Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

Moral statt Krawall

Sarrazin spitzt zu – und bedient sich dabei geschichtsrevisionistischer Märchen und Tiraden, die eigentlich längst ad acta gelegt schienen. Denn bei aller Toleranz darf sich eine demokratische Gesellschaft keine Debatte zum Nutzwert des Menschen leisten.

Zwei Dinge scheinen mir an Thilo Sarrazin bemerkenswert: sein Philosemitismus und sein Kollektivismus. Ich bin mir nicht sicher, was ich schlimmer finde.

Beginnen wir mit seinem Philosemitismus, der mit der Feststellung beginnt, die osteuropäischen Juden seien – das habe die “deutsch-jüdische Intelligenzforschung” vor dem Zweiten Weltkrieg bewiesen – als Gruppe infolge des “Selektionsdrucks”, der sie aus allen Berufen außer den geistigen verdrängt habe, intelligenter gewesen als die Deutschen. Deshalb sei die ostjüdische Zuwanderung für Deutschland segensreich gewesen, was man daran sehen könne, dass die Juden bald den ganzen Berliner Bankensektor dominiert hätten, während die Türken bis heute nur “für den Gemüsehandel eine produktive Rolle” spielten.

Sarrazin plappert nach

Erstens ist die Behauptung der überlegenen Intelligenz der Ostjuden, offenbar ein Volk von Rabbis und Geldwechslern, ein Märchen. 1927 schrieb Joseph Roth in “Juden auf Wanderschaft”: “Man kennt im Westen den Typus des ostjüdischen Landmenschen überhaupt nicht. Er kommt nie nach dem Westen. Er ist mit seiner ‘Scholle’ so verwachsen wie der Bauer … Er hat nie etwas gelernt. Er kann oft kaum lesen und schreiben …” Roth beschreibt auch ostjüdische Handwerker und Proletarier. So viel zu Sarrazins sozialdarwinistischem “Selektionsdruck”, der aus Juden lauter künftige Gelehrte und Banker machte.

Zweitens ist die Behauptung der überlegenen Intelligenz der Juden, weit davon entfernt, einen Menschen als Antirassisten auszuweisen, ein uraltes Argument der Antisemiten. Ja, die Juden sind schlau, schlau, sagen die Antisemiten. Aber es fehlt ihnen das Herz. Deshalb unterbieten sie die ehrlichen arischen Händler, deshalb saugen sie als Banker das gutgläubige arische Volk aus, deshalb verfassen sie klügelnde Schriften über die Gleichwertigkeit aller Menschen, die dazu führen, dass durch Rassenmischmasch die “Wirtsvölker” noch mehr verdummen, um so besser von den intelligenten Juden ausgebeutet werden zu können. Sarrazin plappert nach, was er – wo? Man möchte es nicht so genau wissen – aufgeschnappt hat.

Drittens muss Sarrazins kostenloser Philosemitismus – es kostet heute nichts, die Ostjuden nachträglich toll zu finden, nachdem die Elterngeneration sie alle umgebracht hat – in Verbindung mit seiner Islamophobie dazu führen, dass unter den von ihm Angegriffenen die antisemitischen Parolen radikaler Hassprediger eher verfangen. Wenn Sarrazin den Juden schaden wollte, könnte er es nicht besser anstellen als durch Ausspielen der “intelligenten” Juden gegen die doofen Muslime.

Die Politik darf keine Nützlichkeitsdebatte führen

Was Sarrazins Kollektivismus betrifft, so beruht er auf der Vorstellung, dass das Allgemeinwohl wichtiger sei als das Glück des Individuums. Darum sei es zulässig, den “Nutzen” einer Gruppe festzustellen und gegebenenfalls diese Gruppe zu eliminieren. (Sarrazin will einen Stopp der Zuwanderung, die jetzige Migrantenbevölkerung soll sich dann biologisch “auswachsen”.) Man muss diese Kosten-Nutzen-Argumentation nur anwenden auf, sagen wir, Geisteskranke, HIV-Infizierte, Frührentner, Mönche – oder Banker –, um zu sehen, wie unhaltbar sie ist. Sowohl die christliche Moral als auch der vornehmste Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, gehen davon aus, dass der Einzelne nie Mittel zum Zweck, sondern Zweck an sich ist. Darum darf die Frage der Politik nicht sein: Was nützt dieser Mensch dem Staat? Sondern: Wie kann der Staat ihm nützen? Sarrazin verneint die Grundlagen unserer Moral.

Und deshalb finde ich – Ergebnis der Verfertigung der Gedanken beim Schreiben – Sarrazins Kollektivismus noch schlimmer als seinen Philosemitismus. Gerade mal.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfram Eilenberger, Harry Ostrer, Özcan Mutlu.

Leserbriefe

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