Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

Es lebe die Neo-Romantik!

Warum “Sieben Nächte” von Simon Strauß ein großartig gefühlvolles Buch ist. Ein junger Autor schreibt ein Selbstfindungsbuch, mal wieder, muss das sein, denkt man. Doch dieses hat das Zeug zu einem neo-romantischen Aufbruch.

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literatur

Selbstfindungsromane sind so etwas wie das geistige Nägelkauen einer gelangweilten Generation von Intellektuellen. Es gibt seit Jahren so viele davon, dass man langsam Sorge bekommen hat, das kulturelle Format der nächsten Generation bestehe aus Maniküre des ewig suchenden Ichs. Eine zeitlang waren die Ichsucherbücher immerhin subversiv politisch, weil sie den ideologischen Generationen vor uns eine bürgerliche Welt der Innerlichkeit entgegen setzte. Während die Alten über Klassen und Kapitalismus über Emanzipationen und Kränkungen kreisten, öffneten die Selbstfinder in ihrer tapsenden Belanglosigkeit immerhin eine Tür zur Eigentlichkeit des Lebens.

Nur langweilig ist es halt zusehends geworden, weil sie nicht wirklich etwas zu erzählen hatten. Vor allem sich aber nicht trauten, den großen Fragen des Lebens einmal radikal nachzugehen. Und so liest man auch in das Buch von Simon Strauss zunächst skeptisch an, denn da erzählt ein bürgerlich verwöhnter Dreißigjähriger im nächtlichen Selbstgespräch davon, dass er immer noch nicht erwachsen geworden sei und sogar „Angst vor dem Lebenslauf“ habe (ja mehr Ängste haben die Selbstfindungsromanschreiber nicht). Der Held des Buches hat die pubertäre Angst zu verspießern: „Bald werde ich nur noch Gespräche führen, die mit ‚Stress‘ beginnen und mit ‚viel zu tun‘ enden….Ich habe Angst vor Eheverträgen und stickiger Konferenzluft. Angst vor Gleittagen und dem ersten vorgetäuschten Lächeln, vor Festanstellung, Rentenversicherung, Spa-Wochenenden im Mai.“

Es ist als habe das Maikäferchen Angst vorm Fliegen – und man möchte das Buch ob drohender Belanglosigkeit schon wieder weg legen, wenn da nicht von der ersten Zeile eine ebenso zarte wie zielstrebige Sprache mutig einen gewaltigen Raum öffnet. Es ist der Raum der Sehnsucht und des Heiligen, den Strauss mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit betritt und darin ein Mobiliar von romantischer Radikalität hineinstellt, das selten und selten wertvoll ist. Und so liest man voran und begleitet den zweifelnden Helden in seinem Versuch, einmal die sieben Todsünden zu begehen. Und zwar – so spießig ist er dann schon – ordentlich der Reihe nach, so hat es ihm “einer, den ich kaum kannte”, vorgeschlagen. In sieben Nächten das Unerhörte tun und die eigenen Grenzen überschreiten. Und dann darüber schreiben.

Die Erlebnisse sind freilich so brav, dass sie mit Todsünden wenig zu tun haben, der Plot ist wenig spannend und gekünstelt. Und doch entfaltet das Buch eine große Magie.
Das liegt zum einen an einer lakonischen Feinheit der Bilder, Assoziationen und Sprache, die sich nicht spreizt und räkelt, aber einen doch auf das Sofa Träume legt. Das liegt noch mehr aber an der Konsequenz, mit der dieses Buch einer romantischen Sehnsucht nachspürt. Denn es erweist im Spaziergang durch die Nächte der nicht gewagten Todsünden, dass hier einer in Wahrheit weitergehen wird in der Frage, was nach all den ironischen Brechungen und Relativierungen der Postmoderne kommen sollte. Und Strauss findet eine Antwort, die er so nicht nennt, aber doch aus jeder Zeile spricht – Romantik.

Das ganze Werk hat damit das Zeug zu einem Signaturbuch einer neuen Zeit. Nach den stählernen Ideologien des 20. Jahrhunderts und der Fahrigkeit der Postmoderne sucht ja nicht nur eine neue Generation nach Identität. Strauss gibt eine selten schöne Wegweisung, wo die zu finden sein könnte – in der blauen Blume, in einer neo-romatischen Sehnsucht nach Einvernehmen, in der Sentenz Claudels „Wer bewundert, hat Recht“. Will heißen – nach der kulturellen Orgie der Dekonstruktion, die zwei, drei Generationen betrieben haben, sind nun welche wie Strauss bereit, wieder etwas zu konstruieren. Erst einmal hinein in die Welt der Ästhetik und des Gefühls. Die Kraft der Schrift liegt darin begründet, dass Strauss es wirklich Ernst meint. Ernst mit der Frage, was es sonst noch gibt im Leben außer Karrieren. Das „Ach“ von Kleist zum Beispiel oder die Astern eines Gottfried Benn.

Es ist wie vor 200 Jahren – auch damals gab es die große Generation des Politischen, der Französischen Revolution, des Napoleonischen, dann gab es die Entpolitisierten des Biedermeiers, aber schließlich suchte eine Generation den Mond und die Klippen Rügens, das Erhabene und ja auch einen Herrgott.
Neo-Romantik als Notausgang aus dem Gefängnis der Ironie – das lernt man mit diesem Buch kennen. Die romantische Antwort ins Feld zu führen, ist ebenso großartig wie naheliegend. Denn jenseits der Literatur strebt die „Landlust“-Gesellschaft ohnedies nach romantischer Weite und Geborgenheit. Sie backen Sonntags Kuchenbleche nach Omas Rezepten, sie legen sich knarrende Dielenböden in die Penthauswohnungen, sie tragen wieder Manschettenknöpfe, ihre Aktentaschen sind aus abgewetztem Leder und in der Garage steht ein Oldtimer: Hauptsache authentisch. Gemütlichkeit, Gestrigkeit, Retro – die Mode ist längst der geistige Unterbau von Büchern wie diesem.

So kann man in den sieben Nächten lernen, dass hinter der Sehnsucht nach dem Idyll mehr steht als ein stiller Protest gegen die Raserei der Moderne. Es geht um die Sinnsuche einer orientierungslosen taumelnden Gesellschaft, die die Räume der gezeichneten Ich-Leere endlich wieder füllen will. Strauss füllt sie mit dem Glauben an den Glauben.

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