Wenn der Islam missbraucht wird

Aiman Mazyek4.09.2014Gesellschaft & Kultur, Politik

Ich bin ein Jude, wenn eine Synagoge angegriffen wird, ein Christ, wenn diese im Irak vertrieben werden und ein Muslim, wenn es Anschläge auf Moscheen gibt. Zeit, füreinander einzustehen.

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Nach Angaben des Bundesinnenministeriums hat es allein von Januar bis August diesen Jahres zwölf politisch motivierte Übergriffe auf Moscheen in Deutschland gegeben. Seit 2001 wurden mehr als 300 muslimische Gotteshäuser attackiert. Das Spektrum der Taten reicht von Hakenkreuzschmierereien über Morddrohungen gegen Imame bis hin zur Brandstiftung. Noch erstarrt vom Schock der jüngsten Anschläge auf Moscheen in Bielefeld und Berlin erreichen uns nun neue Hiobsbotschaften.

Die Muslime und ihre Gemeinden sind derzeit erheblich verunsichert. Der letzte Übergriff, den das Innenministerium in der Statistik aufführt, war am 17. August. Dabei ist eine Moschee am 12. August – also einen Tag nach dem ersten Brandanschlag auf die Samarkant-Moschee in Bielefeld – im schleswig-holsteinischen Mölln beschädigt worden. Mölln, das ist das Fanal und der Beginn des rechtsextremistischen Terrors der jüngeren Geschichte Deutschlands.

Gleichzeitig wird uns täglich in den Medien vor Augen geführt, wie der ISIS im Namen des Islam schreckliche Verbrechen begeht. Die ohnehin zugenommene Islamfeindlichkeit hierzulande wird dadurch angeheizt. „Islamischer Staat von Irak und Syrien“ ISIS (oder DAISH auf Arabisch), diese Inquisitions-Terroristen (Takfiris), die neben Muslimen nun auch Christen, Jesiden und Kurden auf dem Gewissen haben, betrieben ihr grausames Spiel der Spaltung und Abschlachtung bereits in Syrien. Damals erlebten wir keine militärische Intervention, hörten aber auch kaum ein mahnendes Wort der Gelehrten. Sehr spät – aber hoffentlich noch nicht zu spät – werden diese Terroristen nun durch alle islamischen Richtungen eindeutig verurteilt und ihr Vorgehen als Sünde gebrandmarkt.

Muslime unter Generalverdacht

Die Trennschärfe zwischen der friedlichen Religion Islam – die die absolute Mehrheit der Muslime tagtäglich leben – und den Extremisten auf der anderen Seite wird dennoch stetig aufgeweicht. Viele in unserem Land können nicht mehr zwischen den beiden unterscheiden und stellen bisweilen Muslime unter Generalverdacht. Die gefährliche Folge könnte auch die Zunahme von Anschlägen und Übergriffe auf Muslime und ihre Einrichtungen in unserem Land sein. Der IZ-Blogger Mehmet Çelebi schrieb dazu am 29. August:

bq. Wir haben keine andere Wahl, als uns der Debatte zu stellen, aufrichtig und ergebnisoffen. Sie muss geführt werden, um einer fortlaufenden Spaltung in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken. Die muss in unseren Wohnzimmern geführt werden, in den Schulen und Universitäten, in Kunst und Musik, Literatur und Politik. Bevor die Entfremdung Maße annimmt, bei der sich keine Seite mehr in die Augen schauen kann.

Recht hat er! Dies ist in der Tat das Gebot der Stunde: Wir brauchen die Friedensstifter, die Versöhner und die Brückenbauer mehr denn je. In diesem Kontext hat der Koordinationsrat (KRM) eine folgenschwere und – für meine Begriffe – eine der besten Entscheidungen der letzten Jahre getroffen. In einer wegen der Brandanschläge einberufenen Sondersitzung beschloss er letzte Woche, einen „Muslime stehen auf gegen Gewalt“-Tag im Rahmen des Freitagsgebets mit anschließenden Mahnwachen in verschiedenen Städten auszurufen. Es war eine einmütige Entscheidung und jeder hat gespürt, dass die jüngsten Anschläge, Angriffe auf unsere Gesellschaft, auf unsere Moscheen sind, egal ob sie nun DITIB, VIKZ, Islamrat, ZMD oder keinem der Verbände angehören. Ich bin besonders den DITIB-Vertretern wie dem KRM-Sprecher Ali Kızılkaya dankbar, wie klar er hierbei Position bezogen hat, ganz zu schweigen von der VIKZ, deren Moschee ja in Bielefeld zu den betroffenen gehört.

Muslime dürfen nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht

Uns war klar, dass wir etwas gegen die gefährliche Stimmung im Land tun können, wenn wir für Menschenrechte, Religionsfreiheit und gegen gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit umfassend, ungeteilt und gesamtgesellschaftlich auftreten.

Ich will es so sagen und rede damit mitnichten der Reziprozität das Wort: Ich bin ein Jude, wenn eine Synagoge angegriffen wird, ein Christ, wenn diese im Irak vertrieben werden und ein Muslim, wenn es Anschläge auf Moscheen gibt. Uns wird allmählich klar: Empathie, Solidarität und Anteilnahme kann nicht plakativ oder argumentativ herbei lamentiert werden.

Wer als Muslim für seine Rechte eintritt, darf nicht schweigen, wenn Unrecht anderswo geschieht. Er steht auf, wenn Brandsätze auf Moscheen geworfen werden, wenn Menschen in Syrien, Irak oder Gaza zu Unrecht getötet werden; er erhebt seine Stimme und hält dagegen, wenn gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus verbreitet wird – auch oder gerade wenn dies der eigene Glaubensbruder verbreitet; er verurteilt und verabscheut (und nicht nur im stillen Kämmerlein) Gewalt im Namen einer ideologisierten und durch und durch verrohten und verblendeten Meute, die den Islam schamlos missbraucht.

Wer nur für die eigenen Rechte einsteht und das anderer auslässt, geht zwar mit unserem Rechtsstaat d’accord – ob unsere Gesellschaft das noch mitmacht ist eine ganz andere Frage. Wer beides zusammen gestaltet, schafft Glaubwürdigkeit, entzieht Misstrauen und eröffnet eine reale Chance, dass die Entfremdung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in unserem Land nicht weiter zunimmt.

Solidarität mit allen Menschen in Notsituationen ist ein elementares Gebot im Islam. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf eine gesicherte Aussage des Propheten Muhammad (Hadith), wonach dieser Muslime ermahnt, sich gegen diejenigen zu stellen, die Nichtmuslimen Unrecht antun, sie diskriminieren, ihnen etwas auferlegen, was sie nicht zu tun vermögen oder ihnen etwas rauben. Gegen diese werde er „der Ankläger am Tage der Auferstehung sein“.

Und weiter: „Ein Muslim ist derjenige, vor dem andere Menschen in Sicherheit sind!“

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