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„Ich glaube, man hat eine tote Katze im Sack gekauft“

Er ist Muslim marokkanischer Herkunft und Bundesvorsitzender der Schüler Union. Younes Ouaqasse sieht das Kruzifix als Symbol christlischer Werte, die Deutschland nach wie vor prägen. Die Forderung der niedersächsischen Sozialministerin, Aygül Özkan, diese aus Klassenzimmern zu entfernen, kann er nicht verstehen. Mehr noch, fragt er sich, “wie man so jemanden als Minister vorschlagen konnte”.

The European: Warum sind Sie nach wie vor gegen die Vereidigung der neuen niedesächsischen Sozialministerin, Aygül Özkan?
Younes Ouaqasse: Weil Frau Özkan eine Politikerin ist, die die Werte der CDU nicht vertritt. Die CDU Deutschland hat eine ganz klare Meinungen, sowohl zum Beitritt der Türkei zur EU als auch zu Kruzifixen in Klassenzimmern. Das Kruzifix ist ein bedeutendes Symbol – für 57 Millionen Menschen in Deutschland, für 2,7 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt. Wer für die CDU ein Ministeramt ausfüllen möchte, der muss sich ohne Abstriche zu unseren christlichen Traditionen bekennen.

The European: Wundern Sie sich über Ihre Partei, dass sie Frau Özkan nicht vorher zu Ihrer Haltung in diesen Fragen gehört hat?
Younes Ouaqasse: Ich frage mich, wie man so jemanden als Minister vorschlagen konnte. Man hätte genauer prüfen sollen, wen man da eigentlich hat. Ich glaube, man hat eine tote Katze im Sack gekauft.

The European: Zeigt die Berufung von Frau Özkan nicht eher, dass die CDU selber nicht mehr genau weiß, was sie mit dem C anfangen soll?
Younes Ouaqasse: Genau das ist das! Die CDU wird nicht liberaler und für mehr Wähler ansprechender, wenn sie ihre Werte über Bord wirft. Unsere Werte müssen klar erkennbar sein. Das christliche Menschenbild gehört unabänderlich dazu. Es ist natürlich erst einmalschön, eine türkisch-stämmige Ministerin zu haben. Die Frage, die sich dann aber stellt, ist: Was bringt uns das? Mit ihrem ersten Interview hat Frau Özkan die Partei in eine schwierige Lage gebracht. Frau Özkan hat Glaubwürdigkeit für CDU-Positionen verspielt. Sie hat es vermasselt und das ist sehr, sehr schlecht.

The European: Schülerinnen das Kopftuch verbieten –ist das eine CDU-Position?
Younes Ouaqasse: Nein, nicht zwingend. Die Position von Frau Özkan erinnert an die kemalistische Verfassung der Türkei. Und dabei habe ich gedacht, Frau Özkan ist ein Vorbild für gute Integration in Deutschland. Sie ist als Sozialministerin vereidigt, nicht als Bildungsministerin. Gerade als Schüler Union sind wir gegen ihre Forderung, Religion aus der Schule zu verbannen. Wo, wenn nicht in der Schule, können Werte vermittelt werden. Religion vermittelt Werte.

The European: Hätte das CDU-Präsidium sich schärfer von Frau Özkan distanzieren sollen?
Younes Ouaqasse: Die CDU-Niedersachsen hat am Montag die Möglichkeit gehabt in ihrer Fraktionsssitzung über Frau Özkan zu beraten. Das hat die CDU aber nicht gemacht. Die Bundeskanzlerin, die Bundesvorsitzende hat sich von der Meinung von Frau Özkan zwar distanziert. Ich meine, es wäre glaubwürdiger gewesen, zu sagen, dass wir uns in der Frau getäuscht haben und sie nicht vereidigt wird.

The European: Sie sind selber Muslim. Die Wurzeln ihrer Familie liegen in Marokko. Wie gehen Sie denn mit dem C der Christdemokraten um?
Younes Ouaqasse: Das C ist für mich wichtig. Ich bin Muslim und glaube, dass ein offener Islam dem aufgeklärten Christentum sehr ähnlich ist. Ich respektiere die christlichen Werte und finde es sogar sehr gut, wenn in Deutschland Kruzifixe in Klassenräumen hängen. Denn dann weiß ich, wo ich dran bin. Ich weiß dann, dass Deutschland seine Werte achtet und zu ihnen steht.

The European: Es gibt auch Nicht-Gläubige und Nicht-Christen in Deutschland. Sollen deren Kinder wirklich unter dem Kruzifix an Schulen lernen?
Younes Ouaqasse: Die Mehrheit der Menschen in diesem Land sind Christen. Unser Wertesystem beruht auf dem Christentum. Noch nicht mal ich als Muslim fühle mich durch ein Kreuz an der Wand gestört. Wenn jemand ein Problem damit hat, muss er sich überlegen, ob er hier überhaupt richtig ist. Das Kruzifix verletzt meiner Meinung nach nicht die Neutralität des Staates. Das Grundgesetz beruft sich klar auf Gott.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Karl-Rudolf Korte: „Die FDP wird auch im Bund Wähler anziehen“

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