Eiertanz

Alan Posener23.11.2009Gesellschaft & Kultur

Passive Sterbehilfe ist nicht länger strafbar. Rechtlich gesehen hat der Bundesgerichtshof nun für klarere Regeln gesorgt. Doch wirklich beantwortet sind die grundsätzlichen Fragen damit nicht. Alexander Görlach und Alan Posener reden über christliche Auffassungen, die Möglichkeiten der modernen Medizin und den Schutz, den Embryonen, Demenzkranke und Sterbende im Ernstfall brauchen.

*Görlach: Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag. Jeder Mensch muss frei von der Verfügung durch andere sein. Das gilt für den Behinderten ebenso wie den Sterbenden. Es gilt auch für ungeborenes Leben und berührt die Fragen der Stammzellforschung. Schwarz-Gelb kann dafür den Anstoß geben, weil die Forderung nach der Unverfügbarkeit des Menschen sowohl zum Kern christlicher als auch freiheitlicher Grundüberzeugungen gehört.* Posener: Die “Unverfügbarkeit” von befruchteten Eizellen im Mutterleib bedeutet die Verfügbarkeit des Staates über die Frau, die zum Austragen der Frucht verurteilt wird. Die “Unverfügbarkeit” über eingefrorene Blastozyten, die bei der künstlichen Befruchtung anfallen, bedeutet die Verfügbarkeit des Staates über Forscher, die keine neuen Stammzelllinien bekommen, und über Leidende, denen nicht geholfen wird. Das ist weder liberal noch christlich. *Görlach: Es kann nicht darum gehen, Verfügbarkeiten gegeneinander auszuspielen, so wie Sie das versuchen, lieber Alan. Wenn wir es ernst meinen mit der Unverfügbarkeit des einen gegenüber dem anderen, dann setzt die Freiheit der Frau, um Ihrem Beispiel zu folgen, da an, nicht schwanger werden zu müssen. Das Postulat der Unverfügbarkeit mündet vollkommen zu Recht in die Auffassung, dass die befruchtete Eizelle eben kein Zellklumpen ist, sondern eine zur menschlichen Entwicklung befähigte Kreatur, die schon ganz Mensch ist, weil sie ganz Mensch sein will.* Posener: Bei allem Respekt, Alexander: Eine befruchtete Eizelle “will” gar nichts, schon gar nicht “ganz Mensch sein”. Auch eine Spermie oder eine Eizelle ist “eine zur menschlichen Entwicklung befähigte Kreatur”.

“Zwischen Liberalen und Katholiken liegen hier Welten”

*Görlach: Lieber Alan, ein demenzkranker Mensch kann auch nicht mehr wollen wie wir, manch Behinderter ebenfalls nicht. Darum kann es hier also nicht gehen. Zugegeben: Mein Verb “will” ist ein philosophisches: “Will” bezeichnet hier das Streben der befruchteten Eizelle zur weiteren menschlichen Entwicklung. Das kann, soweit ich das weiß, eine Samenzelle für sich allein nicht. Sie sind doch sicher schon über Onans Kenntnisstand hinaus?* Posener: Ich habe eine Frau und eine Tochter, wenn Sie das meinen. Aber bevor unsere Unterhaltung das Niveau von Schuljungen erreicht, sollten wir uns erinnern, worum es geht. Es geht um Ihre Behauptung, Liberale und Katholiken müssten sich einigen können, weil beide für die “Unverfügbarkeit des Individuums” stünden, was bei Ihnen merkwürdigerweise nicht zuerst Bürgerrechte, Frauenrechte, Patientenrechte, die Rechte von Homosexuellen, Immigranten usw., das Recht auf freie Meinungsäußerung einschließlich der Religionskritik bedeutet, sondern die Rechte von Blastozyten und ihres “philosophischen Wollens”. Zwischen Liberalen und Katholiken liegen hier Welten.

Die katholische Kirche als Anwältin der Schwachen

*Görlach: Oh doch, diese Rechte meine ich! Sie liegen in jener Unverfügbarkeit begründet, von der ich spreche. Warum ich Embryonen, Demenzkranke und Sterbende als Ernstfall des Postulats auf Unverfügbarkeit anspreche: Das sind diejenigen, die sich nicht so einfach wehren können, wenn dieses Recht eingeschränkt oder ihnen genommen wird. In der Gesellschaft, in der wir leben, haben Frauen, Immigranten, Homosexuelle und viele andere Gruppen gottlob eine Lobby und Interessenvertretungen.* Posener: Und ausgerechnet die katholische Kirche empfiehlt sich als Anwältin der Schwachen? Wie ging es den Kindern in den von der Kirche betriebenen irischen Kinderheimen? Und im Deutschland der 1950er- und 1960er-Jahre sah es nicht viel besser aus. Kommen Sie, Alexander, niemand nimmt der Kirche, die immer mit den Mächtigen paktiert hat, diese plötzliche Fürsorge für die Schwachen ab. Es geht um die männliche Verfügungsgewalt über Frauen, und die plötzliche entdeckte Sorge um Embryonen soll nur dazu dienen, diese Verfügungsgewalt zu kaschieren und zu verstärken, indem man den Frauen ein schlechtes Gewissen macht, weil sie für den “Holocaust an den Ungeborenen” verantwortlich seien. *Görlach: Alan, die CDU hat zwar sicher eine gewisse Nähe zur katholischen Kirche. Aber Adenauer wollte eine Volkspartei für die Mitglieder beider – damals – großer Kirchen. Die christliche Weltanschauung ist eine Grundlage der Wertentscheidung, auf der die Politik der Union fußt (fußen sollte). Wie Sie von der Frage nach Stammzellforschung und Abtreibung auf katholische Kinderheime kommen, verstehe ich nicht. Für Abtreibungen sind, das wissen Sie sicher, häufig nicht die Frauen verantwortlich, sondern die Männer, die Sie dazu zwingen.*

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