Die Generation Y ist überhaupt nicht faul. Kerstin Bund

Bunga-Bunga gehört dazu

Silvio hat mal wieder einen Prozess am Hals. Er soll mit der minderjährigen Prostituierten „Ruby Herzensdiebin“ Bunga-Bunga getrieben haben. Im Amt bleibt er trotzdem. Unser Kolumnist findet das typisch für Italien – und liebt der Deutschen Lieblingsland gerade deshalb.

Das Deutscheste an mir ist meine Liebe zu Italien. Sobald ich in Italien ankomme, verabschiedet sich meine sonst hyperaktive Nörglerseele in den hochverdienten Winterschlaf. Statt immer nur zu kritisieren, singe ich plötzlich über alles und jeden Jubelarien. Nicht einmal vor Sprüchen, die 50 Jahre deutscher Massentourismus in übelstes Klischee verwandelt haben, schrecke ich zurück. "Die Italiener sind so was von nett! Die südländische Lebensfreude ist ja so ansteckend! Und so spontan sind die – das ist halt doch ganz anders als bei uns …”

In meiner Verzückung liebe ich Italien, selbst wenn das Hotel die Zimmerreservierung mal wieder verschlampt hat. Ich halte meinem Lieblingsland sogar die Treue, wenn meine italienischen Freunde keine Arbeit finden, weil sogar in Krankenhäusern vorzugweise der Sohn des Chefs eingestellt wird. Ja, peinlich berührt murmele ich auch dann noch irgendwelche Entschuldigungen, wenn der Premierminister mit einer minderjährigen Prostituierten Bunga-Bunga treibt – und dann auch noch die Polizei anweist, die Kleine nach einem Diebstahl freizulassen, weil sie die Nichte von Hosni Mubarak sei.

Die triste Ära Berlusconi

In einer Hinsicht aber bin ich Italienskeptiker. Diejenigen, die Berlusconi, die Lega Nord oder die Mafia für Ausnahmen in einem sonst idyllischen Land halten, irren sich nämlich gewaltig. Wer das nicht glaubt, braucht nur einen kurzen, deprimierenden Blick auf die neuere italienische Geschichte zu werfen. Die Ära Berlusconi erscheint uns aus gutem Grund besonders trist. Aber so viel besser war die Democrazia Cristiana, die in Italien seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch die Alleinherrschaft innehatte, oder Bettino Craxi, der die althergebrachte Korruption in den 80er-Jahren noch steigerte, auch nicht. (Mit Mussolini, Cesare Borgia und Nero wollen wir gar nicht erst anfangen …)

Vor allem aber irren wir, wenn wir denken, dass es das Beste an Italien auch ohne das Schlechteste geben würde. Leider kommt das Gegenteil der Wahrheit näher. Italiens größte Probleme und Italiens liebenswerteste Seiten haben oft die gleichen Ursachen. Ein Beispiel: Bei meinem letzten Italienurlaub vergaß ich, die Fahrkarte ordnungsgemäß zu stempeln. Der nette Schaffner drückte ein Auge zu. "Was bringt es schon, diesen jungen Mann für einen kleinen Fehler zu bestrafen?“, wird er sich gedacht haben. Aber das Gleiche denkt sich eben auch die Guardia di Finanza, wenn sie einen Barbesitzer beim Steuerhinterzug erwischt.

So erklärt sich das Schöne wie auch das Tragische an Italien zum Teil aus dem Wert der zwischenmenschlichen Beziehungen. In einem Land, in dem Freundschaften mehr zählen als Prinzipienreiterei, ist es eben auch natürlich, dass Politiker ihren Kumpeln helfen, statt sich, korrekt und abstrakt, ums Gemeinwohl zu sorgen.

Wie wird es wohl weitergehen mit Italien?

Ich bin nicht fatalistisch. Irgendwann wird Berlusconi doch noch an einem seiner unzähligen Skandale scheitern. Oder er nimmt endlich ein Viagra zu viel und kippt plötzlich um – wahrscheinlich zum Schrecken einer gerade vor ihm knienden 17-Jährigen.

Mit ein bisschen Glück ist sein Nachfolger dann ein kompetenter, ehrlicher Politiker. Dieser könnte mit tiefgreifenden Reformen das riesige Potenzial dieses Landes und seiner wunderbaren Menschen aktivieren. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber durchaus nicht unmöglich, dass Italien plötzlich richtig boomt. Aber eines muss uns bewusst sein: In einem moderneren Italien wären die Leute eben auch ein bisschen weniger nett. Mit der südländischen Lebensfreude wäre es vielleicht auch nicht mehr so doll, wenn statt der Siesta ein Meeting auf dem Terminplan steht. Und mein lieber Schaffner würde mir für meine Vergesslichkeit dann ohne mit der Wimper zu zucken 60 Euro abknüpfen.

Bis es so weit kommt, haben wir nur zwei realistische Optionen. Entweder wir trennen uns schweren Herzens von unserer naiven Liebe zu Italien. Oder wir lieben dieses Land, so wie es ist – nicht trotz, sondern mit allen Fehlern. Diejenigen, die sich mit Italien und dem Schicksal der Italiener identifizieren, können nur hoffen, dass Berlusconis moralischer Morast so schnell wie möglich weggefegt wird. Aber für typisch deutsche Italienurlauber ist es vielleicht besser, wenn südlich der Alpen noch lange alles so bleibt, wie es ist.

Ich selbst hoffe – trotz aller Nostalgie, mit der ich dann zum charmant ekelhaften Land von Silvio, Bunga-Bunga und allgegenwärtiger Vetternwirtschaft zurückblicken werde –, dass Italien sich bald richtig verändert. So richtig deutsch ist meine Liebe zu Italien also vielleicht doch nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Yascha Mounk: Piratige Projektion

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