Abtreibung als „natürliches Ende“ einer Schwangerschaft ist auch ein großes Geschäft

Adam Franke6.05.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Am 20. März 2019 organisierte die 1884 gegründete „Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie in Berlin“ eine „wissenschaftliche Sitzung“ zum Thema Abtreibung. Dieser Augenzeugenbericht der Sitzung gewährt einen seltenen Blick in die Innenwelt derer, die Abtreibungen als Teil ihres normalen ärztlichen Geschäfts betrachten.

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Am 20. März 2019 organisierte die 1884 gegründete „Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie in Berlin“ eine „wissenschaftliche Sitzung“ zum Thema Abtreibung. Dieser Augenzeugenbericht der Sitzung gewährt einen seltenen Blick in die Innenwelt derer, die Abtreibungen als Teil ihres normalen ärztlichen Geschäfts betrachten.

Ein im Berliner Kiez praktizierender Frauenarzt machte mich auf eine interessante Veranstaltung für Ärzte und Experten zum derzeitig politisch besonders brisanten Thema „Abtreibung“ aufmerksam. So machten wir uns beide am Abend des 20. März auf den Weg in das Kaiserin-Friedrich-Haus in der Nähe der Berliner Charité. Gleich am Eingang wurden wir von freundlichen Damen in Empfang genommen, die Anleitungen zur medikamentösen Abtreibung gegen Entgelt anboten. Als kostenlose Beigabe gab es Werbung für themenbezogene Aktionen anderer Akteure, die aktiv für Abtreibung eintreten, unter anderem von Bündnis 90/Die Grünen. Wir nahmen in dem bis an den Rand gefüllten Hörsaal Platz, umgeben von den führenden Vertretern der deutschen Frauenmedizin und der gynäkologischen Fakultät der Charité. Auch anwesend waren viele andere im „Abtreibungsbusiness“ Aktive und Bekannte: Inhaber von bekannten Abtreibungspraxen, Beraterinnen von „Donum Vitae“ und „Pro Familia“. Abtreibungsfachleute gewissermaßen unter sich. Einige Medizinstudenten und Juristen rundeten den Teilnehmerkreis ab. Viele kannten sich bereits, so dass eine fast familiäre Atmosphäre herrschte: freundliche Blicke, Wangenküsschen, Händeschütteln.

Nach der Begrüßung von Teilnehmern und Rednern durch die Veranstalter wurde es schnell konkret. Die Überschrift der Veranstaltung lautete: „Vorzeitiges Schwanger-schaftsende“. Gemeint war nicht die gewöhnliche Fehlgeburt, sondern die Abtreibung. Ein älterer Professor wies allerdings gleich nach dem ersten Vortrag darauf hin, auf dem Totenschein bloß nicht das Kästchen „nicht natürliche Todesursache“ anzukreuzen, da man sich dann gleich auf einen Besuch von der Polizei einstellen müsse. Eine Abtreibung, auch eine späte, sei immer „natürlich“. Zustimmendes Kopfnicken im Publikum, obwohl kurz vorher ein Bild eines auf diese „natürliche“ Weise getöteten Kindes, welches in einer Lache seines eigenen Blutes auf einem OP Tisch lag, gezeigt worden war.
Spannend war der Vortrag der Ärztinnen Dr. M. Zaghloul-Abu Dakah und Christiane Tennhardt, die in ihren Versorgungszentren in Berlin pharmakologische Abtreibungen mittels RU 486 seit Jahren angeblich so gut wie komplikationslos praktizieren. Das Besondere an dieser Methode bestehe darin, dass die Frauen nach Einnahme der Abtreibungspillen die Praxis verlassen können, wobei die Abtreibung in häuslicher Umgebung ohne weitere Begleitung über die folgenden zwei bis drei Tage stattfinde, starke Blutungen, Schmerzen, Ängste und Verzweiflung inbegriffen. Erst zum Schluss werde die Praxis wieder aufgesucht und die Abtreibung mittels Gabe eines weiteren Präparates zu Ende geführt. Darum sei diese Methode auch unter Abtreibeärzten nicht ganz unumstritten. Die von den beiden Kolleginnen gezeigten Daten zur Komplikationsrate dieser Methode sollten jedoch solche Zweifel zerstreuen. Es wurde angedeutet, dass künftig häusliche Abtreibung durch „Selbstmedikation“ zum Regelfall werden könnte und vielleicht auch sollte. In Ländern mit restriktiver Abtreibungsgesetzgebung könnte man beispielsweise diese Mittel über Onlinebestellung mit anschließendem Postversand bereitstellen. In Deutschland ist dies übrigens leider online ohne Rezept ebenfalls kein Problem, wie ein Bekannter selbst erprobt hat. Nach Meinung der erfahrenen Frauenärztin Tennhardt wird die Abtreibung als Mittel der Geburtenkontrolle auch bei konsequenter Einnahme der Anti-Baby-Pille in der Zukunft häufig durchgeführt werden müssen. Der „Pearl-Index“ – ein Indikator für die Wirksamkeit einer Verhütungsmethode – der Pille werde ja überschätzt, wie alle Frauenärzte wüssten. Auch die Pille verhindere nicht jede Schwangerschaft. Hierzu keine Gegenstimmen aus dem Publikum.

