Fukushima, Reaktor 1. Fukushima, Reaktor 3. Tokai. Onagawa. Japans Nuklearmeiler stehen am Rande der Katastrophe. Noch immer ist nicht sicher, dass sich ein Super-GAU verhindern lässt.
Japan, diesem so hoch entwickelten und effizienten Land, bleibt nur bibbern und hoffen. Denn eine Katastrophe in Fukushima oder in Tokai oder auch in Onagawa hätte noch nie da gewesene Folgen. Japan ist dreißigmal dichter besiedelt als die Gegend um Tschernobyl. Was passiert, falls ein großer Teil des Landes für Jahrzehnte verstrahlt wird? Und was, falls Tokio unbewohnbar wird?
Die Antworten auf diese Fragen werden wir hoffentlich nie erfahren. Eines ist seit diesem Wochenende trotzdem klar: die Legitimität der Kernkraft ist dahin. Auf lange Dauer lassen sich die apokalyptischen Risiken, die von Atommeilern ausgehen, einfach nicht verantworten.
Unknown Unknowns
Die Katastrophe in Tschernobyl konnten wir noch auf den Kommunismus schieben. Bei uns, in hoch entwickelten Demokratien, würde so etwas schon nicht passieren, redeten wir uns fromm ein.
Dieser Zweckoptimismus war aber verlogen. Natürlich lässt sich die Gefahr des Atoms durch raffinierte Sicherheitssysteme und strikte Vorschriften verkleinern. Ein Restrisiko bleibt trotzdem bestehen.
Warum dem so ist, erklärt uns ausgerechnet ein guter Freund der Atomindustrie: Donald Rumsfeld. In Bezug auf den Terrorismus behauptete er einst, dass wir uns gegen known unknowns – also gegen Gefahren, die wir im Voraus kennen – recht gut wappnen können. Es gibt aber auch unknown unknowns: Gefahren, die wir nicht einmal erahnen können. Gegen diese kann uns weder die neueste Technologie noch der beste politische Wille zureichend schützen.
Deshalb lässt sich ein weiterer Super-GAU selbst dann nicht ausschließen, falls die Nuklearindustrie die richtigen Schlüsse aus dem Tsunami zieht. Irgendwo werden irgendwann die unknown unknowns so zusammenspielen, dass der Schlimmstfall eintritt. Vielleicht weit weg. Vielleicht in, oder nahe, Deutschland.
Für unseren Strom bezahlen wir also nicht nur mit teuren Euros, sondern auch mit der Teilnahme an einer Art Russischem Roulette. Wir wissen, dass sich früher oder später ein furchtbarer Unfall ereignen wird. Warum machen wir trotzdem gute Miene zum bösen Spiel? Weil wir alle hoffen, dass der Todesschuss jemand anders treffen möge.
Ein sofortiger Atomausstieg wäre unmoralisch
Nein, die Gefahren der Kernkraft sind nicht mehr zu leugnen. Aber ein sofortiger Atomausstieg wäre trotzdem falsch. Diese Meinung mag zynisch klingen: Wie kann man in einer so wichtigen Frage den Eigennutz über die Moral stellen? Sie ist aber nicht zynisch, denn der sofortige Atomausstieg wäre nicht nur unpraktisch: Er wäre auch unmoralisch.
In Deutschland beziehen wir etwa ein Viertel unseres Stroms aus Kernkraftwerken. Bei unseren Nachbarn in Frankreich sind es sogar um die drei Viertel. Was würde passieren, wenn wir diese Stromquellen einfach abdrehen?
Auf kurze Sicht gäbe es zwei mögliche Folgen. Entweder müssten wir noch viel stärker als jetzt schon auf Öl und Gas setzen. Dann würden wir aber die Erderwärmung noch schneller anheizen – und auch auf Diktatoren, von Putin bis hin zu Gaddafi, wären wir dann noch hoffnungsloser angewiesen.
Oder wir müssten unseren Energiekonsum drastisch drosseln. Dies würde aber eine wirtschaftliche Katastrophe bedeuten – und leider treffen Wirtschaftskrisen, wie wir in den vergangenen Jahren weltweit erlebt haben, die Ärmsten am härtesten.
Ein sofortiger Atomausstieg ist also eine Scheinlösung. Er lindert eine Gefahrenquelle – verschlimmert aber gleichzeitig andere, genauso ernste Risiken.
Wie man sich bettet, so liegt man
Auf lange Sicht ist die richtige Antwort auf die (Beinahe-)Katastrophe in Japan recht klar. Zum einen muss die Laufzeitverlängerung für marode Atommeiler gekappt werden. Zum anderen muss die gesamte Weltgemeinschaft massiv in erneuerbare Energien investieren. Wenn Angela Merkel das Thema Atomkraft aus der triumphierenden Hand von Grünen und SPD reißen will, muss sie hier eine Vorreiterrolle spielen.
Auf kurze Sicht allerdings gibt es schlicht kaum etwas, was wir tun können. Über Jahrzehnte hinweg hat unsere Klimapolitik uns von Öldespoten und Atommeilern abhängig gemacht. Tja: Wie man sich bettet, so liegt man. Auf absehbare Zeit werden wir von Öldespoten und Atommeilern abhängig bleiben. Daran ändert selbst der japanische Tsunami nichts.
P.S: Für die Opfer des Tsunamis können Sie hier spenden.














Wer hat eigentlich das Märchen von der so genannten Brückentechnologie in die Welt gesetzt? Die Atomlobby. Man sollte sich schon etwas ausführlicher mit den Alternativen beschäftigen – nicht nur Wind und Sonne stehen zur Verfügung. Atomstrom ist immer auch eine zentralistische und teure Versorgungsform. Wenn wir eine Vollkostenrechnung machen würden, bleibt von der Herrlichkeit des Atomstroms wenig übrig. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, andere Wege zu beschreiten. Das wollen allerdings die großen Stromkonzerne nicht. Biomasse, Biogas, Abfall, kleinere Versorgungseinheiten wie Blockheizkraftwerke und intelligentere Netze bieten die Möglichkeiten für eine Energiewende. Siehe auch: http://gunnarsohn.wordpress.com/2011/03/14/hallo-herr-bierhoff-herr-ackermann-herr-clement-herr-cordes-herr-grube-herr-merz-herr-schily-stehen-sie-noch-zur-atomenergie/