Ein Unbekannter namens Erwin Sellering ist also, wie mein Fernsehapparat mir in der immer gleichen Floskel entgegenposaunt, „der strahlende Wahlsieger“ von Mecklenburg-Vorpommern. Allein: so richtig strahlen tut er eigentlich nicht, der alte und neue Herr Ministerpräsident. Dafür ist das Lächeln, das er für die Kameras aufsetzt – obzwar bodenständig und sogar irgendwie sympathisch – zu ruhig, zu ernst, zu bieder.
Sellering ähnelt damit vielen bekannteren deutschen Wahlsiegern. Mit wenigen Ausnahmen (Joschka Fischer, etc.) war die Bundesrepublik schon immer das Land der drögen, der langweiligen und – ja, auch dies muss gesagt werden – der hässlichen Politiker. In den neunziger Jahren hatten wir Helmut Kohl, Rudolf Scharping und Klaus Kinkel. Heute sind wir von Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Philipp Rösler umzingelt. Sie alle sind … man müsste ein neues Wort erfinden. Anti-charismatisch? Garantiert charisma-frei?
Während wir hier in Deutschland unsere Staatsmacht der Spitzenklasse an Langweiligkeit übertragen haben, sind die USA in den letzten zwei Jahrzehnten von Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama regiert worden. In England heißen die dominanten Persönlichkeiten Margaret Thatcher, Tony Blair und nun David Cameron. Spanien hat einen Zapatero, Frankreich immerhin einen Sarkozy und Italien darf sich – gewiss: es ist eine vermeintliche Ehre – mit Berlusconi brüsten. In Deutschland dagegen waren die meisten Politiker solch einschläfernde Gestalten, dass selbst Gerhard Schröder und Guido Westerwelle als vergleichsweise mitreißend zu gelten hatten.
Zwei Fragen drängen sich ob all dieser drögen deutschen Politiker auf. Warum ist unser Spitzenpersonal so bieder? Und ist das gut oder schlecht?
Zwanzig Jahre Plakate kleben
Es wäre verlockend, die Schuld der politischen Klasse in die Schuhe zu schieben. Tatsächlich ist es in Deutschland für interessante Quereinsteiger besonders schwer, in der Politik zu reüssieren. In England sucht sowohl bei Labour als auch bei den Konservativen das „Central Office“ nach verdienten, charismatischen Führungskräften aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst, die vielleicht zu einer Kandidatur fürs House of Commons überredet werden könnten. In den USA erlauben es die „Primaries“ jungen Außenseitern wie Barack Obama oder Bill Clinton, für das höchste Amt zu kandidieren.
In Deutschland dagegen entscheidet der Ortsverein Pforzheim, ob der Hans-Günther nach zwanzig Jahren Plakate kleben endlich mal für den Bundestag kandidieren darf. Und wenn Hans-Günther es dann tatsächlich in den Bundestag schaffen sollte, kungeln die Parteioberen unter sich aus, in welchem unwichtigen Ausschuss er dahinschmoren soll, ob er jemals von den hinteren Bänken nach vorne pirschen darf, und ob er irgendwann einmal zu Anne Will in die Sendung geschickt wird.
Ja, es wäre verlockend, die Schuld der politischen Klasse in die billigen Schuhe zu schieben – aber damit würden wir es uns zu einfach machen. Denn das eigentlich Überraschende ist ja, dass deutsche Wähler ihren biederen Politikern gegenüber eine erstaunliche Loyalität erweisen, während sie ihren rhetorisch versierteren Landsleuten nicht so recht über den Weg trauen.
Kohl wählten wir sechzehn Jahre lang zu unserem Kanzler. Selbst Merkel schien lange unschlagbar. Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber dagegen wollte das deutsche Volk nicht – obwohl oder vielleicht gerade weil beide rhetorisch viel begabter sind. Ja, selbst der charmante Willy Brandt scheiterte zweimal an den Urnen, bevor er endlich ins Kanzleramt durfte.
Sind die Deutschen Masochisten oder Weise?
Die deutschen Wähler sind also für die Biederkeit der deutschen Politiker mitverantwortlich. Aber entpuppen sie sich damit nun als Masochisten – oder beweisen sie damit im Gegenteil etwa ihre Weisheit?
Ich glaube: ein bisschen was von beidem. Ein funktionierendes politisches System braucht Politiker, die mit dem Volk zu kommunizieren wissen, und es auch einmal in dringenden Tönen für ihre Ideale begeistern. An solchen Politikern mangelt es in Deutschland ganz besonders. Das ist einer unter vielen Gründen, warum die Kluft zwischen Politikerklasse und Volk immer weiter wächst.
Gleichzeitig ist die Skepsis der deutschen Wähler aber auch gesund. In den USA triumphieren gerade die Kandidaten der Tea Party mit ihren hysterischen Reden. In unseren europäischen Nachbarländern krempeln Rechtspopulisten die Parteiensysteme um – und vermiesen damit nicht nur die Beziehungen zwischen Einheimischen und Einwanderern, sondern erschweren auch die effiziente Regierungsarbeit. Deutschland dagegen sind solch fundamentale Veränderungen trotz der erschreckenden Wahlerfolge der NPD weithin erspart worden. Das ist gut so.
