Konservative Intellektuelle werden totgeschwiegen

Adorján F. Kovács22.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Angesichts des in Deutschland weithin verschwiegenen Todes von Sir Roger Scruton, eines der bedeutendsten nicht-linken Philosophen weltweit, könnte eine Einseitigkeit der Berichterstattung in den deutschen Qualitätsmedien vermutet werden. Doch das greift viel zu kurz.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem viele nicht-linke Denkansätze von Entscheidern, die beim Marsch durch die Institutionen an Schlüsselpositionen gelangt sind, torpediert werden. Die linke Blase, in der jener Anteil der deutschen Intellektuellen lebt, der aktiv die veröffentlichte Meinung bestimmt, soll nicht platzen. Die intellektuelle Inzucht soll die weltanschauliche Herrschaft der Linken in Deutschland erhalten und ausbauen.

Der Wahrheit kommt man näher, wenn man bemerkt, dass von den vielen Büchern Roger Scrutons kaum je etwas in die deutsche Sprache übersetzt wurde. Erst letztes Jahr erschienen zwei Übersetzungen in nicht-linken Verlagen, und auch die waren eher politisch motiviert, also nur an dem Ausschnitt aus dem Werk interessiert, der den politischen Konservatismus betraf. Seine genuin philosophischen Werke zur Ästhetik, Sexualität oder den Tierrechten wurden konsequent beschwiegen. Erst recht nicht übersetzt wurde Scrutons furiose Zerlegung der westlichen Denker der neuen Linken in „Fools, Frauds, and Firebrands“. Man darf vermuten, dass die Demaskierung der Philosophie des linken Säulenheiligen Jürgen Habermas als bürokratensprachlich und vor allem intellektuell tautologisch ebensowenig erwünscht ist wie die Warnung vor der neuen Salonfähigkeit kommunistischer Gedanken betrieben von Leuten wie Alain Badiou und Slavoj Žižek. Übrigens: Dass extremistisches Gedankengut in aller Breite in die vielbeschworene „Mitte der Gesellschaft“ eingedrungen ist, liegt an diesen Linksradikalen und nicht etwa an rechten Denkern wie Renaud Camus oder Götz Kubitschek.

Die Wahrheit ist demnach, dass in Deutschland nur der- oder diejenige übersetzt wird, mithin den deutschen Lesern vermittelt werden SOLL, der oder die linkskompatible Bücher schreibt. Alles andere wird, auf jeden Fall von den großen Mainstream-Verlagen, nicht oder nur in einer verfälschenden Auswahl in Ùbersetzung publiziert.

Der Beispiele sind Legion. Nehmen wir den amerikanischen Soziologen Rodney Stark, der eminent wichtige Bücher zur Korrektur von Fehlern der protestantisch und atheistisch geprägten Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert geschrieben hat. Dieses einseitige, vor allem kirchen- und christentumsfeindliche Geschichtsnarrativ wird immer noch an deutschen Schulen vermittelt. Es ist klar, warum erst dieses Jahr ein nicht-linker Verlag eines dieser Werke auf Deutsch veröffentlicht hat: Ein kirchen- und christentumsfeindliches Narrativ wird hierzulande offiziell favorisiert; jedes Geschichtsbuch zeugt davon. Ansonsten muss man zu den englischen Originalen greifen. Obwohl sehr viele Deutsche englisch sprechen können, stellt ein englischsprachiges Buch meist doch ein Hindernis dar. Für die Italiener und Franzosen stellt sich das Problem übrigens nicht: Deren Übersetzungskultur ist offener.

Nehmen wir den englischen Philosophen Richard Swinburne, der wichtige Neuerungen in der Erkenntnistheorie und der Untersuchung der Existenz Gottes eingeführt hat. Aus seinem großen Gesamtwerk sind nur zwei Bücher übersetzt, eines davon bei einem kleinen Philosophieverlag. Das andere enthält des Wort „Vernunft“ im Titel, was es auch für einen größeren Verlag annehmbar machte. Dieses Jahr nun sollen mehrere Bücher, die zum eigentlichen religionsphilosophischen Kern seines Werkes gehören, im Auftrag einer privaten Hochschule übersetzt herausgegeben werden. Auch hier zeigt sich, dass weder die beherrschenden Medienkonzerne noch staatliche Institutionen daran interessiert sind, einen Philosophen, der die Normalität vor 1789 wiederherstellt, die in der Verbindung philosophischer und theologischer Kompetenz bestand, dem deutschsprachigen Lesepublikum breiter vorzustellen.

Nehmen wir zwei Autoren ungarischer Herkunft, die nach ihrer Emigration in den angelsächsischen Ländern weit rezipiert wurden. Michael Polanyi hat zur Wissenschaftsphilosophie veröffentlicht. Sein Hauptwerk ist nicht auf Deutsch übersetzt; man kann vermuten, dass das an seiner Ablehnung der Wissenschaftsauffassung der so genannten „Aufklärung“ liegt. Als Feigenblatt gibt es bei dem ehemals wichtigsten geisteswissenschaftlichen Verlag der alten BRD ein Bändchen zu einem unverfänglichen Kernbegriff seiner Philosophie, dem „impliziten Wissen“. Aurel Kolnai hat auf Deutsch und Englisch veröffentlicht. Sein Hauptfehler war die Konversion von einem Linken zu einem christlichen Konservativen. Die deutschen Werke sind heute – ein Witz! –  nur noch in englischer Übersetzung zu bekommen! Erwähnter Verlag führt gerade mal eine Alibipublikation zur Phänomenologie extremer Gefühle wie Hass. Auch das ist typisch. Im heutigen linken Hassdiskurs („hate speach“) wird ein konservativer Denker vor den linken Karren gespannt, man könnte sagen: missbraucht. Nur so ist er in Deutschland überhaupt tragbar.

Wie gesagt: Die Liste wäre fast endlos fortsetzbar. Diese Strategie führt dann zu beliebten Aussagen wie der, wir lebten in einem „postmodernen“ Zeitalter. Postmodern heißt links, klingt aber besser. Es wird also suggeriert, es würden alle ungefähr Gleiches denken oder als gäbe es eine allgemein anerkannte vorherrschende Weltanschauung. Das stimmt nicht. Freilich muss man sich, um das zu erkennen, vom deutschen Angebot emanzipieren und selber auf die Suche nach den originalen Angeboten machen, die es gibt. Wir leben in einem Zeitalter, in dem viele nicht-linke Denkansätze von Entscheidern, die beim Marsch durch die Institutionen an Schlüsselpositionen gelangt sind, torpediert werden. Die linke Blase, in der jener Anteil der deutschen Intellektuellen lebt, der aktiv die veröffentlichte Meinung bestimmt, soll nicht platzen. Die intellektuelle Inzucht soll die weltanschauliche Herrschaft der Linken in Deutschland erhalten und ausbauen. Die Verlage achten akribisch darauf, dem deutschsprachigen Publikum nicht-linke Positionen am besten nicht oder nur möglichst entschärft zu präsentieren. Da muss man sich nicht mehr wundern, wenn der Tod dieser entsprechend vertuschten Autoren und Autorinnen nicht zur Kenntnis genommen beziehungsweise nicht vermeldet wird. Das könnte ja Interesse wecken! Da sei Marx vor!

 

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