Beim Coronavirus gilt es die richtigen Fragen zu stellen

Adrian Gudra26.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Die Politik, die Wissenschaft und auch die Presse sollte gerade ganz vielen Menschen ganz viele Fragen stellen und gut durchdacht durchimprovisieren

Heute ist etwas passiert, das mich das erste Mal dazu bewogen hat, zum Coronavirus wirklich etwas sagen zu wollen. Deutschland und weite Teile der Welt machen gerade einen Gegenmechanismus zum Wegschauen zuvor durch, der genausowenig ins Schwarze trifft. Der Grund ist der selbe, wie der, aus dem man zu zaghaft auf das Virus reagiert hat: zu wenige stellen Fragen zu den verborgenen Aspekten und Variablen des kleinteiligen, großen Ganzen, vor allem nicht, bevor die Geschehnisse eintreten. Die Regierenden stellen sie sich nicht früh genug, sie bekommen die Antworten von der Forschung auch nicht explizit gesagt. Und die Presse sucht sie sich nicht von sich aus zusammen. Damit meine ich nicht, dass sie etwas ganz konkretes falsch machen. Ich finde sogar, dass Herr Spahn mit ganzer Kraft dabei ist. Was ich meine ist, dass sie die Gesamtkomplexität der Optionen und ihrer Auswirkungen nicht früh genug erfassen. Das passiert jetzt trotzdem doch, weil überall so viel darüber gesprochen wird, weil der Gesamtüberblick über alle Meinungen doch die wichtigen Punkte zu Tage fördert.

Was meine ich mit großem Ganzen? Einmal die erste Frage: für welche Maßnahmen entscheiden wir uns, welche Maßnahmen sind wir bereit, für mehrere Monate durchzuhalten, im sozialen wie im wirtschaftlichen Leben? Wie wägen wir sie gegen die gesundheitliche Gefahr für jeden einzelnen, für die Gesellschaft als Ganzes ab? Ich habe die letzten Tage oft mitbekommen, wie Medien sich auf die selben Pressekonferenz bezogen haben, die selben wenigen Fachleute zitiert, diese allenfalls gegenüber gestellt haben. Aber wo ist da die Suche nach dem Kern, fachlich, politisch, moralisch?

Die erste banale Frage, die viel zu kurz gekommen ist ist die folgende: wie wahrscheinlich ist die Übertragung durch Schmierinfektion im Vergleich zur Tröpfcheninfektion. Wie wirken sich, einem best guess nach, bestimmte Maßnahmen aus? Zu Hause bleiben, wenn man erste Symptome hat? Keine Veranstaltungen mehr? Keine Veranstaltungen mehr, bei der es zu großer Nähe kommt? Wie sehr können wir durch unser Verhalten die Anzahl von Personen minimieren, die ein Infizierter ansteckt? Könnten wir sie mit wenigen Regeln, die alle befolgen, die gar nicht so einschneidend sind auch unter 1 bringen? Wir wissen ja wie man sich ansteckt, also ist das doch eine gesellschaftliche, steuerbare Aufgabe, wie das reduziert wird, ohne, dass unser Sozialleben und damit auch das wirtschaftliche Leben zusammenfällt?

Diese Fragen müssten wir uns eigentlich alle, die wir nun beobachten, Artikel schreiben und etwas weitertragen wollen stellen. Wir müssten sie so vielen Fachleuten wie möglich stellen, wir müssten dabei nach buest guesses, nach Hintergründen fragen, nicht nach fertigen Studien.

Und was Deutschland dann machen müsste: wir müssten uns entscheiden, welche Maßnahmen, bis zu welche Grad, wir durchführen, wir bereit sind für mehrere Monate durchzuführen. Eigentlich muss klar sein: Unnötige Großveranstaltungen wie Disko und Fußballspiele gehören abgesagt. Museen und Bibliotheken sollten offen bleiben. Wir brauchen eigentlich einen kurzen Film, der jeden Tag vor der Tagesschau eingespielt wird, in dem klare, wenige Regeln festgelegt werden. Beim nach Hause kommen: Hände waschen. Vor und nach einer Veranstaltung auf die dortige Toilette gehen und Hände waschen. Alte Menschen besonders schützen. Einfache Regeln, um ein Sammelsurium aus Tips zu vermeiden. Wir müssten kurz mitgeteilt bekommen: welche vier Punkte helfen am meisten. Welche verbindlichen, konkreten Regeln soll der einzelne beachten, ohne Fragezeichen und wenn dann? Und wir müssen mitgeteilt bekommen, wie die jeweilige Priorität der Regeln ist, um nicht unter all den vielen gut gemeinten Tips denjenigen, der die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung für sich schon um die Hälfte senkt, zu vergessen. Genau die müssen wir innerhalb der Gesellschaft verinnerlichen.

