Zum Kauf von Büchern gehe ich aber noch immer lieber in den Buchladen. Brigitte Zypries

Wieviel AfD steckt in Sahra Wagenknecht?

Ausgerechnet die Fraktionschefin der Linkspartei gibt den Seehofer und will straffällige Flüchtlinge streng abschieben. Sahra Wagenknecht bringt ihre Genossen in Wallung – und geht doch kühl kalkulierend vor.

die-linke sahra-wagenknecht AfD

Sahra Wagenknecht ist variantenreich wie eine Staatsschauspielerin. Mal gibt sie die Mutter Courage der Armen, dann wieder die Rosa Luxemburg der Barrikadenkämpfer. Mal ist sie die Jeanne d’Arc der Ostdeutschen, dann wieder das Gretchen des Saarland-Faustus namens Oskar Lafontaine. Sie ist das Gesicht der Linkspartei geworden, weil sie sich auf medialen Bühnen souverän bewegt und ihren Rollen beherrscht. In der gesamten grimmigen Geschichte der DDR war der Sozialismus nie so intelligent und telegen verteidigt worden wie von Sahra Wagenknecht nach deren Untergang. Für manche der Betonkader in der Partei ist sie freilich zu telegen und zu intelligent. Ihre Aura passt nicht mehr recht zu Plattenbauten und Stasi-Veteranen und Bertold Brecht, man wittert an ihr zu viel Toskana, Kamin-Salon und Goethe.
Derzeit fällt die Kaderpartei mal wieder über sie her. Wagenknecht hat es nach den Übergriffen von Köln gewagt, “Kapazitätsgrenzen" für Migranten ins Spiel zu bringen und und beim Asyl von einem „Gastrecht“ zu sprechen, das man durch Kriminalität auch verwirken könne. Das klingt für internationalistische Tore-Auf-Linke nach Hochverrat. In der Fraktionssitzung musste sich die Vorsitzende also sozialistische Leviten lesen lassen. Die Tageszeitung „Die Welt“ witterte gar einen „Aufstand gegen Saha Wagenknecht“.

Lafontaine und Wagenknecht sind Inszenierungspolitiker

Doch solcherlei Aufstände ist sie nicht nur gewohnt, sie lebt geradezu von ihnen. Wagenknecht braucht Polarisierungen und eine Selbstinszenierung als schillernde Figur. Ihr politisches Schauspielertum wurzelt in der Kolportage von Radikalismen. Sie wiederholt dabei eine Masche ihres Ehemanns Oskar Lafontaine – riskant denken und riskant reden, um rasend bekannt zu werden. Den Trick hatte Lafontaine erst wenige Tage zuvor bei einem Auftritt zum Jahresauftakt der Linken vorgeführt als er den Kapitalismus als eigentliche Ursache der weltweiten Fluchtbewegungen und des Terrorismus ausmachte. Der Westen sei für die Selbstmordattentate also letztlich selber verantwortlich. So war wieder eine hitzige Debatte losgetreten, und Lafontaine im Gespräch.

Wagenknecht wie Lafontaine sind ideologische Linke, aber eben auch Stimmungs- und Inszenierungspolitiker. Darum haben sie auch weniger Probleme, sich populistische Strömungen zu Diensten zu machen und zuweilen gar ins Repertoire der Rechtspopulisten zu greifen. Da wird die Gemeinschaftswährung Euro schon mal abgelehnt oder sie besetzen eben forsch Law-and-Order-Positionen.

Links -und Rechtsextreme haben mehr miteinander gemeinsam als beiden lieb ist

Nun weiß man seit Aristoteles bereits, dass sich die politischen Extreme in Wahrheit berühren. Links- und Rechtsextreme haben mehr miteinander gemein als beiden lieb ist. Auf gewaltsamen Demonstrationen sind linksautonome Schläger des „Schwarzen Block“ kaum von Neonazi-Schlägertrupps zu unterscheiden. In Wahrheit brauchen die Extremisten beider Richtungen einander, sie definieren sich sogar über die Auseinandersetzung.
Gemeinsam sind Extremen auch, dass sie Werte und Institutionen der bürgerlichen Mitte verachten. So ist es kein Zufall, dass NPD und Linkspartei gleiche Dinge bekämpfen – von Banken bis zur Nato, von den USA bis zum Euro oder TTIP.

Schon in der europäischen Schuldenkrise lehnte Wagenknecht die Gemeinschaftswährung grundsätzlich ab, anders als die Mehrheit ihrer Partei, die nur die angeblich von Deutschland diktierte Sparpolitik kritisierte. Wagenknecht wie Lafontaine haben einen großen politischen Instinkt, und der sagt ihnen, dass die neue Massenbewegung der Rechtspopulisten die Linkspartei frontal bedroht. Bei der letzten Landtagswahl in Brandenburg verlor keine Partei so viele Stimmen an die AfD wie die Linke. Und auch bei den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz deutet sich an, dass der Erfolg der AfD der Linkspartei den Garaus machen könnte – selbst der Einzug in die Parlamente ist inzwischen zweifelhaft. Ein ungewöhnlich großer Anteil der Linken-Wähler erklärt in Umfragen Verständnis für die Demonstrationen von „Pegida“, sogar mit dem höchsten Wert aller im Bundestag vertretenen Parteien und dreimal so hoch wie bei den Sozialdemokraten. Wagenknechts Ausfallschritte nach rechts sind keine unüberlegten Fehltritte, sie sind Feuerspiele von professionellen Extremisten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf n-tv.de

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfram Weimer: Trumps gefühlter Nachfolger

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Die-linke, Sahra-wagenknecht, Afd

Debatte

Sahra Wagenknecht: Links wirkt!

Medium_e92d52c24f

Kommt jetzt Rot-Rot?

Wenn wir den Sozialstaat wieder herstellen und eine friedliche Außenpolitk erreichen können, beteiligen wir uns gern an einer Regierung. Aber Martin Schulz hält sich bisher viel offen. Er braucht D... weiterlesen

Medium_6337c9a454
von Sahra Wagenknecht
24.02.2017

Debatte

Oskar Lafontaine

Medium_f621c51080

Wir müssen konsequent abschieben

Wieder einmal ist es Oskar Lafontaine, der für Unruhe bei den LINKEN sorgt. Der Oppositionsführer im Saarland und Linken-Politiker hat sich in einem Interview mit der „Die Welt“ für eine konsequent... weiterlesen

Medium_b6d0626984
von The European
10.02.2017

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
16.12.2016
meistgelesen / meistkommentiert