Vor den jungen Ägyptern, Tunesiern und Jemeniten, die seit Tagen und Wochen unsere Bildschirme bevölkern, habe ich den größten Respekt.
Gerade im Vergleich zu den Demonstranten, die wir bei uns gewöhnt sind, imponiert mir ihr praktischer Lebenswille. Diese jungen Männer und Frauen sind weder, wie die Generation meiner Eltern, Vorkämpfer einer heilsverkündlerischen Weltverbesserungsideologie, noch sind sie, wie meine eigene Generation, besitzstandswahrende Bausparvertragsaspiranten.
Die Gefahr ist noch lange nicht gebannt
Sie haben ihr ganzes Leben lang unter selbstherrlichen Diktatoren verbracht – ohne ihre Talente verwirklichen zu können oder ihre Meinung frei aussprechen zu dürfen. Deshalb gehen sie jetzt auf die Straße. Sie haben die Hoffnung auf ein volleres und freieres Leben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das ist für sie gewichtiger als die Furcht vor berüchtigt brutalen Sicherheitskräften.
Die Gefahr, in der sie schweben, ist noch lange nicht gebannt. Hosni Mubarak sitzt, flankiert von seinen Generälen, weiterhin in Kairo. Ein Schießbefehl könnte reichen, um die bunten Bilder eines hoffnungsfrohen politischen Karnevals in rot getünchte Schreckensgemälde zu verwandeln. Unsere Protagonisten sind sich dieser Gefahr durchaus bewusst. Der Stolz in ihren Gesichtern stammt gerade daher, dass sie noch nicht wissen, ob sie am Ende Jubel- oder Todesarien zu singen haben werden.
Dabei geht die Gefahr nicht nur von der alten Garde aus. Selbst falls Mubarak, wie vor ihm der tunesische Diktator Ben Ali, vor seinem eigenen Volk flieht, könnten die Revolutionen in Ägypten und Tunesien noch schlecht enden.
Wer übernimmt politische Verantwortung?
Manch ein Journalist meint, dass es diese spannenden Tage ohne Twitter und Facebook gar nicht gegeben hätte. Vielleicht. Aber dann haben Twitter und Facebook auch Massenproteste ohne wirkliche politische Organisation möglich gemacht. Dies bringt eigene, ungewohnte Gefahren mit sich.
Wenn die momentanen Machthaber sich zurückziehen, wird sich zeigen, ob die anonymen Twittermassen dazu fähig sind, politisch Verantwortung zu übernehmen. Ohne erfahrenes politisches Führungspersonal wird das schwierig. Justin Reynolds schrieb im Utopian: "Früher fraß die Revolution ihre eigenen Kinder. Heute nimmt die Revolution die Pille.“ Wie eine Massenbewegung ohne politische Anführer aber ein Land regieren kann, ist nicht klar.
Positiv gesehen ist in Tunesien und Ägypten die Gefahr eines Robespierres, Maos oder Mugabes viel kleiner als in früheren Revolutionen. Falls der demokratische Wandel gelingt, werden die nicht existierenden Helden der Revolution ihn kaum untergraben können. Das gilt auch für den spät gekommenen und immer noch nicht so ganz zur Macht entschlossenen Mohammed El Baradei. Aber negativ gesehen lässt sich eine Revolution ohne charismatische oder etablierte Anführer umso leichter von besser organisierten Randgruppen verführen – vielleicht sogar von Islamisten.
Klischees revidieren
Aus dieser Furcht erklärt sich die extreme Zurückhaltung der westlichen Regierungen. Obama, der jedes Jahr Abermillionen Dollar an das ägyptische Militär schickt, rief schweizerisch-neutral beide Seiten zur Besonnenheit auf. Selbst Merkel, die für Bürgerrechtsproteste aufgrund ihrer Biografie besonderes Verständnis haben sollte, nahm das Wort "Demokratie“ bisher nicht in den Mund.
Als Staatsmänner haben Obama und Merkel vielleicht guten Grund für ihr Schweigen. Aber als ergriffene Zuschauer dürfen wir hier, trotz aller angebrachten Skepsis, etwas spendabler sein. Denn in den letzten Tagen haben wir fraglos viel Positives über die Menschen im Zentrum des Geschehens gelernt – und sollten vielleicht sogar einige unserer allzu einfachen Klischees über die Region revidieren.
In den letzten 20 Jahren oszillierte unsere Einschätzung der muslimischen Welt zwischen wildem Optimismus und verachtendem Pessimismus. Einerseits stand da Bushs naiver Glaube, dass die Iraker sehnsüchtig auf seine Truppen warteten, um endlich eine US-amerikanische Demokratie samt Disneyland und Geländelimousinen einführen zu können.
