Der Ursprung des Humors liegt im Banalen. Helge Schneider

Der europäische Donald Trump

Londons Bürgermeister Boris Johnson ist der populärste Konservative des Landes – und er will aus der EU austreten. Die Brexit-Kampagne hat jetzt ein prominentes Zugpferd, Premierminister David Cameron hingegen bekommt ein Riesenproblem.

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Boris Johnson ist eine Mischung aus Wolfgang Kubicki, Stefan Raab und Donald Trump. Freigeist, Komödiant und konservativer Volkstribun in einer Person. Diese Mixtur hat Londons Bürgermeister zum schillernden Superstar Großbritanniens gemacht, zum Liebling der Boulevardpresse, zum populärsten Konservativen des Landes. „Bo-Jo“ füttert die Unterhaltungsindustrie mit allerlei Sprüchen, Klamauk und bizarren Fototerminen mit Fahrrad, schräger Kleidung und wild-blonder Mähne. Er inszeniert sich als liebenswerter Schussel, liebt Witze, Ironie und Sprüche. Er spottet über Gott und die Welt, sogar über Islamisten („Die sind sexuell frustriert“) und sich selbst: „Ich unterstütze David Cameron aus reinem, zynischen Egoismus.“ Männer ruft er auf, die Konservativen zu wählen, weil dann „ihre Frau größere Brüste bekommt und Sie bessere Chancen auf einen BMW M3 haben“. Um Gerüchte über sein angeblich wildes Liebesleben zu befeuern, erklärt er: „Ich habe mit weit weniger als 1000 Frauen geschlafen.“

Europa droht die “blonde Bombe”

Dass sich Johnson als Exzentriker mit Wischmob-Frisur inszeniert sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass hinter der Maske des Clowns ein blitzgescheiter, hoch gebildeter Medienprofi und ehrgeiziger Politiker steckt. Dass er sich nun offen für den EU-Austritt Großbritanniens einsetzt, ist mehr als eine politische Spinnerei. Johnson wird damit schlagartig zum Zugpferd aller Europa-Gegner auf der Insel. Die Boulevardzeitung „Sun“ urteilt, Europa drohe nun die „blonde Bombe“.

Johnson ist sich seiner Rolle als Star der Konservativen bewusst und formuliert sogleich ein Manifest für den Brexit. Das erscheint im „Daily Telegraph“, und darin stilisiert er das EU-Referendum des 23. Juni zur „einzigen Gelegenheit, die wir je haben werden, um zu zeigen, dass uns Selbstbestimmung wichtig ist“. Das Referendum sei ein Urteil der Briten über ihre Freiheit: „Wir sehen einen langsamen und unumkehrbaren Prozess rechtlicher Kolonialisierung, während die EU fast jeden Politikbereich unterwandert.“ Ihr Recht sei „unaufhaltsam, und es ist irreversibel, denn nur die EU selbst kann es zurücknehmen“. Dieser historischen Attacke auf die Unabhängigkeit der britischen Demokratie müsse man jetzt entgegentreten.

Das Brexit-Gesicht

Das Boris Johnson nun also der Brexit-Kamapgne das Gesicht verlieht, kommt in London einer politischen Erschütterung gleich. Ausgerechnet Londons konservativer Bürgermeister, der sich normalerweise als leidenschaftlicher Kämpfer für die Finanzindustrie-Interessen der City präsentiert, stellt sich gegen Banken, Broker und Industrieverbände, die den Verbleib in der EU aus wirtschaftlichen Gründen befürworten. Vor allem aber positioniert er sich gegen David Cameron.

Denn für den Premierminister ist Boris Johnson ab sofort ein gewaltiges Problem. Die Stimmung im Land taumelt ohnedies europaskeptisch umher, die eigene Partei wirkt in der Frage gespalten und die Migrationskrise verstärkt das Anti-EU-Klima erheblich.

Da Cameron auch von seinem eigenen, ebenfalls brillianten Justizminister Gove in dieser Frage verlassen ist, hat die Brexit-Bewegung nun zwei politische Helden des bürgerlichen Britanniens an der Spitze. Da beide aus dem inneren Machtzirkel der Konservativen kommen, bedeutet dies für Cameron den Anfang einer Palastrevolte.
Cameron soll versucht haben, Johnson noch mit der Aussicht auf ein hohes Ministeramt von seiner Brexit-Initiative abzubringen. Doch Johnson verspricht sich von der innerparteilichen Opposition anscheinend mehr noch als nur ein reputierliches Ministeramt. Er will selber Premier werden. Denn eine Abstimmungsniederlage Camerons im Juni könnte ihm den Weg in die Downing Street frei machen. Der Brexit als sein ganz persönlicher Königsmacher – das ist Johnson offensichtliche Strategie.
Und selbst wenn Cameron doch eine Mehrheit für den EU-Verbleib mobilisieren kann, so wird Boris Johnson doch für vier Monate auf den ganz großen Bühne der nationalen Politik stehen. Witze über die pikante Konstellation macht er schon mal: „Meine Chancen, Premierminister zu werden, sind so gut wie Elvis auf dem Mars zu finden oder wie meine Reinkarnation als eine Olive.“ England lacht über Elvis und die Olive – doch das Wort Premierminister ist mit seinem Namen schon mal verbunden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf n-tv.de

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