Ich bin schon froh, wenn wir die Eröffnungsfeier nicht verlieren. Günther Beckstein

Der Stil schafft sich ab

Sarrazins Thesen schrecken mich nicht besonders. Viel schockierender finde ich seinen Stil – dieses dröge Bürokratendeutsch, das sich über Hunderte von drögen Seiten hinter drögen Statistiken versteckt. Spätestens auf Seite 50 kam ich nicht drum herum, zu denken: „Wenn der Sarrazin denn wenigstens ein bisschen was von Goebbels gelernt hätte.“

Über Thilo Sarrazins Thesen ist mittlerweile wirklich alles gesagt worden, was man über 400 Seiten Statistik eben so sagen kann. Ich werde mich also davor hüten, die Diskussion mit meinen eigenen inhaltlichen Steckenpferden künstlich am Leben zu halten.

Wer unbedingt meine Meinung zu Sarrazin wissen will, dem möge ein Wort reichen: dagegen. Es ist also vielleicht normal, dass es mich überrascht, wenn eine Million Deutsche sein Buch kaufen. Nur: Am Inhalt liegt das nicht.

Ich bin nicht deshalb überrascht weil ich, wie Sarrazin mir das vielleicht unterstellen würde, ein Gutmensch bin. Der Inhalt seines Buches schreckt mich nicht besonders. Viel schockierender finde ich den Stil – dieses dröge Bürokratendeutsch, das sich über Hunderte dröger Seiten hinweg hinter drögen Statistiken versteckt.

Es würde wundern, wenn ein Zehntel der Käufer es auch gelesen hat

Bevor ich das Buch aufschlug, glaubte ich naiv, was ich überall darüber las. Ich befürchtete also, dass mich hier ein gefährlicher Scharfmacher erwartet, der mit reißerischen Formulierungen ein simples, verführerisches Argument aufzieht. Weit gefehlt!

Es würde mich überraschen, wenn auch nur ein Zehntel derer, die das Buch gekauft haben, es auch gelesen hat. Noch mehr überraschen würde es mich allerdings, wenn auch nur ein Zehntel derer, die das Buch gelesen haben, den Inhalt klar zusammenfassen könnte. Eine klare Weltsicht entwickelt Sarrazin nämlich gar nicht.

Das erste Problem: Statt sein Argument klar aufs Papier zu bringen, deutet er es durch die Blume an. Nur dass das Wort "Blume“ hier verblümt ist, denn bei Sarrazin blühen nur die Statistiken – und die dummen Muslimen.

Das zweite Problem: Es ist unglaublich schwer, zu verstehen, wie Sarrazins verschiedene Argumentationsstränge zusammengehören. Seine neun Kapitel bauen kaum aufeinander auf. Ein Leser, der sie sich in zufälliger Reihenfolge einverleibt, würde auch nicht weniger schlau aus ihnen.

Das Dreisteste ist aber Sarrazins unentwegte stilistische Selbstbeweihräucherung. Mit Vorliebe zitiert er das schlimmste, verklauselste Deutsch – und brüstet sich dann damit, im Vergleich ein klein bisschen klarer zu formulieren. Sarrazin ist stolz, ein Deutscher zu sein. Viel stolzer ist dieser Einäugige aber darüber, sich im Reich der von ihm herbeizitierten Blinden als würdiger König wähnen zu dürfen.

Über Josef Goebbels sagte Sarrazin mal: "Der Mann war sehr gut mit Worten.“ Sarrazin hat also, zumindest was seine rhetorischen Fähigkeiten betrifft, ein wenig Bewunderung für den Herrn Propagandaminister. Echte Gutmenschen mögen das schockierend finden. Ich nicht. Im Gegenteil. Spätestens auf Seite 50 kam ich nicht drum herum, zu denken: "Wenn der Sarrazin denn wenigstens ein bisschen was von Goebbels gelernt hätte!“

Die Populisten fühlen sich berufen, Europa zu retten

Es geht auch anders. In England und den USA ist gerade ein wunderbar galliges kleines Büchlein von Theodore Dalrymple erschienen: "The New Vichy Syndrome – Why European Intellectuals Surrender to Barbarism“. Wir sind hier immer noch beim selben Thema. Europäische Bildungsbürger sind für Dalrymple die Helden. Bei den Barbaren dagegen handelt es sich auch bei ihm um bildungsferne Schichten und Muslime.

Mit Dalrymple stimme ich genauso wenig überein wie mit Sarrazin. Vielleicht sogar noch weniger. Eine kohärente Weltsicht jedenfalls hat auch er nicht anzubieten. Aber welche Freude es mir bereitet hat, nach Sarrazin Darlymple lesen zu dürfen! Es war mir, als dürfte ich nach zehn Stunden Musikantenstadl endlich die Beatles hören …

Dalrymple begründet seine Thesen mit Verve, Humor und kauziger Menschenliebe. Auch er hält den Islam zwar für eine ernste Gefahr für Europa. Aber er berichtet mit Einfühlungsvermögen und menschlicher Wärme von den vielen Begegnungen, die er als Arzt mit pakistanischen Einwanderern hatte. Sein Buch ist um drei Viertel kürzer als Sarrazins. Aber über die Welt – vom europäischen Schuldkomplex über die englische Literatur bis hin zu den Ambitionen junger muslimischer Frauen – lernt man bei ihm unvergleichlich mehr.

