Wirtschaftliches Denken ist eine Metapher, die wir gerne überdehnen. John Lanchester

Alles nichts

Wenn Dostojewski sagt, ohne Gott sei alles erlaubt, leugnet er selbigen. Wenn alles erlaubt ist, kann es keinen Gott geben und da in seinem Namen auch viel Grausames getan wird, darf es ihn auch nicht geben.

Dostojewskis Diktum, ohne Gott sei alles erlaubt, bedeutet eine Verurteilung der Religion und Leugnung Gottes. Wie das?

Zum einen zeigt die Beobachtung des Ist-Zustands unserer Erde, von deren Geschichte ganz zu schweigen, dass in der Tat alles erlaubt ist. Jedes denkbare Verbrechen wird ausgeführt. Jedes vorstellbare Leid gibt es tausend- und millionenfach. Gäbe es einen Gott, wäre so etwas „nicht erlaubt“. Die Menschen wären anders erschaffen, anders beschaffen. Die Ausrede, Gott habe ihnen den freien Willen gegeben, sich für das Böse zu entscheiden, ist theologisch armselig. Denn die Frage bleibt, warum Gott ihnen diesen Willen gegeben hat. Da „alles erlaubt ist“, kann es keinen Gott geben.

Gute Menschen tun böse Dinge wegen der Religion

Zum Zweiten zeigt das Verhalten der Gläubigen aller Zeiten, dass mit den Göttern alles erlaubt ist. Es bedarf nicht viel, einen bösen Menschen dazu zu bringen, Böses zu tun; um einen guten Menschen zum Bösen zu verleiten, bedarf es der Religion. Wenn also der Gott des Auserwählten ihm das Verbrechen erlaubt, sei es die Hexenverfolgung oder das Selbstmordattentat, die Vertuschung des Kindesmissbrauchs oder die Fatwa gegen den Apostaten, darf es Gott nicht geben.

Und zum Dritten wäre dieser Satz, sollte er zur Verteidigung der Religion gebraucht werden, das Eingeständnis, dass Gott eine Schöpfung des Menschen ist. Denn dann hieße es: Wir brauchen Gott, um Ordnung zu halten. Dann ist Gott da, damit nicht das erlaubt sei, was uns nicht passt: Mord, Vergewaltigung, Selbstmord, Revolution, Ungehorsam gegen die Eltern, Diebstahl, Prostitution, Ehebruch, Lug und Betrug, Drogen, Pornografie, Abtreibung, PID, Onanie, Schweinefleisch essen, Milchiges und Fleischiges vermischen, Zinsen nehmen, als Frau ohne Kopftuch herumlaufen und so weiter und so fort.

Wer Gott instrumentalisiert zur Begründung irdischer Ordnung, so wünschenswert sie sein mag, oder als Lückenbüßer für das noch nicht Erklärbare, so fundamental das Unwissen sein mag – der reduziert Gott, der macht ihn zum Instrument seines eigenen Bedürfnisses nach Ordnung und Erkenntnis. Bekanntlich ist dies der Vorwurf, den viele Jesuiten dem Theologen Joseph Ratzinger machen.

Weil es Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Christ

Im Gegensatz zu Ratzinger hat Jesus von Nazareth die instrumentelle Falle erkannt. „Ist der Mensch für das Gesetz da, oder das Gesetz für den Menschen?“, fragt er. Sein Maßstab: der Mensch, nicht Gott. Paulus behauptete, mit seinem Tod am Kreuz habe Jesus den Preis für die Sünde vorweg bezahlt, womit dem „neuen Menschen“ alles erlaubt sei. Selbstverständlich finden sich im Neuen Testament Worte von Jesus und Paulus, die das genaue Gegenteil behaupten. Gerade das begründet die darwinistische Fitness des Buchs der Bücher. Aber dass man mit der Bibel alles beweisen kann, ist kein Grund, sich nicht darauf zu beziehen, besonders als Atheist. Denn die Bibel dokumentiert die Entwicklung Gottes von einem Wesen, der jedes Übertreten seiner Verbote persönlich ahndet, zu einem Wesen, das alles erlaubt und die Menschen in die Freiheit entlässt.

Der Christ wäre nach Paulus also einer, der sich für das Gute entscheiden kann, weil er sich nicht fragen muss, was die Strafe für das Böse wäre. So geht es dem Atheisten auch. Weil es Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Christ. Weil es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt, sagt der Atheist. Lasst uns überlegen, was wir mit dieser Freiheit anfangen, könnten beide sagen, wenn die modernen Sadduzäer und Pharisäer nicht sagen würden: „Gott sei Dank, ich bin nicht so wie diese.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, Thomas Punzmann, Peter Sloterdijk.

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