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„Unsere Bühne spiegelt die deutsche Realität“

Seit Dezember 2011 tourt der i,Slam durch Deutschland. Clemens Lukitsch sprach mit den Initiatoren Youssef Adlah und Younes Al-Amayra über das Presse-Echo, ihre Zukunftspläne und warum sie eine Männerquote brauchen.

The European: Wofür steht der i,Slam?
Youssef: i,Slam ist ein muslimischer Poetry Slam. Er soll jungen, talentierten Muslimen die Möglichkeit geben, gehört zu werden, wenn sie sich zu gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Themen äußern möchten.

The European: Aber warum ist das nur für Muslime?
Younes: Es gibt so viele begabte, muslimische Jugendliche, die nicht wissen, wohin mit ihren Texten, ihren Ideen, ihrer Meinung. Es geht um die Stimme, welche die muslimische Jugend zwar hat, der aber oftmals die geeignete Plattform fehlt. Das ist die Grundidee des i,Slam. Nichtmuslimische Zuhörer sind auf unseren Poetry Slams aber genauso willkommen.

The European: Am 8. Juni ist das i,Slam-Finale in der Berliner Akademie der Künste. Bekommen Sie die Halle voll?
Youssef: 500 Gäste haben dort Platz und wir hoffen natürlich, dass es voll wird. Wir sind zuversichtlich, weil sich Fans aus der ganzen Republik angemeldet haben. Sogar extra aus der Schweiz und Österreich werden Leute anreisen. Wenn nicht, dann laden wir einfach unsere Familien mit ein und kommen so schon locker auf über 350 Personen.

The European: Was sind Ihre Pläne nach dem Finale – wie geht es mit dem Projekt weiter?
Youssef: Wir reißen die Weltherrschaft an uns und treiben die Menschheit in die Knechtschaft.

The European: Diese Absicht unterstellt man den Muslimen schon seit geraumer Zeit.
Younes: Spaß beiseite; wir touren weiterhin im deutschsprachigen Raum. Die nächsten Stationen wären die Schweiz und Österreich. Für Erstere gibt es auch schon einen Termin.

„Unser größter Erfolg war ein interreligiöser Poetry-Slam“

The European: Gab es schon Anfragen an Sie, das Konzept in andere Sprachen und Länder zu übernehmen?
Youssef: Bisher nur aus der Türkei und den Vereinigten Staaten. Das Problem für uns ist, dass wir sprachlich einfach auf den deutschen Raum beschränkt sind. Uns ist es sehr wichtig, die Texte der Kandidaten beurteilen zu können und ein gewisses Niveau sicherzustellen. Das funktioniert eben nur bei deutschen Texten. Sollte aber ein geeigneter Partner im Ausland auf den Plan treten, wären wir einer Kooperation nicht abgeneigt.

The European: Neben dem i,Slam studieren bzw. arbeiten Sie. Wie vereinbaren Sie Beruf, Studium und das gesellschaftliche Engagement?
Younes: Es wäre sehr schön, wenn wir uns nur auf den i,Slam konzentrieren könnten. Wir sind mit Leib und Seele dabei und wünschten uns, dass aus dem Projekt eine Institution würde und man davon leben könnte. Pläne dahingehend gibt es aber noch nicht. Es nimmt allerdings schon jetzt mehr Zeit in Anspruch als alles andere.
Youssef: Wir machen den i,Slam und studieren bzw. arbeiten sozusagen nebenbei.

The European: Es gab in der Vergangenheit auch einen interreligiösen i,Slam. Wie kam das beim Publikum an?
Youssef: Das war bisher sogar unser größter Erfolg. Wir haben es geschafft, einen Rabbiner, eine Pastorin, einen Imam und einen Vertreter der Baha’i-Religion zusammen auf der Bühne slammen zu lassen. Das war definitiv ein Highlight und hat uns gezeigt, dass unsere Idee vom Dialog zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft auf sehr fruchtbaren Boden gefallen ist. Darüber sind wir sehr glücklich. Die nächste Veranstaltung dieser Art gibt es in Zusammenarbeit mit JUMA und der Friedrich-Ebert-Stiftung am 16. August in Berlin.

