Hysterie oder neue Prüderie?

Adorján F. Kovács4.10.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Kleine Ereignisse werfen manchmal ein bezeichnendes Licht auf ein Epöchlein wie das unsere. Auf einer Klassenfahrt in Hagen gerieten Jugendliche in Panik und hyperventilierten, sodass Polizei, Notarzt und mehrere Rettungswagen anrücken mussten. Alles nur wegen einer nackten Frau. Und was hat das mit linksgrüner Hypermoral und islamischer Arroganz zu tun?

Zunächst wollte ich die Nachricht kaum glauben, aber mittlerweile ist sie mehrfach bestätigt und zwar in Details korrigiert worden, was aber an den grundsätzlichen Tatsachen nichts ändern. Eine Schulklasse von 13- und 14-Jährigen war auf Klassenfahrt in einer Jugendherberge, die in einem Wald gelegen ist. Einige Schüler hielten sich auf dem Außengelände auf, als sie eine nackte Frau sahen. Daraufhin seien die Jugendlichen in Panik geraten und hätten sich so in diese hineingesteigert, dass die Lehrer den Notruf betätigten. Daraufhin kam die ganze Rettungskaskade in Gang. Natürlich konnten alle beruhigt und niemand musste behandelt werden. Aber sieben Kinder wurden daraufhin von den benachrichtigten Eltern abgeholt.

Jede und jeder von uns weiß, dass die Pubertät eine schwierige Zeit ist. Vielleicht erinnern sich manche der älteren Leser an den Film „Picnic at hanging rock“ von Peter Weir, der die vage sexuell konnotierte leichte Überdrehtheit von Schülerinnen eines viktorianischen Mädcheninternats sehr eindrucksvoll zeigte. Man nannte das früher Hysterie. Die Phantasie spielt verrückt, da werden Dinge ausgemalt, die nicht existieren, die Mädchen beeinflussen sich gegenseitig zu immer unwahrscheinlicheren Vorstellungen. Am Ende verschwindet tatsächlich sogar eines der exaltierten Mädchen bei einem Ausflug. Pubertäre erotische Schwärmereien vermengen sich mit Todessehnsucht.

Nun scheint es bei unserer Geschichte in Hagen einen realen Anlass gegeben zu haben: laut Ausweis eines Videos (heute wird ja alles gefilmt) eine nur in Unterhose joggende Frau, die offenkundig harmlos ihrem Freikörperkult nachging und im Wald wohl nicht mit Beobachtern gerechnet hat. Alles soweit schön und gut. Doch warum dann eine solche Panik? Ich war auch einmal in dem Alter, glaube aber nicht, dass ich oder meine Klassenkameradinnen und -kameraden von einer nackten Frau zur Hyperventilation getrieben worden wären.

Nicht umsonst fiel mir der genannte Film ein, der im sprichwörtlich prüden viktorianischen Zeitalter spielt. Ob das Cliché der Prüderie auf die genannte Zeit zutrifft, sei dahingestellt, aber die öffentliche Moral war nicht so lax wie, sagen wir, in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Heute scheint tatsächlich eine neue Prüderie zu herrschen. Die (interessanterweise linke) #metoo-„Bewegung“, die Schnüffelei nach angeblichen Vergehen, die 30 Jahre her sind, passt da bestens. Es könnte sich bei der Reaktion der Hagener Jugendlichen um die Folge der Schwingungsumkehr des Pendels handeln. Die (damals von links gepredigte) sexuelle Revolution war, so kann man von heute aus sicherlich sagen, überzogen. Alles war sexualisiert. Der STERN zum Beispiel zeigte auf jedem Titelbild eine Nackte, auch wenn der Rücktritt Willy Brandts der Aufmacher war. Jetzt kehrt bei den jungen Leuten vielleicht eine Normalisierung ein. Und die Linke ist so flexibel und predigt nun einfach das Gegenteil; Hauptsache, sie bestimmt den Diskurs.

Jedoch würde mich auch interessieren, wieviele der betroffenen Jugendlichen Mohammedaner waren. Die Frage ist heute ja grundsätzlich berechtigt. (Bald wird sie lauten: Wieviele sind noch Deutsche?) Denn dann könnte das Entsetzen über eine halbnackt joggende Frau neben rein zeitgeistigen auch religiös-ideologische Gründe haben. Und waren die Eltern, die ihre Kinder vor bedrohlicher Nacktheit meinten „retten“ zu müssen, linksgrüne deutsche Helikoptereltern, die am liebsten noch die Lehrer verklagen würden, oder sich ob westlicher Dekadenz bestätigt fühlende Mohammedaner, die schon immer etwas gegen Klassenfahrten hatten? Auch hier würde sich eine merkwürdige, aber breit wahrzunehmende Allianz zeigen zwischen der Linken und dem Islam – in diesem Fall zwischen linker Hypermoral und islamischem Reinheitswahn.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu