Man kann es so und so machen. Ich bin für so. Gerhard Schröder

Der Verbrecher-Gott

Wer in der vergangenen Woche aus der Fremde dem politischen Treiben in der deutschen Heimat zusah, den musste tiefe Abscheu und Besorgnis erfassen. Aus kaltem Machtwillen entsagte Kanzlerin Merkel letzten Prinzipien innerer Führung. In Gestalt ihres unseligen Ministers zu Guttenberg verhöhnte sie die Leitwerte von Wissenschaft und Bildung – und damit das Fundament ihrer eigenen Republik. Warum es bei der Causa Guttenberg um mehr geht als den Aufbruch zur Schlingelrepublik.

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Liegen die Tatsachen offen, verbleibt die Herausforderung des Verstehens. Weshalb ist der überführte Minister weiter im Amt? Vor allem aber: Warum in dieser Form, das heißt, unter offenbar ausdrücklicher Billigung des Wahlvolkes? Ein Gutteil des Landes bejubelt den Plagiator und Wortbrecher, steht fest zu ihm, attestiert ihm hervorragende Leistung und Eignung. Diese zunächst paradox anmutende Dynamik ist es, die den Fall zu Guttenberg in relevanter Weise mit der offen zur Schau gestellten Kriminalität eines Silvio Berlusconi oder auch Wladimir Putin verbindet. Denn dieser Typus des selbst ernannten Ehrenmanns wird vom Volk nicht etwa trotz, sondern gerade wegen seiner offenbaren und von niemandem bezweifelten Ruchlosigkeit bejubelt!

Sündenbock und Schadenfreude

Es würde die Lage kulturell sehr vereinfachen, ließe sich das Phänomen auf eine simple Sündenbock-Dynamik zurückführen. Ein guter Teil der Kommentatoren fand sich in dem Gedanken befriedigt, dass ein anderer Mensch für eine Tat gezüchtigt wird, die man in digitalen Zeiten selbst einmal begangen hat – oder zumindest gerne begangen hätte. Solches Empfinden ist im besten Sinne christlich-sozial. Gerade die christliche Kultur beruht auf der Idee des Opfers. Dass eine heilige Gestalt hinabsteigt und sich – für uns – der öffentlichen Demütigung preisgibt, ist das zentrale narrative Element der Jesus-Erzählung. Und zu Guttenberg wäre der nicht hoffnungslose Narzisst, der er ist, hätte er im Bundestag auf die Gelegenheit verzichtet, in höchster rhetorischer Not ausdrücklich auf die gesellschaftlich heilsamen und gar pädagogisch wegweisenden Aspekte seines (natürlich!) freiwilligen Wiederabstiegs in die Sphären des Menschlichen hinzuweisen. Seht her, selbst ich vermag die „Quadratur des Kreises“ nicht! Bewundert mich, denn, ja, auch ich habe Fehler begangen! Es war am Bildschirm weiß Gott kaum zu ertragen.

Freilich, gerade bei seinen treuesten Anhängern kam diese Volte besonders schlecht an. Denn reinigende Buße ist die Sache des gemeinen Guttenberg-Fans keineswegs. Nichts könnte dem Führerkult um „KT“ ferner sein als die Bitte um ehrliche Vergebung. Vielmehr begehren die Vasallen des Gutsherrn – lautstark klatschend und zu den Klängen des Rocksongs „Hells Bells“ – mit allem Nachdruck, dass ihr Idol nicht zur Verantwortung gezogen wird, dass er sich nicht nach geltenden Normen und Maßstäben richten muss! Gerade diese Aussicht begeistert sie und führt zu unbedingter Stimmbereitschaft.

Die Geschichte des Mayor Walker

Nur wenige deutsche Beobachter werden sich in den letzten Tagen mit dem Fall des Mayor Walker beschäftigt haben. Es handelt sich um einen New Yorker Bürgermeister, der für übelste Veruntreuung öffentlicher Gelder vor Gericht stand. Anstatt ihn aber an den Pranger zu stellen, ihn mit einer erniedrigenden Maske durch das Dorf zu jagen oder ihm – selbstverständlich symbolisch – einfach Nase und Ohren abzuschneiden, streuten ihm seine Wähler beim Weg aus dem Gerichtssaal unter größtem Jubel Blumen auf den Weg. Der Mob erklärte in zynischem Gleichmut, man hätte auch gern diese Chance gehabt, „mit genauso viel Dreck am Stecken durchzukommen“.