Nahtlos ging es weiter mit „Indikationen und Vorgehen beim späten Schwangerschaftsabbruch“. Die Veranstalter kündigten den Leiter der vorgeburtlichen Diagnostik im Ambulanten Gesundheitszentrum der Charité, den Privatdozenten Dr. Alexander Weichert, an. Dieser habe durch seinen „offenen“ und „mutigen“ Umgang mit dem „kontroversen Thema“ der Spätabtreibung den Respekt seiner Kollegen verdient. Bei einer Spätabtreibung geht es nicht um die Zeit bis zur zwölften Schwangerschaftswoche („Beratungsregelung“), sondern um die Zeit danach bis zur Geburt („Indikationsregelung“). In solchen Fällen muss ein Arzt attestieren, dass der Schwangeren mögliche körperliche oder seelische Schäden oder Belastungen durch das weitere Austragen der Schwangerschaft drohen. Von den mehr als hunderttausend Abtreibungen, die nach offizieller Statistik jedes Jahr in Deutschland durchgeführt werden, fallen einige Tausend unter diese Indikationsregelung. Von diesen werden jedes Jahr knapp siebenhundert nach der zweiundzwanzigsten Schwangerschaftswoche durchgeführt, also zu einer Zeit, in der das Kind prinzipiell außerhalb der Gebärmutter lebensfähig ist. Häufige Gründe sind das Down-Syndrom oder eine (heute meist gut behandelbare) Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. In Einzelfällen liegt überhaupt keine Missbildung des Kindes vor, sondern die Indikation besteht allein in einer psychischen Belastung der Mutter. Der überaus freundlich und verbindlich wirkende Privatdozent erklärte dem Publikum die technischen Finessen dieser Abtreibungsmethode, bei der das Kind im Mutterleib meist durch die Injektion einer Kaliumchlorid-Lösung ins Herz oder in die Nabelschnur getötet wird. Zum besseren Verständnis wurde der Tötungsvorgang direkt am Herzen des Kindes in einer Echtzeit-Videoaufnahme gezeigt. Der Verfasser dieses Artikels hat selbst in einer Universitätsklinik Hunderte von Herzen mittels Ultraschall untersucht. Es gab gesunde und weniger gesunde Organe, aber alle, selbst die schwächsten und kränksten, haben geschlagen. Das Video wirkte surreal und war für mich als erfahrenen Untersucher kaum auszuhalten. Ins Bild schob sich ein spitzer Fremdkörper, welcher das schlagende Kinderherz mit einem Stich innerhalb weniger Augenblicke zum Stillstand brachte. Nach wenigen Momenten war auf dem Bild gar keine Bewegung mehr zu sehen. Nach der Agonie im Bauch der eigenen Mutter muss bei diesem Verfahren das tote Baby auch noch von der Mutter auf natürliche Weise zur Welt gebracht werden. Dies alles geschieht in einer der modernsten Geburtshilfe-Einrichtungen der Welt, im Beisein von ärztlichen Spezialisten und exzellentem Fachpersonal. Aus Berichten von Betroffenen weiß man, dass dieser Eingriff die Frau, ihren Partner und ihre Familie über Jahre bis Jahrzehnte belasten kann. Viele berichten, dass bei ihnen Mut- und Hoffnungslosigkeit zu der Entscheidung für die Spätabtreibung geführt haben und beklagen sich, von ihrer Umgebung zu wenig in einer lebensbejahenden Haltung gestärkt worden zu sein. Eine Geste oder ein hoffnungstiftender Satz der Ermutigung hätten vielleicht schon gereicht, berichten sie später, um der Geschichte eine andere Wendung zu geben.

