Aufstand der Mittelschicht

Adrian Lobe15.01.2013Gesellschaft & Kultur

Frauenfeindlichkeit ist ein Grundübel der indischen Gesellschaft. Doch bei den Protesten nach dem Tod der 23-jährigen Studentin aus Delhi geht es nicht zuvorderst um Geschlechtergerechtigkeit, sondern um politische und wirtschaftliche Teilhabe.

Es sollte ein schöner Abend in Delhi werden. Als Jyoti Singh Pandey und ihr Freund am 16. Dezember in einen Bus steigen, ahnen sie nicht, welch grauenvolles Schicksal sie erwarten würde. Der vermeintliche Bus erweist sich als gestohlenes Fahrzeug, die Insassen als skrupellose Verbrecher. Wie eine Meute fallen die Männer über die Frau her und vergewaltigen sie mehrfach. Nach dem Akt wird die Frau mit ihrem Freund aus dem Bus geworfen. Jyoti erliegt wenige Tage später ihren schweren Verletzungen in einem Singapurer Krankenhaus.

Indien ist noch immer eine patriarchalische Gesellschaft

So schrecklich diese Geschichte klingt, so alltäglich sind Vergewaltigungen in Indien. Laut einem Bericht der „Times of India“ registrierte das National Crime Records Bureau (NCRB) allein 568 Fälle in Delhi. „Capital of rape“, Hauptstadt der Vergewaltigung, titeln die Gazetten. Im Bundesstaat Madhya Pradesh gab es im Jahr 2011 über 15.000 gemeldete sexuelle Übergriffe. Das ist alarmierend und schockierend zugleich. Allein, die Zahlen spiegeln die Realität nicht wider. Die Dunkelziffer liegt wesentlich höher. Viele Frauen, vor allem Angehörige der untersten Kasten, trauen sich nicht, ihre Pein publik zu machen.

Der Fall der 23-jährigen Jyoti ist anders. Als die Menschen von dem Martyrium der jungen Frau erfuhren, zogen sie wütend auf die Straßen. Tausende Menschen demonstrierten in den Metropolen Indiens. „Hang the rapists“, „Stand up for solidarity“, war auf Schildern zu lesen. Die ganze Welt blickte in den vergangenen Wochen nach Indien.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die indische Gesellschaft. Der Subkontinent mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern ist nach wie vor eine patriarchalische Gesellschaft. Frauen werden rechtlich und faktisch diskriminiert, die Geburt eines Mädchens gilt als „Unglück“. Seit Jahren werden systematisch weibliche Föten abgetrieben, weil Söhne nach der Heirat bei den Eltern bleiben und sich im Alter um sie kümmern. Die Folge ist ein dramatischer „Männerüberschuss“. Ein Dorfältester aus dem Bundesstaat Haryana, einer Hochburg von Vergewaltigungen, sagte dem Lokalsender IBNLive: „Ich denke, dass Mädchen im Alter von 16 Jahren verheiratet werden sollten, sodass sie ihren Ehemann für ihre sexuellen Bedürfnisse haben. Dann müssen sie nicht irgendwo anders hingehen. Und so gibt es auch keine Vergewaltigungen mehr.“ Man weiß nicht, ob diese Ansicht Ausfluss von Zynismus oder Naivität ist. Jedenfalls charakterisiert sie trefflich das chauvinistische Meinungsbild. Daraus wird ersichtlich, warum das Bedrängen einer Frau als Kavaliersdelikt behandelt wird.

Die Frage ist: Warum sorgte die Vergewaltigung plötzlich für so großes Aufsehen? Sicher, das grausame Verbrechen hat die Menschen empört. Die Schandtat soll gesühnt werden. Doch die Gründe für die Proteste wurzeln tiefer – nämlich in der sozialen Stellung der Vergewaltiger. Die mutmaßlichen Täter stammen allesamt aus Slums. Das Opfer, eine Studentin der Physiotherapie, entsprang einer höheren Kaste als ihre Peiniger. Das ist der eigentliche Skandal, und nicht die fehlende Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Wäre die junge Frau eine „Dalit“ (Hindi für unrein), eine Angehörige einer niedrigen Kaste gewesen, hätte sich vermutlich keiner um ihr Schicksal geschert. Auch das macht sprachlos.

Was wir gegenwärtig in Indien erleben, ist der Aufstand der Mittelschicht. Die urbane Bevölkerung pocht auf politische Rechte und effektive Strafverfolgung. Die Bloggerin Meenakshi Reddy Madhavan bestätigt die „bourgeoise“ Haltung der Proteste. Auf dem Portal Cice.com schrieb sie: „Der Vorfall ist ein Schrei nach Sicherheit für Frauen (…). Indiens Mittelklasse, die lange Zeit unpolitisch war, ist aufgewacht.“

Es waren vor allem liberale Frauen mit College-Abschluss, die auf den Straßen Delhis und Mumbais demonstrierten. Die aufstrebende, weibliche Mittelschicht will sich politisches Gehör verschaffen – und vom Patriarchat emanzipieren. Millionen Absolventinnen verlassen jedes Jahr die Universitäten in Indien und drängen auf den Arbeitsmarkt. Die Proteste haben damit auch eine politische und wirtschaftliche Dimension.

Bei der Beurteilung des Falles sollte man Vorsicht walten lassen und differenzieren. Die „Zeit“ erklärte die Vergewaltigung in ihrem Leitartikel zum kollektiven „Frauenmord“ und warf sie in einen Topf mit Frauenquote und Ministerpräsidentinnen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es spricht den Opfern Hohn, wenn ihr Leid für politische Ziele instrumentalisiert wird. Zur Verhinderung von Vergewaltigungen bedarf es keiner staatlichen Quotierungen, sondern einer effektiven Strafjustiz, die Verbrechen verfolgt und sanktioniert.

Gerechtigkeit muss man sich leisten können

Wer in Indien den Rechtsweg beschreiten kann, ist heutzutage noch immer eine Frage der sozialen Herkunft. Gerechtigkeit muss man sich leisten können. Das tragische Schicksal der 23-jährigen Studentin in Delhi hat die Menschen aufgerüttelt. Gewiss, das Schwellenland wird seine starre soziale Struktur und sein tradiertes Rechtssystem nicht von heute auf morgen überwinden können. Die Demonstrationen aber machen Mut für eine zivilgesellschaftliche Entwicklung des Landes.

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