser Koexistenz. Die Grundlage dieser Koexistenz ist die von Stephen Jay Gould formulierte “NOMA”-These – die These von den “non-overlapping magisterials”, den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen. Wie Galilei es so schön formulierte: Die Kirche solle den Menschen sagen, wie sie in den Himmel kommen; nicht, wie der Himmel beschaffen sei. Aber Ratzingers Schüler, Vertrauter und Protegé Kardinal Christoph Schönborn sagte auf der berüchtigten Tagung des Ratzinger-Schülerkreises in Castel Gandolfo kurz nach der Wahl und in Anwesenheit Benedikts, das NOMA-Prinzip sei “nicht haltbar”. Denn der kirchliche Glaube könne nicht “ohne Berührungspunkte mit der konkreten Erforschung der Welt bleiben”. Deshalb lehnen Schönborn und Benedikt denn auch die moderne Evolutionstheorie ab. Das ist es, was ich eingangs meinte, als ich sagte, mich störe der naturwissenschaftliche Ansatz der katholischen Theologie. Gegen Irrationalität habe ich nichts: Kein Schweinefleisch essen? Bitte sehr! Sich beschneiden lassen? Nur zu! Zölibat? Warum nicht? Wandlung? Wer’s glaubt, wird selig. Aber die Vorstellung, Theologie sei irgendwie auch Naturwissenschaft: Die ist gefährlich.* Görlach: Lassen Sie uns über den Wahrheitsgehalt naturwissenschaftlicher Theorien sprechen: Sehen Sie, zum Klimawandel existieren verschiedene Szenarien, Berechnungsgrundlagen. Es geht um Interessen und viel Geld. Am Rande geht es sicher auch dem einen oder anderen um wahre Erkenntnis. Aber deutlich ist: Auch zu jeder wissenschaftlichen Theorie gehört ein metaphysischer Bedeutungsüberschuss. Ein “Um-zu”, auf das hin sich die Forschung bewegt. Religiöse Systeme, die katholische Theologie ist so eines, sind in sich kohärent und erheben Anspruch auf Umfassendheit, so wie Klimaforscher jeder Ausrichtung für sich in Anspruch nehmen, ein kohärentes Bild abzuliefern. Im Streit mit den Mitbewerbern der eigenen Zunft geht es darum, sich als das plausibelste Modell herauszustellen. Von daher haben Naturwissenschaften und Theologie methodisch einiges gemein. Da gebe ich Ihnen recht. *Posener: Nun ja, das ist Relativismus pur. Naturwissenschaft – Theologie: beides nur Angebote auf dem Markt der Ideen. Dabei bedienen Sie sich eines Tricks, indem Sie den Klimawandel bemühen. Denn in der Tat zeigen manche Kohlendioxid-Dschihadisten – wie etwa James Lovelock und seine “Gaia”-Hypothese – Züge religiösen Wahns. Nur sind die Szenarien der Klimaforscher, von denen Sie reden, eben nur das: Szenarien, keine Theorien. Naturwissenschaftliche Theorien wie Darwins Evolutionstheorie, Einsteins Relativitätstheorie, Plancks Quantentheorie und so weiter sind gerade deshalb wissenschaftlich, weil sie falsifizierbar sind. Kaninchen im Kambrium, und die Evolutionstheorie hat ein Problem. Doch weil der Glaube nie falsifizierbar ist (wenn das mit dem Leben nach dem Tod nicht stimmt, werden Sie es nie erfahren) – eben deshalb muss die Theologie akzeptieren, dass sie auch keine Antworten gibt auf die Fragen der Wissenschaft. Galilei war auch theologisch weiter als seine Peiniger. Benedikt XVI. begreift das nicht. Und das ist gefährlich. Für die Wissenschaft, noch mehr aber – und das sollte Ihnen Sorgen machen – für die Kirche.*

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