Nach dieser makabren Präsentation folgten etwas Statistik und beschönigende Worte: Selbstverständlich stehe man den „werdenden Eltern“ als Ansprechpartner in „Konfliktsituationen“ immer zur Verfügung und begleite sie professionell während des Klinik¬aufenthaltes. Interessant war die Betonung, dass man gerade auch mit „Donum Vitae“ in engem Kontakt stehe. Dieser Verein aus dem Umfeld des Zentralkomitees der deutschen Katholiken beteiligt sich an der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung und stellt die Beratungsscheine aus, die in Deutschland Voraussetzung für eine Abtreibung sind. Manche Eltern würden aber den letzten Schritt nicht nehmen, sondern am Ende sich doch für ihr Kind ent-scheiden. Auch diese Haltung würde die Klinik respektieren. Als Beleg zeigte man sodann den Brief einer Familie, die sich gegen eine Abtreibung entschieden hat, in dem sich die Eltern für die „wunderbare Begleitung“ bedankten. Die Ärzte mischen sich in die Entscheidung der Eltern also nicht ein, sondern respektieren diese. Die Verantwortung für die Abtreibung tragen damit nicht die ausführenden Ärzte, sondern die Eltern oder auch nur die Mutter.
Dr. Weichert lieferte zum Schluss seine eigene Definition für den Anfang des menschlichen Lebens: Dieses beginne erst nach dem Austritt des Kindes aus dem Geburtskanal. Nach Weichert trete die „totale Katastrophe“ dann ein, wenn das Kind die eigene Abtreibung überlebt. Als Beispiel für ein solches „worst-case Szenario“ wurde der Fall vom „Oldenburger Baby“ Tim genannt. Der kleine Tim wurde nach der fünfundzwanzigsten Schwangerschaftswoche wegen eines Down-Syndroms abgetrieben. Er überlebte jedoch den Eingriff und atmete noch mehrere Stunden, obwohl man ihm eine medizinische Notfallversorgung verwehrte. Trotz der erlittenen Schäden lebte Tim ganze einundzwanzig Jahre weiter, bis er vor wenigen Monaten starb. Tim öffnete vielen das Herz für Menschen mit Down-Syndrom. Aus Sicht der abtreibenden Ärzte bei der „wissenschaftlichen Sitzung“ in Berlin war aber das Ganze ein „Desaster“. Die Kollegen von damals mussten sich für die unterlassene Hilfeleistung nach der Geburt verantworten. Druck sei sogar von den Eltern gekommen, die mit dem Überleben des eigenen Kindes nicht gerechnet hätten. Das starke mediale Interesse an dem Fall habe die beteiligten Ärzte auch belastet. Positive Aspekte dieser einzigartigen Biografie von Tim konnten von keinem der versammelten Experten gesehen werden. Nach dieser Vorführung gab es keine Diskussion, auch kein betretenes Schweigen, sondern wieder lebhaften Applaus.

Als Krönung des Abends trat der Rechtswissenschaftler, Mitglied des Beirats der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung sowie des Deutschen Ethikrats Prof. Reinhard Merkel aufs Podium, um die juristischen Aspekte der Spätabtreibung zu beleuchten. Kinder im Mutterleib seien „keine Inhaber von Grundrechten“, weshalb „auch nicht indizierte Abtreibungen in Deutschland rechtmäßig“ seien. Dass sie weiterhin „rechtswidrig“ genannt werden, sei belanglos- eine „sachlich leere falsa demonstratio“ (= falsche Beschreibung). Unsere Rechtsordnung gewähre dem Kind im Mutterleib kein Grundrecht auf Leben, ihm komme auch keine Menschenwürde zu. Daher sei die Abtreibung bis zur Geburt auch ohne besondere Indikation stets rechtens und sollte vom Arzt moralisch nicht in Frage gestellt werden. Hierzu gab es heftigen Beifall. Danach kam das Abschlusswort gefolgt von einem Büffet mit Häppchen und Wein. Die Branche feiert sich selbst.

Dieser Abend wird mir noch sehr lange bedrückend in Erinnerung bleiben. Beeindruckend waren die absolute Gleichgültigkeit und erbarmungslose Haltung gegenüber noch nicht geborenen Kindern, das Beschönigen der Langzeitfolgen der Abtreibung (vor allem der späten) für die Frau und ihr soziales Umfeld und die Reinigung des Gewissens durch die alleinige Übertragung der Verantwortung auf die betroffene Frau, die Kindeseltern, die Gesellschaft, oder die Rechtsprechung.

Derzeit ist der menschengemachte Klimawandel in aller Munde. Was wir jedoch brauchen ist ein Wandel im Gesellschaftsklima in Bezug auf das Recht auf Leben, damit solche grausamen ärztlichen Werbe- und Informationsveranstaltungen wie die in Berlin irgendwann der Vergangenheit angehören.

*Dr. med. Adam Franke ist Mitglied im Vorstand des Vereins „Ärzte für das Leben“*

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