Diese Fragen hätte uns Bundeskanzlerin Merkel nicht beantworten müssen. Aber sie hätte die zentralen Fragen herausarbeiten müssen, auf die es jetzt eine Antwort zu finden gilt: Wie weit sind wir bereit, nicht eskalierend, sondern konstant, zu gehen? Welche verbindlichen Regeln sollten wir, wollen wir für Monate befolgen? Wie es jetzt kommuniziert wurde, das greift zu kurz. Bisher heißt es nur: wir werden unseren Alltag einschränken müssen: sagt wer, wie genau, warum, zu was führt das, für wie lange, was machen wir mit den Auswirkungen? Wo ist da der Wille zur eigenen Gestaltung, zur aktiven Nutzung von Optionen?

Dann gilt es, sich mit den Details zu beschäftigen und zu improvisieren.

Künstliche Intelligenz. Beim Kampf gegen Polio hat die Gates Foundation in Afrika lange Rückschritte gemacht, bis man versucht hat mit Modellen herauszufinden, wo es sich am nachhaltigsten auswirkt zu impfen. Ganz ähnlich bräuchte es hier auch Modelle, welche Veranstaltungen nicht stattfinden dürfen, welche Maßnahmen Sinn machen. Es gibt bestimmt keine Studie dazu, wie oft sich Menschen im Museum anstecken. Aber man sollte von der Forschung begründete best guesseses Annahmen fordern und diese dazu bringen mit Experten aus anderen Bereichen zusammenzuarbeiten, die dann ad hoc Modell entwickeln. Sie sollten dann direkt mit den Entscheidern verbunden sein. Ich finde, jetzt gilt es auf Seiten des Bundesgesundheitsministeriums Leute zusammenzutrommeln, die improvisieren.

Es gilt auch Maßnahmen zu ergreifen, die sicherstellen, dass der Bund in den Kommunen verbindliche allgemeine Regeln festlegen kann. Entweder durch eng getaktete gemeinsame Beschlüsse mit den Ministerpräsidenten und Landesministern. Oder der Bund müsste mit Zustimmung des Bundesrates die Möglichkeit eingeräumt bekommen Regeln vorzugeben, ohne dass die positiven Aspekte des lokalen, föderalen Handelns untergraben würden.

Zu den verschiedenen Therapiemöglichkeiten mit bereits bestehenden Präparaten, die für die Behandlung von anderen Krankheiten zugelassen sind, gibt es zahlreiche laufende Studien aus China und anderswo. Natürlich ist die wissenschaftliche Evidenz davon niedrig. Aber die Mediziner haben doch ein Gefühl dafür, was funktioniert. Wo ist der Diskurs dazu in Deutschland? Wir groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas, was in vitro wirkt auch in vivo wirkt? Wie groß sind die jeweiligen Nebenwirkungen? Bisher ist die Rede von mehreren Aids- und Grippemedikamenten, von einem Malariamedikament, von einem in Japan zugelassenen Medikament, das verhindern könnte, dass der Virus in Zellen eindringen kann. Liegen diese Medikamente, für den Fall, dass eines tatsächlich zumindest ein wenig wirkt schon in ausreichender Zahl vor? Könnten sie Kliniken für sterben Patienten einsetzen? Ein Medikament zu haben, dass bei intensivbehandelten Fällen die Sterbewahrscheinlichkeit um 50 Prozent senkt könnte das Gesicht der Krankheit vollkommen ändern.