The European: Sie sind also mit dem Erfolg Ihrer religiösen Poetry-Slam-Idee zufrieden?
Younes: Wir haben mehr erreicht, als wir uns zu träumen gewagt hätten. Es fing ja als Spinnerei an und hat sich relativ schnell hochgeschaukelt. Innerhalb der muslimischen Community hat der i,Slam bereits Kultstatus.
Youssef: Es gibt kaum noch eine muslimische Veranstaltung im großen Rahmen, wo nicht auch ein i,Slam-Poet dabei ist. Vor uns kannte man das überhaupt nicht.

The European: Welche Teile der muslimischen Gemeinschaft erreichen Sie mit Ihrem Projekt?
Younes: Es ist schon die jüngere Generation, die uns haben will und unsere Slams besucht. Die Älteren können häufig weniger mit uns anfangen. Wer hier aufgewachsen ist und sozialisiert wurde, kann sich in der Regel auch mit den Texten unserer Poeten identifizieren. Bei älteren Leuten ist es oft auch die sprachliche Barriere, die zum Problem wird.

The European: Gab es denn auch negative Stimmen?
Youssef: Wir freuen uns über jeden Hinweis und wünschen uns konstruktive Kritik. Bisher gab es aber kaum Negatives. Unsere erste Veranstaltung war etwas zu lang geraten, das lag unter anderem am Wahlsystem. Das haben wir angepasst.
Younes: Beim Finale werden wir aus organisatorischen Gründen ausnahmsweise auf ein „Applaus-O-Meter“ zurückgreifen.

The European: Was spricht gegen ein „Applaus-O-Meter“ bei allen Veranstaltungen?
Youssef: Fairness steht bei uns an erster Stelle. Wenn man als junger Mensch den Mut findet, seinen ersten Text vor Publikum vorzutragen, dann aber dürftigen Applaus erhält, wirkt das schnell demotivierend. Das möchten wir nicht. In unserem Projekt geht es vor allem darum, Selbstbewusstsein zu fördern.

The European: Ihr Regelwerk – „Die fünf Säulen des i,Slams“ – enthalten unter anderem den Punkt: „no verbalism“. Sie lehnen Beleidigungen ab. Gab es dahingehend Probleme?
Younes: Einmal kam es vor, dass ein Slammer spontan auf der Bühne etwas improvisierte, das diese eine Regel verletzt hat. Dafür gab es dann Punkteabzug.
Youssef: Wir lesen die Texte vorher, um die Slam-Poeten zu informieren, welche Stellen kritisch sein könnten und suchen gemeinsam mit ihnen nach einer Änderung, mit der beide Seiten zufrieden sind.

The European: Youssef ist ein erfahrener Slammer und trat bereits bei Poetry Slams auf, bevor es den i,Slam gab. War es ursprünglich seine Idee? Warum wurde es ausgerechnet ein Poetry Slam?
Youssef: Das Ganze kam wirklich völlig spontan. Younes interviewte mich einmal nach einem Poetry Slam für eine Internetplattform namens Muslime-TV und fragte, ob es viele andere slammende Musilme gäbe. Die Antwort lautete nein und darauf setzen wir uns zusammen und fingen an, das Konzept zu entwickeln. Wir fanden, dass Slammen eine großartige Methode ist, um sich selbst auszudrücken und andere Menschen an den eigenen Gedanken teilhaben zu lassen.

The European: Darauf folgte die Teilnahme an der Zahnräder-Netzwerk- Konferenz …
Youssef: … wo wir den ersten Platz und das Preisgeld abgeräumt haben und seither arbeiten wir einfach wie die Verrückten.

The European: Wie war das Echo in den deutschen Medien?
Youssef: Zum allergrößten Teil positiv. Das ZDF hat kritisiert, wir würden uns mit der Veranstaltung separieren. Das haben wir als ungerechtfertigt empfunden, zumal es zu dieser Kritik auch keine Verbesserungsvorschläge gab.
Younes: Außerdem erinnern wir uns an einen inhaltlichen fehlerhaften Artikel in der „taz“. Das fanden wir ärgerlich.

The European: Wie wichtig ist Ihnen die Meinung der nicht-muslimischen Öffentlichkeit?
Youssef: Die ist uns sehr wichtig. Wenn unser Image in der deutschen Öffentlichkeit schlecht ist, erreichen wir die Menschen nicht mehr. Uns liegt aber sehr viel daran, auch von Nicht-Muslimen wahrgenommen zu werden. Wir laden sie immer wieder herzlich zu unseren Veranstaltungen ein und wollen, dass die sich angucken, was wir machen. Dementsprechend ist uns unser Erscheinungsbild in der Gesellschaft sehr wichtig.
Younes: Es beginnt schon damit, dass wir ausschließlich die deutsche Sprache auf unseren Veranstaltungen zulassen, damit die Texte auch für jedermann verständlich sind. Wir sehen es als Voraussetzung, dass jeder, der hier lebt, Deutsch kann. Hätten wir uns separieren wollen, dann wäre das schon allein über die Sprache möglich gewesen.