Das ist der charakteristische Unterschied unseres Zeitalters: Der Verbrecher-Gott putscht die Boshaftigkeit der Massen nur noch auf, aber er büßt nicht mehr für sie. Wir haben das Verfahren unserer Vorfahren ins Gegenteil verkehrt. Sie verspotteten den Verbrecher und töteten ihn dann. Wir ehren ihn ernsthaft – und lassen ihn leben. Gar über Leben und Tod unserer Soldaten entscheiden.

Die beiden unmittelbar vorangegangenen Abschnitte dieses Textes sind – bei geringfügigen Anpassungen – übrigens einem Artikel entnommen, den der deutsche Kulturwissenschaftler und Philosoph Edgar Wind unter dem Titel „The Criminal God“ aus dem amerikanischen Exil im Journal of the Warburg Insitute (Vol 1, No.3) veröffentlichte. In Deutschland schrieb man damals das Jahr 1938. Dark times.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Titel-Verbrecher – 25.02.2011 - 17:28

    “Verbrecher-Gott” – Da rechne ich mit einem aufklärenden Artikel über die Anfänge Mohammeds und warum Allah ein ilah ist, und dann das.

  • Theeuropean-placeholder
    Wilhelm Arnold – 25.02.2011 - 18:44

    Ich habe auf dem European immer gerne gelesen. Mir ist zu meinem Leidwesen aufgefallen, dass zum Thema Guttenberg sehr viele misslungene Beiträge publiziert worden sind.

    Aber irgendwo sollte schon eine Schamgrenze sein und dieser Beitrag ist wahrscheinlich mit Abstand das Mieseste, das hier jemals publiziert wurde. So einen Dreck würden normalerweise wahrscheinlich nicht einmal das Neue Deutschland oder die Nationalzeitung abdrucken.

    Aber wenn man zu viele Leser hat, muss man eben ab und an welche in die Flucht schlagen.

  • Theeuropean-placeholder
    Gott als Verbrecher, wohl voll daneben. – 26.02.2011 - 20:40

    Sie werden in einigen Tagen sehen, daß das Volk, das “angeblich” einem “Blender” aufgesessen, den verlorenen Mut wieder gefunden hat, einem gut ten berg eben diesen versetzen werden.

    In den Ruhestand “ohne” Bezüge. Fremdverschulden wird ausgeschlossen, da sonst eine ganze Eiterblase hinterher folgen muß. Wer will das schon Weismann’s?

  • Theeuropean-placeholder
    akrobat – 04.03.2011 - 01:08

    Bravo,mir aus der Seele geschrieben!Gutti u.Kein Ende.Der Hinweis,es gebe Wichtigeres als die Aufregung
    über einen erschlichenen Doktortitel,erscheint at first
    sight berechtigt.Blickt man genauer hin,so zeigt dieses Argument das Bestreben,all dies unsäglich Gewesene
    ganz schnell unter den Teppich des Vergessens zu kehren
    u. so weiterzumachen,als sei nix passiert.
    Nur ein kleiner faux pas,ein Kavaliersdelikt,zu vernachlässigende Größen,
    gemessen an den Meriten
    eines gewesenen VM``s?Meriten in diesem Ressort?
    Schneiderhahn,Kundus,Gorch Fock,etc.?Reaktionen
    nach Gutsherrenart,Beim Personal,da bin ich nicht be-
    scheuert;wer nicht spurt,der wird gefeuert.
    “Er kümmer sich”,so der Kommentar der von diesem
    Dienstherren Betroffenen.Ein Truppenbesuch des damaligen Selbstverteidigungsministers auf einem Nebenkriegsschauplatz:Afghanistan.In seinem Gefolge:seine adlige Dulcinea,m.W.die Ur..Enkelin des ehernen Mannes,der den sauer eingelegten Hering
    mit seinem Namen adelte.U.nicht zu vergessen:ein
    Medienkaspar Kärrner(Körner?,Kerner?) ,Meister des
    seichten,unverbindlichen Talks.Er hat ja auch durchaus renommierte Köche dazu gebracht,vor laufenden Kameras diverse edle Süppchen zu köcheln,
    die dann in die offenen Mäuler des gaffenden Publikums verfüttert wurden.Was für eine Klientel!
    Aber es wird noch schöner.Ich höre von Demos,die
    von dem Hofblatt derer zu Guttenberg initiiert wurden,um ein für sie fundamentales Grundrecht zu
    verteidigen,das der Kälber nämlich,sich ihre Metzger
    selber wählen zu dürfen.
    Vielleicht hört das irgendwann einmal auf!

Aus der Debatte

Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg

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Fotogragiona 1

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