Sowohl Sarrazin als auch Dalrymple fühlen sich berufen, unser schönes, altes Europa zu retten, bevor es sich selbst abschafft. Aber nur Dalrymple vermag dem Leser zu vermitteln, warum dieses Europa überhaupt rettenswert ist.

Nein, über Sarrazin lohnt es sich nicht mehr zu reden. Eine große Bitte habe ich aber an alle deutschen Möchtegernprovokateure mit Schriftstellerambition. Provoziert bloß! Sagt, was ihr wollt. So gern ihr auch so tut, als würde euch jemand zensieren, und so viele Bücher ihr mit dieser Behauptung auch verkauft, ihr habt das freie Wort. Versprochen!

Aber bitte, bitte rührt mich dabei nicht, wie der Sarrazin, zu Tränen der Langeweile. Versprochen?

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    uniquolol – 19.01.2011 - 07:50

    „…Nein, über Sarrazin lohnt es sich nicht mehr zu reden…“

    Weshalb schreiben Sie dann einen ganzen Artikel über ihn? Und wenn Sie mit längeren Sachbüchern Probleme haben, weil sie Ihnen (a) zu kompliziert und (b) zu wenig humorvoll sind, dann lesen Sie halt keine mehr. Das ist alles wirklich nicht sehr überzeugend…

  • Avatar
    Herbert Wildt – 19.01.2011 - 23:45

    Laengst hat sich die verlogene, unglaubwuerdige und unfaehige etablierte Politik in den etablierten Medien ihren Handlanger geschaffen. Da ist es angebracht, das nicht zu schnell diverse Plattformen im Netz im Ergebnis von Unvermoegen, Blind-und Taubheit sich auf den Leimringen der Volksverdummung festsetzt. Das geschieht dann unuebersehbar, wenn bei The European so mancher Experte und “Experte” meint seine duemmlichen Artikel an den Leser bringen zu muessen. Insgesamt schaetze ich diese Plattform, aber ich meine zu erkennen, das die Zielstellungen die hier in Schrift, Wort und Bild dargestellt werden -dass die nicht immer der Realitaet entsprechen. Ich habe den Eindruck, dass so mancher Schreiber die gesellschaftliche Praxis ungenuegend wahrnimmt und das am Ende sinnlose Diskussionen vom Zaun gebrochen werden. Journalismus ist dann glaubwuerdig, wenn er auch Politik und Wirtschaft kontrolliert -wenn Tabus angesprochen und diskutiert werden. Das ist nur ein Anspruch den sich so manch fleissiger Schreiber einrahmen sollte. Schon bei dem einen habe ich Probleme wenn ich hier die Umsetzung erkennen will.
    Eine " Glanzleistung " der besonderen Art ist der duemmliche Beitrag hier von Herrn Mounk zum Buch von Sarrazin. Wenn wer gesellschaftliche Entwicklungen nicht erkennt oder diese nicht bewerten kann -es ist so dramatisch auch nicht, aber wenn einer wie Herr Mounk in Cambridge Geschichte studierte, in New York politische Philosophie bueffelte -wie man lesen kann -usw. und wenn man seinen hier installierten Fehlschuss vorfindet, dann ist das sehr bedenklich. Und dieser Schreiber bezeichnet sich als Journalist!!!!!!!
    Kurzum: Herr Mounk – das ist Schmierenjournalismus. Dank der Empoerungskultur ist es moeglich das sich bei bestimmten Anlaessen gewisse Wortpolizisten zu Wort melden und im Rudel heulen und beissen sie wie die besessenen. ANDERSDENKENDE werden verkriminalisiert, beschimpft -in die Naziecke gestellt und immer mit dem Ziel ANDERSDENKENDE mundtot zu machen. Sie machen sich zum Handlanger jener Leute.
    Und dann wenn ich diese Schmiererei lese wie die “Produktion” vom o.g. Schreiber, dann meine ich einen eigenartigen Geruch zu verspueren -es ist der Geruch, als in Deutschland die Buecher brannten. Da sollten wir Deutsche wachsam sein.

    P.S. Ich hoffe dass ich Ihren Aufruf (…. " schreiben sie was sie wollen, nur langweilen Sie mich nicht ") genuegen konnte.

  • Theeuropean-placeholder
    everpol – 20.01.2011 - 23:24

    Hallo!
    Nachdem dieser vermeintliche Sachbuch-Autor sein Buch auf den Markt brachte
    wurden unabhängig davon in Frankreich 8.000 Roma des Landes verwiesen.
    Kosten-Nutzen-Analysen in der Art von allen Sarrazins dieser Welt begünstigen Menschen verachtende Denkweisen.
    8.000 Menschen die ohne weiteres von der 30-millionenstarken franz. Nation aufgefangen werden können
    und auch müssen, da sie keinen größeren Schaden anrichteten, vom materiellen Standpunkt hergesehen handelt
    es sich auch nur um Minimalbeträge. (Siehe Banken usw.)
    Wie sagte schon Frau Nazan Eckkes: Sie sei eine moderne junge Frau und er sei halt ein altmodischer Mann
    mit seltsamen Ansichten.
    Für mich ist der Typ einfach nur ein uneinsichtiger, selbstgefälliger Holzkopf.
    Selber eher harmlos, vergiften seine Affichen jedoch die Gesellschaft und füttern den Mob.

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