Die Welt ist ein schöner Platz und wert, dass man um sie kämpft. Ernest Hemingway

Deutschland verliert einen europäischen Staatsmann

Die Bildzeitung meldet den Tod von Helmut Kohl. Deutschland wird trauern. Zu Recht. Denn Helmut Kohl war ein Großer unserer Geschichte

Helmut Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler, er wurde immer und immer wieder gewählt, weil die Deutschen ihm vertrauten. Und auch vertrauen konnten. Seine Kanzlerjahre gehören zu den besten der deutschen Geschichte. Die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit war so nur durch sein behutsames, geschicktes Dirigat möglich. Die europäische Einigung und die Einführung des Euro sind historische Glanzleistungen, für die er über Jahre hinweg strategisch beharrlich alles in die Waagschale warf, was er hatte. Dass am Ende das moderne, wiedervereinigte, europäische Deutschland sich einen hohen Achtungsplatz in der Welt erarbeitet hatte – all das steht auf seiner Bilanz. Helmut Kohl war ein außergewöhnlich erfolgreicher Kanzler; gewiss hatte er seine Schwächen und auch (man denke nur an die Spendenaffäre) politische Fehltritte. Aber die Lebensleistung überstrahlt das alles deutlich.

Gerade in Zeiten, da Europa in einer Zerreißprobe steht, da die zentrifugalen Kräfte zerren und wirken, da viele das europäische Haus nicht mehr schätzen sondern lieber wieder in nationale Hütten umziehen möchten, ist das politische Erbe Helmut Kohls von großer Bedeutung. Wer Kohl kannte, der weiß, dass er ein zutiefst überzeugter Europäer war. In dieser Beziehung geht es ihm wie den meisten bundesrepublikanischen Politikern seiner Generation, ob Helmut Schmidt oder Willy Brandt, ob Theo Waigel, Edmund Stoiber, Roman Herzog oder Angela Merkel. Das europäische Haus ist Ihnen schon aus Staatsräson immer die nötige Zuflucht aus den Trümmern von 1945. Kohl war es zudem eine Herzensangelegenheit. Er leistete darum in seinem Leben wahrscheinlich mehr Arbeitsstunden am europäischen Haus ab als jeder andere Politiker auf dem Kontinent, seine europapolitische Erfahrung war Legende. Nur mit ihm konnte – gegen den latenten Widerwillen und offen vorgebrachte Sorge vieler Deutscher – die D-Mark abgeschafft und der Euro eingeführt werden. Er wußte, das Deutschlands Schicksal immer tief eingebettet liegt in Mutterschoß Europas.

Für ihn waren Patriotismus und Europatreue kein Widerspruch. Im Gegenteil – er sprach häufig von "den beiden Seiten der gleichen Medaille“. Und tatsächlich zeigte sich 1989, wie wahr diese Überzeugung werden sollte. Kohl wurde zum Vater der deutschen Wiedervereinigung, weil sein Patriotismus vital geblieben war, weil er die Sehnsüchte von Millionen Deutschen erfaßte und teilte, die in einem friedlich vereinten Heimatland eine neue Zukunft suchen wollten. Er ist neben Otto von Bismarck und Konrad Adenauer der wichtigste Kanzler der neueren deutschen Geschichte.

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