“Ich verstehe, Sokrates, so besteht also der von uns jetzt gegründete Staat nur aus Worten, denn auf Erden findet er sich, glaube ich, nirgends.” Mit diesem Einwand – was, nichts als Worte? – neigt sich das erste und bedeutendste politische Gespräch Europas seinem Ende. Auch 2.500 Jahre nach Platons Politeia wird auf unserem Kontinent fleißig über Gestalt und Beschaffenheit eines idealen Staats diskutiert. Die Gesprächsvoraussetzungen haben sich freilich ein wenig gewandelt. Denn aus dem vorverständigten Städtchen Athen als Europas Wiege ist ein hochkomplexer, global eingesponnener Bund von bald 30 Nationalstaaten geworden.
Kulturphilosophisch gesehen bedeutet Globalisierung die Zumutung, andere Existenzen nicht nur zunehmend wahrnehmen, sondern sie in ihrem Dasein auch anerkennen zu müssen. Das war bislang weiß Gott nicht Europas Stärke. Vor allem aus wirtschaftlicher Sicht hat es seinen Aufstieg zum globalen Leitkontinent ja wesentlich einer anerkennungsfreien Wahrnehmung (sprich: Ausbeutung) anderer Kulturräume zu verdanken.
Aber auch unsere Diskursmodelle sind auf diese Herausforderung schlecht eingestellt. Tatsächlich stehen sämtliche politisch prägenden Leitgedanken Europas – von Platons und Augustinus’ Idealstaaten bis zu den Prozesskonzeptionen Kants, Hegels und Habermas’ – unter der Zwangsvorstellung einer öffentlichen Einheitserzeugung.
Europa muss seine kulturelle Leitfunktion bewahren
Europas entscheidende zivilisatorische Herausforderung des 21. Jahrhunderts besteht mit anderen Worten darin, seine kulturelle Leitfunktion zu bewahren, ohne auf seiner kulturleitenden Einheitslogik zu beharren. Das Mindeste, woran sich dieser politischer Raum zu gewöhnen hätte, wäre also: faktisch vorgefundene Grundlagendifferenzen nicht mehr als zu überwindende Defizite aufzufassen. “Das ununterbrochene Streben nach Verständnis und Konsens bei sehr grundlegenden Themen”, schrieb unlängst der Züricher Philosoph Michael Hampe, “zeigt die Unfähigkeit an, friedfertig zu bleiben.” Und so stark, dass es sich aggressive Abenteuer leisten könnte, ist Europa schon lange nicht mehr.
Was aber soll systematisch wie lebensweltlich an die Stelle vom regulativen Ideal der einen, einzigen und einheitlichen Denkart am Grunde Europas treten? Gewiss nicht ein formloser Relativismus, der seine Gleichgültigkeit mit Toleranz verwechselt. Eine gangbare Alternative wird in einer polyfonen Diskussionshaltung liegen, deren Foren, Medien und Institutionen zunächst darauf abzielen, möglichst vielfältige, perspektivreiche und präzise Beschreibungen eben jener Sphären zu erzeugen, die unser Zusammenleben bedingen.
Kontrast statt Konsens, Relation statt Relativität, so lauten die Leitbegriffe einer neuen, zukunftsfähigen europäischen Äußerungshaltung, für die auf Sicht kein anderes Medium geeigneter scheint als die dialogisch-offene Verflochtenheit des Internets.
Selbst im günstigsten Falle vermöchte ein von dieser Haltung getragenes Forum freilich nicht mehr als bloße Worte zu erzeugen. Doch wie entgegnete Sokrates einst seinem skeptischen Schüler im platonischen Dialog? “Ob sich unser neuer Staat wirklich vorfindet oder vorfinden wird, darauf kommt es nicht an …, sondern er ist als Muster hingestellt für den, der ihn anschauen und gemäß dem Erschauten sein eigenes Inneres gestalten will.”
Die fortwährende Umgestaltung des eigenen Inneren durch die Worte anderer – eine politisch wertvollere und wirksamere Tätigkeit gibt es bis heute nicht. Weder in Europa noch anderswo.


















