Nach anfänglicher Verwirrung haben Politiker und Zeitungskommentatoren endlich eine einheitliche Sprachregelung zum Spuk der rechtsextremistischen Terrorzelle aus Zwickau gefunden. Es war ein Fehler, so beteuern sie, dass wir uns ob der – horribile dictu – „Dönermorde“ nicht schon längst über die neue Dimension des braunen Terrors klar geworden sind. Dass wir weiter so getan haben, als seien ein paar Linksextreme genauso gefährlich wie Tausende Glatzköpfe. Dass Teile des Verfassungsschutzes im besten Falle inkompetent und im schlimmsten Falle auf dem rechten Auge selbstgeblendet waren. Sie folgern daraus eine wohlmeinende Lehrstunde: es ist an der Zeit, so sagen sie, mit der Heuchelei, mit der Scheinheiligkeit, mit dem bequemen Verschweigen der eigentlichen Realitäten aufzuhören.
Das stimmt sicher. Und doch schweigt man in Deutschland, wenn das Thema etwas komplizierter und auch peinlicher – sprich: jüdischer – wird, konsequent weiter.
Ist die NSU antisemitisch? Nein, wohl eher anti-münchnerisch!
Auf der Todesliste der NSU, des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ befanden sich zwei Politiker: Jerzy Montag und Hans-Peter Uhl. Warum wohl?
Die „Süddeutsche“, die „Zeit“, die „FAZ“, sie alle befassten sich in der vorigen Woche mit dieser Frage. Und sie alle konnten sich keinen Reim darauf machen. Denn, so berichteten sie händeringend, der eine ist ein Linker, der andere ein Rechter; der eine ist Mitglied der Grünen, der andere ein Mitglied der CSU. Keiner von beiden ist ein Politiker ersten Ranges.
So ließen es die Zeitungen schließlich auf einer vagen geografischen Vermutung beruhen. „Da muss es einen Link nach München geben“, sagte Uhl, und alle zitierten ihn brav. (Nur „Bild“ verpasste ihre Chance. Die Überschrift hätte sich doch selber geschrieben: „SCHOCK! Nazis gegen München rassistisch“.)
Aus Sicht der Neonazis ist Montag schlicht ein Jude
Nun muss ich zugeben, dass ich wirklich keine Erklärung dafür habe, warum ausgerechnet Hans-Peter Uhl auf der Liste der Terroristen gelandet ist. Im Kampf gegen Rechtsradikale mag Uhl gewisse Verdienste haben. Aber seine eigenen Meinungen über Ausländer und auch die deutsche Vergangenheit stehen seit Jahren hart am rechten Rand des demokratischen Meinungsspektrums. Wann immer es um die Entschädigung der Zwangsarbeiter ging, insistierte Uhl polemisch, dass es auch deutsche Opfer gegeben habe. Und wenn es um Ausländer geht, dann hat er großes Mitleid mit den armen „Menschen, die in den Großstädten leben, in den Wohnblocks, in der zwölften Etage, die die fremden Geräusche, Gerüche und Anblicke jeden Tag neben sich haben“.
Dafür, warum Jerzy Montag auf der Todesliste der Terroristen auftaucht, gibt es dagegen eine einfache Erklärung. Ja, es reicht schon, seinen Namen in Google einzugeben: noch bevor man auf irgendeinen Link klicken oder herunterscrollen muss, sieht man da nämlich, was bei Wikipedia über ihn steht: „Jerzy Montag ist der Sohn eines polnischen Juden, der in den 1950er-Jahren …“
Auf Deutsch gesagt: Ob Montag nun „Volljude“ oder „Halbjude“, religiös oder säkular, bewusst oder selbstverleugnerisch ist – der Grund, warum er, einer der zwei oder drei Bundestagsabgeordneten mit jüdischen Wurzeln, auf der Liste des „Nationalsozialistschen Untergrunds“ landete ist klar: aus der Sicht der Neonazis ist er schlicht ein Jude.
Missverstandene politische Korrektheit
Warum verschweigen die deutschen Zeitungen also konsequent, dass Montag jüdische Wurzeln hat?
Es gibt wohl vor allem zwei Gründe. Zum einen trägt Montag selbst – so wie viele deutsche Juden, die Angst haben, nur als Juden, und nie als Deutsche wahrgenommen zu werden – zu dieser seltsamen Atmosphäre der Verlogenheit bei. Von der „Abendzeitung München“ gefragt, warum gerade er ins Visier der Rechtsradikalen geriet, spielte er den Ahnungslosen: „Ich habe mich Zeit meines politischen Lebens mit alten und neuen Nazis beschäftigt. Mein politisches Wirken richtet sich gegen Anfeindungen auf die Demokratie. Das machen viele andere auch. Ich habe keine Erklärung.“ In der „FAZ“ ist er mit einem noch seltsameren Zitat verbrieft: „Das ist ein sehr beklemmendes Gefühl. Die wollten mir sicher keine Weihnachtsgrüße schicken.“ Nein. Wohl eher eine Hanukkahkarte.