Verantwortung statt Aufregung
Der gemächliche Rheinländer Konrad Adenauer gewann in den Anfangszeiten der Bundesrepublik Wahl nach Wahl mit dem Slogan: „Keine Experimente!“ Auch ein halbes Jahrhundert nach Adenauers Abgang scheint sich sein Volk – indem es verlässlich für die langweiligsten aller Kandidaten optiert – weiterhin mit diesem Slogan zu identifizieren. Spannender machen wir unsere Politik damit sicher nicht. Aber vielleicht verantwortungsvoller.



















Stoiber, rhetoisch begabt?! Klar man braucht Thesen für so einen Artikel, aber ich bitte sie.
Dieser Artikel ist eine Frechheit. Uns Berlusconi als charismatisch anzubieten lässt doch sehr am Geschmack und Geist zweifeln. Da kann man nur Fragen hat Deutschland denn nur dröge und unverschämte Journalisten?
Sie sollten lieber für die Bildzeitung schreiben, denn da gehören solche Artikel hin – das würde Ihrem Niveau entsprechen.
So, und jetzt Blutdruck runter und den Text noch einmal aufmerksam lesen.
Ich finde der Autor hat in seinen Aussagen schon recht. Die Charismatischsten Politiker egal aus welcher Partei sie stammen haben ihr kurzes hoch und verschwinden wieder. Guttenberg, Merz und wie sie alle heißen fallem dem Bodenständigem zum Opfer.
Und um zu dem Kommentar von Bernd Meuter Stellung zu nehmen: Berlusconi ist in seiner Weise sehr Charismatisch, vllt weniger für uns deutsche als für seine Landsleute. Oder wie erklären sie sich die vielen Wiederwahlen in Italien.
Und zu dem kommentar von Seppo:
Stoiber anhand seiner Englischkenntnisse und seinen bloßen Äußerungen zu messen wäre hier falsch. Er gehörte zu den Polarisieren in der Politik, wie Strauß. Nicht immer Politisch korrekt und auch nicht immer seriös, aber sie konnten auf den Putz hauen und bekamen dadurch so etwas wie Charisma, vllt kein gutes, aber immerhin mehr als so manch anderer Spitzenpolitiker heute
Es mag daran liegen, das unsere “Führungsriege” die Mherheit unserer Wähler wiederspiegelt.
Menschen mit Charisma sind unbequem, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und sind meistens auch mutig genug, laut ihre Meinung zu sagen, sei sie noch so unpopulär.
Ein Beispiel: Thilo Sarrazin
Jetzt hör ich schon die ersten Rufe…“wie kann er nur?”
Viele haben seine Ausführungen nickend bestätigt, die ja teilweise durchaus zutreffen.
Da ich nicht zur “Elite” gehöre- also in einer Stadt wohne, in der Deutsche eine Minderheit werden kann ich sagen: “Er hat recht- die Integrationspolitik ist gescheiter!”
Wenn alle in sich gehen, wird jeder erkennen,das dieser Mann im Grunde Recht hat (der Unfug von der genetisch bedingten Intelligenz ausgenommen!),
aber das wirde niemand so öffentlich sagen, weil es ja politisch nicht korrekt ist- oder im Klartext nicht zum “Gutmenschdenken” passt.
Ruckzuck war er politisch und beruflich im Aus…..
also…freie Meinungsäusserung nicht möglich- keine Abweichler gedultet..
Auf diese Weise würde jeder der auch nur ein wenig abweicht sofort auffallen und solange denunziert, bis er aufgibt.
Westerwelle?? jaaa….was hat er denn getan? Er hat sich nicht überzeugen lassen bei einem unprovozierten Angriff auf Lybien mit zu machen. (was auch laut unserem Grundgesetz verboten ist)
Das dieser Gaddafi ein Scheusal ist, ist wohl unbestritten!
Aber nun ist er gefallen, alle jubeln und alle halten ihn nun für Unfähig, obwohl er es verhindert hat, das sich Deutschland noch weiter zum Lakaien der US-politik macht.
Oder wie wäre es mit Jürgen Möllemann, der sich durch seine Kritik an Ariel Scharon und Michel Friedman unbeliebt machte, sofort in die rechte Ecke geschoben wurde und dermaßen unter Druck gesetzt wurde(aufhebung der Immunität, hausdurchsungen,etc) das er nicht nur seine Karriere zerstört war,sondern auch sein Lebenswille und ihn in den Suizid führte, wenn man der Selbstmordtherie glauben möchte.
Fazit: Um in Deutschland politisch zu überleben, muss man ein “linientreuer Gutmensch” sein, sonst ist man sofort ein rechter,linker,fantast oder unfähig und somit im Aus.