Auch Muslime wollen Demokratie
Andererseits schrieb Samuel Huntington 1993 in seinem ersten Artikel zum Clash of Civilizations: "Westliche Ideen wie Individualismus, Liberalismus, Konstitutionalismus, Menschenrechte, Gleichheit, Freiheit, Rechtstaatlichkeit, Demokratie, freie Märkte, und die Trennung von Staat und Kirche treffen in der islamischen […] Kultur kaum auf Resonanz.“ Viele Deutsche scheinen diese doch etwas vereinfachende Ansicht zu teilen.
Heute aber wissen wir, dass Huntington ebenso falsch lag wie Bush. Die muslimische Welt wartet zwar nicht darauf, von unseren Truppen in die Freiheit gezwungen zu werden. Aber für Menschenrechte, Konstitutionalismus und Demokratie kann sie sich trotzdem begeistern. Neben Huntingtons kulturellen Unterschieden gibt es weiterhin auch menschliche Gemeinsamkeiten: Junge Muslime sehnen sich genauso nach einem guten, freien, menschenwürdigen Leben wie junge Christen oder Juden.
Es ist viel zu früh, um die wirklichen Lehren aus Kairo, Tunis und Sanaa zu ziehen. Aber eines ist schon jetzt klar. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir meinen, muslimische Einwanderer in Europa seien aufgrund ihrer Kultur und ihres Glaubens sowieso nicht für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu begeistern. Diejenigen, die das nicht glauben, sollten sich heute Abend einfach noch einmal die Nachrichten ansehen.




















Huntington hatte trotzdem in einem Punkt Recht. Er hat auf den demographischen Faktor hingewiesen – nämlich dass die große Menge junger, chancenloser Leute in islamischen Ländern ein erhebliches revolutionäres Protestpotential darstellen. Dies war für ihn ein Hauptgrund dafür, warum er meinte, dass diese Region nicht so schnell zur Ruhe kommen werde.
In Artikel wie Kommentar wird die übliche Synonymisierung von ‘muslimischen Ländern’ und ‘nahem (übrigens nicht ’mittleren’, das ist woanders) Osten’ vorgenommen, die dem Großteil der muslimischen Welt nicht gerecht wird – die meisten Muslime leben in Süd- und Südostasien, in recht demokratischen Zuständen. Nur etwa 12% der Muslime weltweit leben im nahen Osten, eine Tatsache die spätestens seit Bernard Lewis & Samuel Huntington journalistisch wie wissenschaftlich meistens einfach übergangen wird.
Wirklich erstaunlich finde ich aber vor alle, die naive Annahme, die Bush-Regierung habe den Iraq demokratisieren wollen – oder hier liegen sehr unterschiedliche Verständnisse dieses Konzeptes zu Grunde. Huntington und Bush as Vertreter gegensätzlicher Ideen zum nahen Osten zu nennen, grenzt ans Groteske.
Wäre bei einer Erwähnung US-amerikanischer Interessen im Zusammenhang mit den momentanen Entwicklungen in Kairo nicht vielmehr ein stärkeres Nachdenken darüber angebracht, warum solche Stabilität bringenden Autokratien immer noch vom Westen unterstützt werden?
Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Huntington versteht unter “islamischer Welt” sehr wohl auch die süd(ost-)asiatischen Staaten. Auch in den Medien kann ich eine Verengung von muslimischer Welt auf Naher Osten nur bedingt erkennen.
Ich finde diese gründlicher. TIEFER LOTENDE Diskussio
hervorragend, aber auch ZWINGEND notwendig. Es IST
nicht alles SCHWARZ oder WEISS, Gut ODER böse, SO
zeichnet man den Bürgern eine unreale,irreparable Welt .
Im Augenblick sind wir Europäer gut beraten, uns JETZT
NICHT einzumischen.Machtpolitik ist jetzt Gift und löst
evtl. Kettenreaktionen aus.
Der Artikel bezieht sich nur einmal auf den Mittleren Osten – und zwar wenn von Ägypten die Rede ist. Insofern verstehe ich nicht, an welcher Stelle hier angeblich die “muslimische Welt” und der “Mittlere Osten” synonym behandelt werden.
Der Artikel bezieht sich auf den Nahen Osten (Ägypten, Irak) und Nordafrika (Tunesien). Mittlerer Osten ist wieder was anderes und von Ägypten meilenweit entfernt (Afghanistan, Pakistan, Indien). Das englische “Middle East” ist nicht mit "Mittlerer Osten zu übersetzen.