Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen. Margot Käßmann

Assad? Nein Danke!

Eine Kooperation mit Assad würde die syrische Revolution verraten und mit dem IS den Bock zum Gärtner machen. Der Westen muss sich entscheiden.

Und plötzlich waren sie überall zu sehen. In den Medien sind sie in den letzten Wochen Thema Nummer Eins gewesen: Die Kämpfer der IS. Urplötzlich tauchten sie in den westlichen Medien auf und es scheint, als würden die Terroristen erst seit einigen Wochen in Syrien existieren. Dabei versetzt diese Terroreinheit seit Jahren die Menschen dort in Angst und Schrecken. Doch erst jetzt reagiert der Westen militärisch auf den IS, was zu drei entscheidenden Fragen führt: Warum so spät? Warum reagierte der Westen nicht auf den Terrorismus, der vom Assad-Regime ausging? Und wie kann es sein, dass Bashar Al-Assad als möglicher Partner des Westens beim Kampf gegen den IS gesehen werden kann?

Assads Staatsterror wurde ignoriert

Die Termini Extremismus und Terrorismus werden meist im Zusammenhang mit dem islamistischen Lager, oft auch Synonym für Opposition verwandt. Dass das Assad-Regime nicht erst seit 2011, sondern schon seit 40 Jahren seine Bevölkerung ermordet und terrorisiert, wird oft vergessen. Und dass dieser staatliche Terrorismus erst die Büchse der Pandora, namentlich IS, geöffnet hat, wird ebenfalls nicht beachtet. Assad hat bewiesen, dass der Fisch vom Kopf her stinkt!

Vergessen wir nicht, dass das Assad-Regime den IS in Syrien ganz bewusst nicht bekämpft hat. Ganz im Gegenteil: Bashar Al-Assad hat 2011 eine hohe Zahl an inhaftierten Terroristen freigelassen, die sich dann der IS oder Al-Nusra Front anschlossen. Diesen von ihm konstruierten Terrorismus hat Assad mit voller Absicht ignoriert, um so mit dem Zeigefinger auf die angeblich von Terroristen überlaufene Opposition zeigen zu können und sich so wieder einmal als die einzige legitime Alternative gegen Terrorismus darzustellen. Die Taktik scheint aufgegangen, denn immer mehr Politiker und Nahostwissenschaftler sehen das Assad-Regime nur noch als das kleinere Übel an. Und so klingt es wie Hohn, wenn der Westen darüber diskutiert, ob man mit dem Assad-Klan nicht besser kooperieren sollte, um den IS zu bekämpfen. Schließlich haben beide nun den gemeinsamen Feind gefunden, den sie nach den Anschlägen von 9/11 einst schon hatten.

Kooperation mit Assad würde die Revolution verraten

Die Bilder der anfangs friedlichen Demonstrationen mit ihren berechtigten Forderungen scheinen in den Gedanken des Westens wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Der bloße Gedanke darüber, der Westen könnte mit Assad kooperieren, ist ein absoluter Verrat an die Syrerinnen und Syrern und wirft jegliche Glaubwürdigkeit über Bord. Waren es nicht westliche Werte für die die Menschen in Syrien auf die Straßen gegangen sind und den Sturz des Regimes einforderten? Es sind ebendiese Werte, die der Westen für sich beansprucht hat und die nur dann gelten und bedeutend sind, wenn der angebliche Eigentümer dieser Werte es für nötig hält, sie zu verteidigen. Ebenso würden die unzählig abgehaltenen Konferenzen unter dem Namen „Freunde Syriens“ nur noch Zynismus sein, sollte Assad als Partner zur Bekämpfung der IS-Milizen dienen. Die Scheinlogik „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, darf hier nicht greifen!

Assad bleibt das Hauptproblem

Immer noch bleibt der Assadsche Machtapparat hauptverantwortlich dafür, dass die Zahl von 200.000 Toten in Syrien bald erreicht ist. Dieser Machtapparat darf beim Kampf gegen die IS nicht ignoriert, sondern muss mitbeachtet und ebenfalls bekämpft werden, ganz nach dem Adornoschen Motto: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

Viele Fehler hat sich der Westen in der Syrienkrise geleistet. Einer ist die mangelhafte Unterstützung der moderaten Kräfte. Die FSA wurde im Stich gelassen und musste selbst sehen, wie sie gegen Salafisten und Baathisten gleichzeitig zurechtkommt. Und als wäre das nicht schlimm genug, werden die derzeitigen US-Angriffe in Syrien nicht mit der FSA koordiniert, sondern im Alleingang durchgeführt.

Der Westen muss sich entscheiden, wer Freund und wer Feind in diesem Kampf sein soll – ein Kampf, der nicht nur einer gegen den IS sein darf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katja Kipping, Richard Herzinger, Sahra Wagenknecht.

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