The European: Wie sieht es mit den weiblichen Stimmen bei Ihren Poetry Slams aus? Lassen Sie Frauen zu Wort kommen?
Younes: Wir haben keine geschlechtliche Einschränkung, jeder ist willkommen. Mittlerweile brauchen wir aber langsam eine Männerquote. Wir haben mehr Frauen auf der Bühne als Männer.
Youssef: Allein im Finale stehen sechs Mädels und nur drei Jungs.

The European: Das widerspricht doch aber deutlich dem in Deutschland vorherrschendem Bild einer muslimischen Gesellschaft, in der Frauen nur wenig – wenn überhaupt – zu sagen haben.
Youssef: Deshalb freuen wir uns so auf nicht-muslimisches Publikum, damit die sehen, wie es wirklich bei uns ist. Das Bild, das die Medien leider all zu oft wiedergeben, stimmt einfach nicht oder ist zumindest stark undifferenziert.

The European: Was setzen Sie diesem Bild entgegen?
Younes: Im Prinzip spiegelt unsere Bühne die Realität in Deutschland wider. In der muslimischen Gemeinschaft sind es vor allem die Frauen, die aktiv sind. Es gibt kaum eine muslimische Organisation, wo die Frauen nicht die treibende Kraft sind, außer i,Slam – dafür stehen sie bei uns auf der Bühne. (lacht)

„Wer das verpasst, braucht nur noch Strick und Balken“

The European: Sie haben durch Ihren Erfolg mittlerweile so etwas wie Vorbild-Funktion bei vielen Muslimen. Werden Sie oft um Rat gefragt, wenn eine Frage die Gemeinschaft umtreibt?
Youssef: Eher weniger. Wenn, dann sind es eher Fragen sprachlicher Natur, da das ja unser Spezialgebiet ist. Wir wünschen uns natürlich, dass wir unsere Vorbildfunktion gut ausfüllen. Dabei wollen wir uns auf das beschränken, was wir wirklich können: das Spiel mit der Sprache.
Younes: Auch bei der Organisation von Projekten coachen wir und geben unser Know-how weiter.

The European: Was spricht dagegen, sich auch zu anderen gesellschaftlichen oder politischen Themen öffentlich zu äußern?
Younes: Wir wurden kürzlich von Deutschlandradio angefragt, in deren Feuilleton zu einem beliebigen Thema Stellung zu nehmen. Das könnten wir uns in so einem Rahmen schon vorstellen, bis jetzt blieb es aber bei der Anfrage. Wir haben aber nicht die theologische Autorität, um Ratschläge zu erteilen, die wollen wir auch gar nicht haben! Da gibt es andere Institutionen, die wesentlich besser geeignet sind. Leider gibt es manche Jugendliche, die das für sich selbst machen und auch eine gewisse Öffentlichkeit erreichen. Das sehen wir sehr kritisch und empfinden es sogar als gefährlich.
Youssef: Wir denken da zum Beispiel an sogenannte „Online-Imame“ im Alter von 18 oder 19 Jahren, die eigentlich überhaupt nicht qualifiziert sind, aber ihre Meinung zu bestimmten Themen auf YouTube hinausposaunen.

The European: Arbeiten Sie auch mit nicht-muslimischen Organisationen zusammen?
Youssef: Wir wurden von der Bundeszentrale für politische Bildung zum Zukunftsforum Islam eingeladen. Das war eine große Ehre und eine gute Gelegenheit zum Dialog.
Younes: Außerdem arbeiten wir und haben in der Vergangenheit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, der US-Botschaft und der Amadeus-Stiftung zusammengearbeitet.

The European: Zum Schluss noch eine Botschaft für den geneigten Leser und die Fans?
Younes: Es versammelt sich die Crème de la Crème der muslimischen Wortakrobaten in der Akademie der Künste in Berlin am 8. Juni, um 14:30 Uhr. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.
Youssef: Wer das verpasst, braucht nur noch Strick und Balken.

Das Interview entstand gemeinsam mit Younes Al-Amayra.

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