Wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie will, dann verwehre ich mich ihr. Irvine Welsh

Wie stark wird Martin Schulz wirklich?

Die gepeinigte SPD berauscht sich an ihrem Kanzlerkandidaten mit seinen drei sichtbaren Stärken. Doch dessen Flitterwochen der Nominierung werden bald enden – und dann drohen seine drei Schwächen den Wahlkampf zu belasten.

Die derzeitige Gefühlslage von Sozialdemokraten ähnelt der beim Zahnarztbesuch, wenn der Schmerz endlich nachlässt: Sie könnten schreien vor Glück. Nach der politischen Dauerwurzelbehandlung mit dem dicken Bohrer Gabriel kommt Martin Schulz der SPD vor wie der grinsende Assistenzarzt mit der Betäubungsspritze. Endlich ein freundlicher Mann! Die Kandidatur war nicht geplant, sie wurde miserabel kommuniziert, und sie wirkte eher wie eine plötzliche Selbst-Extraktion Gabriels – aber die Wirkung für die schmerzleidende SPD ist beachtlich. Schulz hebt die Umfragewerte, Schulz tröstet die geschundene Seele der Partei, Schulz macht rote Hoffnung, dass der Untergang der Sozialdemokratie doch noch verhindert werden kann.

Der Kandidat kann dabei auf drei persönliche Stärken vertrauen:

Erstens ist Schulz ein freundlicher Rheinländer, ein Gefühlsmensch und Erzähler. Wo Merkel doziert, gibt er einen Witz zum besten, wo Merkel analysiert, erzählt er eine Geschichte, wo Merkel abstrakt wird, sucht er das Konkrete. Er ist geländegängig und kontaktfreudig, albert gerne, lacht und sprachwitzelt viel. In seiner Mimik ist ständig Karneval, in seiner Rhetorik immer ein Schuss Büttenrede. Da aber die deutsche Politik in der Merkel-Ära ein eklatantes Humordefizit angestaut hat, kann das Frohnaturelle zwischen de Maizière und Schwesig, zwischen Steinmeier und Schäuble, Gabriel und Kauder zum politischen Trumpf werden.

Zweitens ist Schulz nicht Teil des Berliner Klüngels. Er ist weder Minister noch Staatssekretär noch Ministerialdirigent noch Bundestags-Abgeordneter noch eines davon je gewesen. Er hat keinerlei Regierungserfahrung. Eigentlich ein Handicap – doch in Zeiten von Trump & Co. und den gefühlten Polit-Kartellen wird das ein Vorteil. Schulz kann den unabhängigen Querdenker geben. Er kann – anders als die SPD-Minister – die Kanzlerin und ihre Politik frontal attackieren, er ist nicht in die koalitionäre Loyalität und Kabinettsdisziplin eingebunden. Man kann ihm nicht einmal vorhalten, dass er doch alles mit entschieden habe, was er jetzt kritisiere. Es ist, als sei die SPD jetzt ohne Mundschutz sprechfähig geworden.

Drittens wirkt Schulz authentischer als manch andere Berufspolitiker. In Zeitungsartikeln wird er gerne als “bodenständig” gepriesen, als würde ihm der Lehm des Niederrhein noch an den Stiefeln kleben. Seine gefühlte Bodenständigkeit ist in Wahrheit eine Sichtbarkeit seiner Narben. Das Leben hat ihn verwundet – und er verbirgt das bewusst nicht. Schulz war ein peinlich Gescheiterter, der weder Abitur noch Lehre abgeschlossen hat, dem alles misslang, der sich vollends in den Alkoholismus stürzte. “Ich war ein Sausack”, sagt er heute dazu. In einer lackierten Karrieristenwelt, in der selbst SPD-Abgeordnete ihre Lebensläufe schick erfinden, schafft das Raum für das wahre Leben und dessen Wunden. Aus diesem Bekenntnis zur eigenen Verletzlichkeit wächst Glaubwürdigkeit. Die habituellen Schulz-Stärken (Humor, Glaubwürdigkeit und Gefühligkeit) aber unterscheiden ihn maximal von der Kopfpolitikern und Sachlichkeitsmeisterin Angela Merkel. Im Willy-Brandt-Haus raunen sie daher: Wer langsam zu viel hat von der kühlen, geschlossenen Raute in der deutschen Politik, “der bekommt plötzlich eine warme Hand gereicht”.

