Wenn man länger als eineinhalb Stunden über Bürokratie-Abbau spricht, ist das dann Bürokratie? Franz Müntefering

Auf dem Scheitelpunkt

Vor einem Jahr schien Obamas Wiederwahl noch höchstwahrscheinlich. Mittlerweile liegen seine Chancen wohl unter 50 Prozent. Nur der immer abstrusere Extremismus der Republikaner kann ihm jetzt noch Hoffnung machen.

Armer Obama. Fünfzig Jahre ist er jetzt alt, sein Haar graut so schnell wie die Aktienkurse fallen, und wo er auch hinschaut, erwarten ihn nur Schreckensnachrichten. Beim Streit über die Schuldenobergrenze haben die Republikaner auf voller Linie gesiegt. Standard & Poor’s stuft die Kreditwürdigkeit Amerikas herab. Die Arbeitslosigkeit steht weiter auf Rekordhöhe. Dem Land droht eine erneute Rezession. Und jetzt ist Obamas Popularität auch noch auf ein Allzeittief herabgerauscht.

Laut dem renommierten Meinungsforscher Gallup sind 39 Prozent der Amerikaner mit Obamas Amtsführung zufrieden. 54 Prozent sind mit ihr unzufrieden. Beide Werte sind die schlechtesten, die Gallup seit seinem Amtseintritt gemessen hat.

Von der Lichtgestalt ist nichts mehr übrig

Von der Lichtgestalt Obama, die während des Präsidentschaftswahlkampfes die halbe Welt verzückt hat, ist also nichts mehr übrig. Die amerikanische Rechte hasst ihn so wie eh und je. Moderate Wähler, die ihm 2008 einen so strahlenden Sieg beschert hatten, haben sich in Massen von ihm abgewandt. Und bei der amerikanischen Linken, die sich noch vor Monaten bemühte, ihn bei aller aufkommenden Unzufriedenheit ja nicht zu sehr zu kritisieren, verwandelt sich der Frust gerade in offene Rebellion.

Die Chancen auf eine Wiederwahl Obamas, die noch vor einem Jahr höchst wahrscheinlich schien, liegen mittlerweile wohl unter 50 Prozent.

Obama hat nur noch eine Hoffnung, und er selbst scheint das zu wissen. Vorigen Donnerstag schickte seine Kampagne deshalb eine Nachricht an die Millionen von E-Mail-Adressen, die sie im Wahlkampf gesammelt hatte: „Du hattest wahrscheinlich nicht vor, heute Abend Fox News zu schauen. Aber um 21 Uhr werden die Republikaner ihre erste Debatte in Iowa abhalten. Ich habe vor, einzuschalten – und du solltest das auch tun.“

Wie bitte? Warum sollte ein Politiker seine Unterstützer darum bitten, bei der Konkurrenz zuzuschauen?

Die Antwort ist einfach. Obamas Unterstützer sind zutiefst von ihm enttäuscht. Moderate, die einst für ihn stimmten, überlegen jetzt, ihr Kreuzchen bei den Republikanern zu machen. Linke, die noch vor ein paar Jahren begeistert für ihren Barack von Tür zu Tür gingen, fragen sich jetzt laut, ob sie sich einfach enthalten sollen. Obamas verblasste Strahlkraft wird diese Zweifler kaum begeistern können. Aber die Angst vor den Republikanern vielleicht schon.

Der Feind – mein Freund

Diese Strategie könnte durchaus aufgehen. Am Donnerstagabend wetteiferten die republikanischen Kandidatenkandidaten tatsächlich darum, wer populistischen Blödsinn mit dem kleinsten Anflug an Realitätssinn herausposaunen kann. Nur so zum Beispiel verpflichtete sich jeder Kandidat – also auch der vermeintlich moderate Mitt Romney – dazu, unter allen Umständen einen Deal abzulehnen, bei dem die Republikaner für jeden Dollar an Steuererhöhungen zehnmal mehr Ausgabensenkungen bekommen würden. Am Samstag dann gewann Michele Bachmann (für Uneingeweihte: eine etwas intelligentere, wenn auch viel ideologischere, Variante von Sarah Palin) eine erste Testwahl der Republikaner in Iowa.

Der Nominierungsprozess ist noch lang. Aber schon jetzt ist eines klar: Wer auch immer im Endeffekt für die Republikaner ins Rennen geht, wird in der Zwischenzeit viele extremistische Zitate von sich gegeben haben. Und die werden sehr viele Amerikaner gewaltig verschrecken.

Nach ihrem Sieg war Bachmann auf allen Kanälen zur traditionellen Sonntagsdiskussion präsent. Aber statt sich feiern lassen zu können, geriet sie gleich in die Defensive. Denn Bachmann hatte einmal über Schwule gesagt, dass sie ein „sehr trauriges Leben haben … Der schwule und lesbische Lebensstil macht Individuen zu Sklaven.“ Nun musste sie dem amerikanischen Durchschnittsbürger – der übrigens viel toleranter ist, als viele Deutsche es glauben – erklären, ob sie solch homophobe Meinungen auch als Präsidentin vertreten würde. Und Obamas Team freute sich endlich mal wieder.

Letzte Hoffnung: Extremismus

Nach dem peinlichen Streit über die Schuldenobergrenze titelte die satirische Wochenzeitung „The Onion“: „Neue republikanische Strategie sieht vor, Obama wiederzuwählen, und sein Leben noch mieser zu machen.“ Dass Obamas Präsidentschaft droht, auf voller Linie zu scheitern, ist tatsächlich zu einem Großteil das „Verdienst“ der immer radikaleren Republikaner. Und doch würde das Gegenteil jener Schlagzeile der Wahrheit näherkommen. Denn nur der immer abstrusere Extremismus der Republikaner kann Obama momentan noch Hoffnung machen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Yascha Mounk: Piratige Projektion

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Republikaner, Usa, Finanzkrise

Debatte

In den USA habe ich nichts verloren

Trigema Chef Wolfgang Grupp redet Klartext zur Finanzkrise

Trump ist für mich kein Unternehmer. Das sind Aussbeuter und Hassadeure. Wer eine Milliardenpleite hinlegt und danach Milliardär bleibt, und den Steuerzahler die Milliarden Verluste zahlen lässt, i... weiterlesen

Medium_8426ca01d8
von Egidius Schwarz
17.10.2017

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
14.10.2017

Kolumne

Medium_e1ee45837b
von Oswald Metzger
25.08.2017
meistgelesen / meistkommentiert