Zum anderen haben deutsche Journalisten bei diesem Thema verständlicherweise Angst, ins Fettnäpfchen zu treten. Als 1997 der englische Außenminister in Deutschland zu Gast war, beschrieb ihn die „FAZ“ ohne ersichtlichen Grund mit den Worten „der Jude Rifkind“ – und brach damit einen Skandal los. Seit jenem Tag scheinen sich deutsche Journalisten zu fürchten, überhaupt auf die jüdische Herkunft von jemandem, der nicht Rabbiner ist oder Michel Friedman heißt, zu verweisen.
Dabei sollte die journalistische Regel doch eigentlich ganz klar sein. Wenn Eric Cantor und Al Franken sich ein Wortgefecht zur Wirtschaftspolitik leisten, ist es irrelevant zu erwähnen, dass beide Juden sind. Wenn ein deutscher Politiker dagegen ins Visier einer Terrorzelle von Neonazis gerät, ist es relevant, zu erwähnen, dass er ein Jude ist.
Die neue „Ehrlichkeit“
Angeblich bricht gerade eine neue Stunde der Ehrlichkeit auf Deutschland herein. Nur zu. Seien wir ehrlich!
Dann müssen wir uns aber nicht nur eingestehen, dass es in Deutschland ein ernstes Problem mit dem Rechtsextremismus gibt – ein Problem, das mit der Gefahr, die von Linken ausgeht, nicht vergleichbar ist. Da wir auch in dieser Woche der Selbstgeißelung über unsere jahrelange Heuchelei ganz automatisch in eine neue Heuchelei verfallen sind, müssen wir uns aber noch etwas anderes eingestehen: nämlich dass in den deutsch-jüdischen Beziehungen weiterhin vieles im Argen liegt.




















Sorry, aber den Artikel kapier ich nicht. Was will der Autor sagen? Verstehe ich das richtig, das es darum geht, wann es relevant ist zu erwähnen, das einer Jude ist und wann so etwas antisemitisch ist? – Und das als Diskussionsgrundlage nun ausgerechnet im Rahmen einer tatsächlich naheliegenden Spekulation betreff irgendwelcher Listen, gefunden im Schutt eines niedergebrannten Rechtsradikalen-Unterschlupfs? Also bitte. Es muss doch relativ logisch sein, das es nur Sinn macht etwas explizit zu erwähnen, wenn es auch in irgendeinem Zusammenhang ein Relevanz hat. Das ist natürlich in diesem Falle selbstverständlich gegeben. Das die Zeitungen sich jetzt zieren, liegt doch einzig daran, das eben die Info von den Nazis nicht explizit gegeben wurde. Hätten die geschrieben: Der Jude so und so gehört gekillt. Klar, dann hätte es doch auch in allen Zeitungen so gestanden. Gerade das erwähnte Beispiel FAZ zeigt doch, wie vorsichtig man da sein muss, nichts Falsches zu schreiben. So gesehen muss man ja schon aufpassen, was man seinen Kindern beispielsweise über Michael Moores “Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte” erzählt. Ruckzuck ist man da doch wider Willen wieder bei der jüdischen Banken-Welt-Verschwörung. Also mal halblang. Manche Dinge sind nun mal kompliziert. Und Respekt bekomme ich vor einem Mann wie Jerzy Montag, der eine erstaunliche Sensibilität für diesen deutschen Konflikt sieht. Immerhin ist es nach 66 Jahren noch einer.
Sehr geehrter Herr Monk, fragen Sie mal einen “Juden”, woher er sein “Jüdisch-Sein” definiert. Ungefähr 95% + werden Ihnen antworten: “… weil meine Mutter Jüdin war”.
Eben- die MUTTER- und nicht wie im Text der Vater.
Sie sagen selbst, dass Sie nicht wissen, warum Uhl, geben Sie doch einfach zu, dass Sie nicht wissen warum Montag und rühren Sie nicht mit so viel Dünkel (Zeigefinger! Die Deutschen!… ) im dumpfen Brei rum. Alexander Wallasch hat da ganz Recht, es gibt Gründe, warum andere vorsichtiger sind.
“weil er ein Jude ist”, “dass er ein Jude ist” oder weil die Nazis ihn für einen halten? Wenn er selbst nicht drauf kommt, finde ich es etwas vermessen, ihn hier einfach so undifferenziert per Kolumne zum Juden zu machen. Aber das ist ja nichts Neues.