Ich habe einen Wissenschaftler vor Kurzem beiläufig davon reden hören, dass bald andere Tests rauskommen sollen, die ähnlich funktionieren sollen wie Schwangerschaftstest. Wie lange dauert das? Wovon hängt das ab? Wie schnell könnten sie produziert werden und wo? Es wird doch ohnehin fast nur noch über Corona berichtet. Dann gehört das doch mitten in den Diskurs! Wäre es eine Option, an jeden Einwohner einen Test zu verschicken, damit man dann mit einem Schlag alle Infizierten, durch mehrere jeweils einen Tag folgende Tests rausfiltern und die Krankheit damit austrocknen kann? Könnte man das danach einmal im Monat wiederholen, um die Verbreitung weiter auf ganz niedriger Flamme zu halten? Kann man so viele Tests überhaupt so schnell produzieren? Könnte man dazu die selben Strukturen nutzen wie bei Wahlen? Wäre die Deutsche Posts in der Lage, 80 Millionen Briefe auf einen Schlag am selben Tag zuzustellen? Kommt dieses Vorgehen zumindest regelmäßig bei im medizinischen Bereich oder in der Altenpflege tätigem Personal in Betracht?

Wie lautet der einheitliche Plan, um alte Menschen zu schützen, wenn die Coronawelle so richtig umlaufen wird? Welche Maßnahmen verbessern die Ansteckungswahrscheinlichkeit, pi mal Daumen wie viel im Vergleich zu anderen? Welche drei bis vier sind wir bereit, über ein Jahr lang umzusetzen? Wie gewährleisten wir, dass sie überall umgesetzt werden? Meiner Meinung nach sollte dies nicht in der alleinigen Verantwortung der Gesundheitsämter oder gar der Altersheime stehen, sondern es ist eine Frage, die von der Bundesregierung, gerne auch in Abstimmung mit den Ländern beantwortet gehört. Letztlich müssen einfach alle schnell wissen, woran sie sich zu halten haben. Deshalb sind wenige einfache Regeln so wichtig und ein Diskurs darüber, was warum wie viel hilft. Hier muss man noch einmal sagen, dass Deutschland vor einer Krankheitswelle steht, die 20 Prozent der über 80-Jährigen Patienten töten kann. Das ist eine absolute Notlage für diese Menschen, die konkret ihr Leben bedroht. Wenn man vier Großeltern in diesem Alter hat wäre damit zu rechnen, dass zumindest einer von ihnen intensivmedizinisch behandelt werden muss.

Wir stehen also vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Wir müssen uns einfache Regeln geben, die wir bereit sind über Monate durchzuhalten. Wir müssen sie uns pi mal Daumen, mit breitem Diskurs und unter Einholung des gut feelings vieler Forscher überlegen. Und wir müssen sie dann auch durchziehen, auch wenn das Virus nachlässt. Wir müssen kluge Regeln wählen, die uns gar nicht so sehr einschränken. Jeder von uns kann auf Diskobesuche verzichten. Es ist kein Problem, wenn wir zu Hause bleiben, wenn wir Erkältungssymptome haben, beim Husten massiv Abstand halten oder wenn sich jeder vor und nach dem Spieleabend mit Freunden die Hände wäscht. Und zwar nicht als gut gemeinter Ratschlag, sondern als feste Regel, die wir von einer weitsichtigen Politik auferlegt bekommen und die wir uns auch alle gemeinsam bis auf weiteres verbindlich auferlegen.

Wenn wir es dann noch schaffen, mit Hilfe von Improvisation im Bereich künstlicher Intelligenz oder neuer Testmethoden die Infektionsrate weiter zu senken, dann haben wir schon viel erreicht, dann ist die Intensivbetreuung gewährleistet. Wenn wir uns dann noch massiv und out of the box mit möglichen Medikamenten beschäftigen, können wir die Sterbewahrscheinlichkeit womöglich noch weiter senken. Dabei sollten wir bei alle dem nicht den Blick dafür verlieren, dass wir Maßnahmen wählen sollten, die zwar wirksam sind, aber auch nur so einschneidend und einfach, dass wir auch über längere Zeit durchziehen und auch vermitteln können.

Kurzum: die Politik, die Wissenschaft und auch die Presse sollte gerade ganz vielen Menschen ganz viele Fragen stellen und gut durchdacht durchimprovisieren.

 

 

 

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