Doch wie weit tragen die drei Stärken Martin Schulz im beginnenden Wahlkampf? Kann er die SPD nach der Schmerzbefreiung dauerhaft aufrichten oder droht ihm nicht wie weiland Peer Steinbrück ein Absturz nach dem fulminanten Start in den Wahlkampf?

Drei Probleme seiner Kandidatur sprechen eher dafür:

Erstens verkörpert Schulz wie kein zweiter Deutscher die unpopuläre Bürokraten-EU. Volle 23 Jahre saß er im EU-Parlament, er war sieben Jahre Fraktionsvorsitzender, fünf Jahre Parlamentspräsident. Er ist das fleischgewordene EU-Establishment – und wenn die EU von der Migrationskrise über den Schuldenkrach bis zum Brexit nun tief gespalten in einer Existenzkrise steckt, dann wird er sich das mit ankreiden lassen müssen. Schulz hat dabei reihenweise Positionen eingenommen, die in Deutschland denkbar unpopulär sind – für die gescheiterte Wirtschaftspolitik des französischen Sozialisten Hollandes, für die tricksenden Schuldenstapler Griechenlands, für Eurobonds und für die europaweite Einlagensicherung, die deutsche Sparguthaben kollektivieren würde. Schulz wird fortan von der politischen Konkurrenz als der Mann dargestellt, der den Sparstrumpf der Deutschen nach Südeuropa verschenken will. Seine enge Liaison mit Jean-Claude Juncker könnte ihm ebenfalls zum Problem werden. Die FAZ kommentiert: “Schulz ließ erst die aggressive Steuergestaltung durch Luxemburg laufen und stellte sich hinterher vor seinen Freund, den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Kein Wunder, dass er von vielen als Teil des Problems und nicht der Lösung wahrgenommen wird.”

Zweitens setzt er aufs falsche Thema. Die Mehrheit der Deutschen will derzeit weniger den Ausbau des Sozialstaats als vielmehr vor allem Schutz und Sicherheit. In der besonders strittigen Migrationsfrage aber kann Schulz kein Sicherheitskonzept bieten. Er kann nicht einmal die Fehler der Kanzlerin anprangern, weil er sie in der Grenzöffnung und der “Wir schaffen das”-Euphorie selber am lautesten bestärkt hat. Nichts emotionalisiert die Bevölkerung aber mehr als die Frage nach Integration, Kriminalität und Islamismus. Darauf mit den Gerechtigkeits-Plattitüden der 1970er- Jahre zu antworten, dürfte der Mehrheit nicht reichen – zumal Merkel sozialpolitisch ähnlich denkt.

Drittens neigt Schulz zum politischen Wackelpudding. Der Eindruck, dass mit ihm etwas Schwankendes aus Brüssel in Berlin gelandet sei, wird durch die Tatsache verstärkt, dass Schulz in der Partei keine Hausmacht hat und keine Funktion erfüllt. Ganz in EU-Diplomatenmanier weiß man bei ihm nicht einmal, wofür er wirklich und dauerhaft steht – vor allem in den harten innenpolitischen Fragen wie Steuern, Rente, Wirtschaft, Umwelt, innere Sicherheit. Die “Bild”-Zeitung zitiert dazu ein Mitglied der SPD-Spitze so: “Außenpolitisch und in Sachen Europa ist er eine sichere Bank, in vielen anderen Fragen eine Blackbox.” Der wankelmütige Eindruck könnte bei der Koalitionsfrage für Schulz zum Problem werden. Er will sich auf nichts festlegen, vor allem nicht auf Rot-Rot-Grün, um die politische Mitte nicht zu verschrecken. Andererseits müsste er sich aber just darauf leidenschaftlich einlassen, um das linke Lager tatsächlich zu mobilisieren und eine echte Regierungsalternative zu skizzieren. Einen politischen Traum müsste er entfalten können, doch in Wahrheit bewegt er sich in einem einstürzenden Neubau, denn die katastrophale Startbilanz der neuen rot-rot-grünen Landesregierung in Berlin macht jede positive R2G-Fantasie zunichte. Und die zu erwartenden Wahlniederlagen von Rot-Grün in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen dürften seine Position auch nicht einfacher werden lassen.

Fazit: Der neue SPD-Zahnarzt ist definitiv besser als der alte. Die strategische Karies der Sozialdemokratie im Superwahljahr 2017 aber wird er nur schwer heilen können.

Quelle: n-tv

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