Fast alle Reiche entstehen durch Gewalt, aber keines kann durch Gewalt erhalten werden. Henry Kissinger

"Der Islam ist eine christliche Häresie"

Pünktlich zum Weihnachtsfest schockiert Alan Posener: Das Konzil von Nicäa macht Jesus zu einem Gott, der er nie sein wollte. Das Machtstreben Kaiser Konstantins sei dafür verantwortlich. Der Islam, der in der Folgezeit entsteht, erinnert sich der urchristlichen Botschaft und macht Jesus wieder zu einem “gewöhnlichen” Propheten. Der Islam ist somit keine eigene Religion mehr, sondern eine Spielart des Christentums.

Posener: In der Auseinandersetzung mit dem Islam betonen viele Christen, dass Mohammed ein Krieger und Glaubensverkünder war; Jesus hingegen habe sich keine weltliche Macht angemaßt. Dabei vergessen sie, dass ihr Glaubensbekenntnis, das Bekenntnis von Nicäa, 300 Jahre nach der Hinrichtung Jesu durch die Römer auf Anordnung eines römischen Kriegers und Herrschers zustande kam, der zu der Zeit nicht einmal Christ war. Von dem, was in Nicäa als Bekenntnis festgelegt wurde, stammt nichts aus dem Mund Jesu, und Jesus hätte dieses Bekenntnis auch nie abgelegt. Es ist gerade an Weihnachten wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Christen einen Glauben bekennen, den Jesus selbst als abstrus empfunden hätte.

Görlach: Das ist leider ganz und gar nicht richtig. Jesus hätte sicher nicht die Vokabeln der griechisch-hellenistischen Philosophie benutzt, wie sie die Erklärungen des Konzils prägen; soweit mag ich Ihnen folgen. Das Konzil kleidet aber die Glaubenserfahrungen der ersten Christen in ein Kleid, das in der damaligen Zeit verständlich war. Jesus sieht sich selbst nach dem Zeugnis der Evangelien als der vom Vater in die Welt Gesandte. Darin unterscheiden er und seine Sendung sich vom Prophetentum des Ersten Bundes und von der Prophetenvorstellung, die später im Islam aufkommt. Gott wird in Jesus Mensch. Diese Hinwendung Gottes zu seinem Geschöpf feiern Christen an Weihnachten.

Die Kirche hat etwas hinzuerfunden

Posener: Ach, kommen Sie: Nicäa “kleidet die Glaubenserfahrungen der ersten Christen in ein Kleid”? Die ersten Christen, Petrus, der Herrnbruder Jakobus und die anderen Mitglieder der Jerusalemer Ur-Gemeinde, wären nie auf den Gedanken gekommen zu sagen, Jesus sei “eines Wesens mit dem Vater”, “wahrer Gott aus wahrem Gott” und habe daher von allem Anfang an existiert. Wieso können Sie nicht zugeben, dass die Kirche damals etwas hinzuerfunden hat?

Görlach: Weil das zu platt ist und alle historische Kontinuität von Prozessen leugnet. Radikale Brüche und Umwertungen gibt es nur in Revolutionen. Nicäa war keine Revolution, sondern eine Kirchenversammlung. Sie sammelte die Theologie – die übrigens schon in der Urgemeinde gemacht wurde – und hat sie sprachlich und systematisch auf eine neue Ebene gehoben. Die paulinischen Briefe enthalten christologische Formeln, die bis heute in Gebrauch und gültig sind. Die Evangelien sind keine Reiseberichte, sondern mit der Ostererfahrung im Rückblick gedeutete Lebensgeschichte Jesu. Die Annahme einer Göttlichkeit Jesu begegnet uns auch in der islamischen Tradition: Es gibt eine Stelle, in der Jesus aus Erde einen Vogel formt und ihm Leben einhaucht – ein Attribut, das sonst nur Gott zukommt.

Die islamische Theologie war veraltet

Posener: Nun ja, wenn Sie den Islam schon ansprechen: Es ist, meine ich, keine Übertreibung zu sagen, dass er eine Fortsetzung der arianischen Tradition des Christentums darstellt, die auf dem Konzil als Häresie verurteilt wurde. Doch damit begnügte sich das Konzil eben nicht. Arius wurde verbannt, seine Bücher verbrannt – da kommt all das her – und der Besitz seiner Schriften fortan mit dem Tode bestraft. Die Arianer wurden nicht nur als Häretiker, sondern als Reichsfeinde verfolgt. Das ist der Sündenfall des Christentums, das sich damit zur Ideologie des Imperiums machte und eine bestimmte Interpretation der Lehre mit Gewalt durchzusetzen versuchte.

Görlach: Das ist eine der spannendsten Episoden der Theologiegeschichte! Sie haben absolut recht, dass auf der arabischen Halbinsel, fernab der damaligen Zentren, Formen von Religiosität konserviert wurden, die die Entwicklung verpasst haben. Insofern war die islamische Theologie schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung veraltet.

Die Ausübung des Christentums geschah im Untergrund

Posener: Wenn der Islam – also die christliche Häresie, die sich zum Islam entwickelte – im siebenten Jahrhundert “veraltet” war, dann geben Sie ja zu, dass in Nicäa etwas Neues entstand.

Görlach: Natürlich schöpft Nicäa etwas Neues, aber in historischer Kontinuität. Der menschgewordene Gott ist damals wie heute ein Skandalon, das wussten die Evangelisten genauso wie die Kirchenmänner des vierten Jahrhunderts. Der Stifter des Christentums ist Jesus Christus, nicht der Kaiser Konstantin. Das Leben, Wirken und Geschick Jesu unterscheidet sich vom Leben Mohammeds diametral. Der erfolgreiche Staatsmann und Kämpfer auf der einen Seite, der Sohn des Zimmermanns mit der Friedensbotschaft auf der anderen Seite. Übrigens unterscheidet sich das Geschick der Kirche auch vom Weg des Islam. Dieser war militärisch erfolg- und siegreich. Die Kirche war bis zur Mailänder Toleranzakte im Jahr 313 verfolgt. Ausübung des Christentums geschah im Untergrund; das Bild einer machtvollen, alles beherrschenden Kirche, das Sie zeichnen, stimmt mit den geschichtlichen Begebenheiten nicht überein. Die abendländische Theologie muss über Nicäa hinauskommen, um in einer zeitgemäßen Sprache ihre Rede über Gott und das
Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi neu zu plausibilisieren.

Posener: Nun kommen Sie wieder mit dem angeblichen Wesensunterschied zwischen Christentum und dem Islam, obwohl wir uns einig waren, dass der Islam im Grunde eine christliche Häresie ist; wie – da sind wir uns natürlich nicht mehr einig – das Christentum nach Nicäa. Wir haben nach Nicäa eine Ecclesia Triumphans als Reichsreligion mit einer Theologie, die endgültig platonisch ist und mit der Erneuerung des Judentums, die der Steinmetzsohn predigte und lebte (Joseph war vermutlich Steinmetz, nicht Zimmermann), kaum noch etwas zu tun hat. Dass Gott Mensch werden müsste, um die “Hinwendung zu seinem Geschöpf” zu dokumentieren, ist ein griechisches Missverständnis, über das Jesus selbst am lautesten gelacht hätte.

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