Die Ideen sind nicht dafür verantwortlich, was die Menschen aus ihnen machen. Werner Heisenberg

Theresa May stellt Merkel in den Schatten

Sie wurde zunächst bemitleidet, weil sie den Brexit aufgehalst bekam. Doch sie macht es geschickt und sucht nun den Schulterschluss mit Trump. Erinnerungen an Reagan und Thatcher werden wach – und May findet plötzlich eine neue Führungsrolle.

angela merkel theresa-may

Donald Trump nennt Theresa May bereits kumpelhaft “My Maggie”: eine Anspielung auf das prächtige Verhältnis zwischen Margaret Thatcher und Ronald Reagan in den 1980er Jahren. Der neue US-Präsident hat die britische Premierministerin demonstrativ als ersten Staatsgast nach Washington eingeladen, und beide werden bei dem Treffen am Freitag die “special relationship” – die historisch so enge Beziehung beider Länder – demonstrativ zelebrieren, wie May in der BBC ankündigte. Der Vorgang hat hohe symbolische Bedeutung für die Weltpolitik, und zwar in dreifacher Hinsicht.

Erstens zeigt Trump damit, wem die USA in den kommenden vier Jahren am meisten trauen werden. Während Obama mit dem linksliberalen kanadischen Regierungschef Justin Trudeau und Angela Merkel besonders gut konnte, wird fortan Theresa May auf der weltpolitischen Bühne ganz oben stehen. Die britische Premierministerin löst damit die deutsche Kanzlerin in der Rolle als wichtigste Politikerin der Welt ab. Trump betont diesen Wechsel ganz gezielt, indem er Merkel in Interviews wegen ihrer Flüchtlingspolitik scharf attackiert, die Britin dagegen hoch lobt. Wenn sich nun Spanier oder Norweger fragen, wie es mit der Nato weiter geht oder mit der Ukraine oder mit der Syrienkrise, und was Europas Position dazu ist, dann werden sie erst einmal in London nachfragen und hernach vielleicht Berlin hören. In den letzten Jahren war das genau anders herum.

Zweitens schafft die Achse Trump-May realpolitisch neue Fakten. Beide haben angekündigt, dem Neo-Nationalismus einen neuen Ordnungsrahmen zu geben. Bilaterale Abkommen sollen dabei multilateralen Systemen bevorzugt werden. Darum steht für May nach dem Brexit ein großer Handelsdeal mit den USA ganz oben auf der Agenda. Ein solches Abkommen hat Trump, der die Entscheidung der Briten für den EU-Austritt mehrfach bejubelt hat, bereits in Aussicht gestellt. Die Angelsachsen schaffen damit ein Gegenmodell zu EU, TPP, TTIP oder Nafta. Auch über die Zukunft der Nato und den gemeinsamen Kampf gegen den Terror werden beide neue Modelle militärischer Allianzen erörtern.

May hat sich emanzipiert und amerikanisiert

Vor kurzem noch bemitleidete Kontinentaleuropa Theresa May für den Brexit, man wähnte, sie wolle ihn nicht, habe keinen rechten Plan und müsse bei der EU um neue Abkommen betteln. Mittlerweile dämmert es in Brüssel, dass London mit seiner neuen Autonomie eng an die USA heranrückt und die EU nicht mehr braucht als umgekehrt die EU Großbritannien. Die Entscheidung Mays für einen “hard brexit” beim gleichzeitigen Angebot, eine gemeinsame Freihandelszone zu eröffnen, setzt Brüssel enorm unter Zugzwang. Denn an der Freihandelszone hat die EU (und insbesondere Deutschland) selber höchstes Interesse. Großbritannien aber kann nun mit Steuerdumping und Deregulierungen der EU mächtig Druck machen. Vor allem wird zusehends offenbar, dass die EU dringend reformbedürftig ist. Kurzum: May hat sich emanzipiert, amerikanisiert und einen cleveren Brexit-Weg gefunden.

Drittens wollen Trump wie May mit der Retro-Show “Donald & Theresa sind wie Ronald & Maggie” ihre Regentschaften symbolisch überhöhen und ins Bild einer neo-konservativen Zeitenwende einbetten. Da die achtziger Jahre für beide Länder eine erfolgreiche Comeback-Phase bedeuteten, soll das Spiel mit der Reminiszenz die strategische Linie einer neuen, goldenen Zeit zeichnen. May wird Trump rasch zu einem Staatsbesuch nach London einladen: roter Teppich, Queen, Pomp und Prunk: Das dürfte Donald Trump gefallen – zumal seine verstorbene Mutter, die aus Schottland stammte, ein großer Fan der Queen war.

Beide werden die neue Allianz also inszenatorisch stärken. Ihre Botschaft: Trump und May bilden auch eine zeitgeistige Achse, sind Teil eines historischen Megatrends: Der sanfte Multikulti-Wohltätigkeitsbazar der Obamas, Ban Ki-Moons und Merkels sei vorüber, nun formiere sich der Westen mit neuem Selbstbewusstsein, insbesondere mit einer wehrhaften Politik der Stärke gegen den allenthalben angreifenden Islamismus. Dieses Narrativ wird von linken Trump- wie Maykritikern unterschätzt. So wie weiland Reagan und Thatcher als Herolde des Antikommunismus historisch Statur gewannen und Geschichte prägten, so könnte sich auch hier eine neue Linie der Weltpolitik durchsetzen. Angela Merkel droht auch dabei plötzlich wie gestrig und an die Seitenlinie gedrängt zu wirken.

Mit dieser Woche wird sich also das internationale Bild von Theresa May ändern. Bislang galt sie als die zaudernde “Theresa Maybe”, die wider Willen zur getriebenen Brexit-Gouvernante wurde. Fortan wird sie als Gestalterin einer neo-konervativen Zeitenwende wahrgenommen. Zunächst verkündigt sie den “hard brexit”, dann sucht sie den Schulterschluss mit Donald Trump, verkündet das Prinzip “Global Britain” und beschließt die Erneuerung der britischen Atomwaffen im Schulterschluss mit der US-Regierung.

Angela Merkel wird das alles mit Argwohn verfolgen. Merkel und May sind die beiden mächtigsten Frauen der Welt. Doch während Merkels weltpolitischer Stern eher sinkt, überrascht May die Welt mit einem neuen Narrativ. May findet ihre Rolle als Ärztin des Westens, die von Merkel als Krankenschwester der Globalisierung verliert an Einfluss.

Quelle: n-tv.de

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