Ich kann sehr glücklich sein und trotzdem eine Szene voller Elend drehen. David Lynch

Dampfschiff nach Argentinien

Der in Moskau aufgewachsene Autor Alexei Makushinsky, seit Beginn der 1990er Jahre in Deutschland lebend, legt mit seinem ersten Roman in deutscher Übersetzung ein episches Werk vor, in dem die Suche nach der verlorenen Zeit ungewöhnlich neue Wege beschritten hat.

Wer in den Erzählfluss im „Dampfschiff nach Argentinien“ eintaucht, der sollte sich vorher die auf der vorderen und hinteren Innenseite zweimal auf rotem Hintergrund abgedruckten Personennamen anschauen. Sie setzen in einer Art Generationenlinie bei Baron Heinrich von Vietinghoff ein und enden bei Viviana Vosco. Auf der dritten Linie ist, hervorgehoben durch eine Markierung, der Name Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow (A.N.W.). International Alexandre Vosco zu entdecken. Leider fehlen die Geburts- und Todesdaten der aufgeführten Personen, ein Manko, das auf den ersten Blick gar nicht auffällt, denn der Leser wird zu Beginn des 1. Kapitels mit einem „O welcome, Messenger! O welcome, Friend! …“ aus der Feder des romantischen Dichters William Wordsworth (1770-1850) so herzlich begrüßt, dass er sich kaum über die fehlenden Daten wundert. Erst die zweite Zeile im englischen Original „A captive greets Thee, coming from a house/ Of bondage …“ könnte ihn stutzig machen, wenn er des Englischen kundig, übersetzen würde: „Ein Gefangener grüßt dich, der aus einem Haus der Fesseln kommt“. Und dann der einleitende Satz des Ich-Erzählers. Er führt den neugierig gewordenen Leser in die konkrete historische Situation ein: „Als die Sowjetmacht zu unserer unaussprechlichen Verwunderung zu wanken begann und ganz plötzlich Löcher im durchrosteten Eisernen Vorhang erschienen, begab ich mich auf meine erste Auslandsreise, im Herbst 1988 …“ Was dann folgt, ist eine anschaulich-ausschweifende Beschreibung dieser Reise im Zug von Moskau nach Paris mit einer prägnanten Konturierung der Mitreisenden, den bestechlichen Schaffner eingeschlossen. Sie erweist sich als vorzügliche Einführung in eine Erzählweise, in der die visuelle Wahrnehmung des Reisenden in einen Erinnerungsstrom eingebettet ist, der rückwärts (die Erfahrung unseres Sklavenlebens, der Erinnerungsschatz der russischen Literatur) und sogar vorwärts ausgerichtet ist (aufbrechend in die blaue Ferne). Angesichts dieser auf den ersten Blick verwirrenden narrativen Strategie nimmt es nicht Wunder, dass der Erzähler bereits im 1. Kapitel die Vision vom Dampfschiff nach Argentinien (Schlafkojen unter Deck für die ärmsten Passagiere) in seinen Bericht einbezieht, ohne die Hintergründe dieser Reise zu nennen.

Kein Zweifel, hier reist einer, der, ausgestattet mit den intimsten Kenntnissen der Weltliteratur (Nietzsches Warnruf „Die Wüste wächst“ oder „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ tauchen nicht nur als Bildungssignale mitten im Erzählvorgang auf), seine Figuren imaginiert und sie wagemutig auf immer neue narrative Felder treibt. Eingeleitet durch einen Vers des britisch-walisischen Dichters Edward Thomas (1878-1917): „I have come to the borders of sleep, / The unfathomable deep / Forest where all must lose / Their way …“, setzt das 2. Kapitel mit der Bekanntschaft des Erzählers mit einer gewissen Viviana Vosco ein. Ein gewisser M., ein „unendlich entfernter Verwandter“, habe sie, so der Erzähler, gemeinsam mit einem gewissen Pierre-Paul zusammengebracht. Und was dann folgt, ist nicht nur der Einstieg in eine Pariser Welt, die mit Comics und Vampir-Phantomen besetzt ist, eine Welt zwischen Mode und Underground, mit welcher sich der fließend Französisch sprechende Erzähler sehr schnell anfreundet. Dazu gehört auch die kurzweilige Bekanntschaft des damals 28-jährigen mit seinem letzten, nach 1917 emigrierten russischen Verwandten, dem 87-jährigen Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow, der sich in Frankreich in einen Alexandre Vosco (weil angeblich kein Franzose den russischen Namen aussprechen konnte!) verwandelt hat. In diesem Gespräch wird nicht nur der Erzähler in die abenteuerliche Emigrationsgeschichte des nach Argentinien reisenden Vosco eingeweiht, auch der Leser taucht in einen Erzählfluss ein, in dem er zu ertrinken droht, wenn ihn nicht der Erzähler an die Hand nehmen würde. Denn was sich auf den folgenden dreihundert Seiten abspielt, ist die Suche nach einer verloren gegangenen Zeit, die Entdeckung der Lebensgeschichte des angeblich berühmten Architekten Alexandre Vosco und dessen Freund Wladimir Grawe. Und je länger er über die Vergangenheit der beiden Figuren nachdenkt, desto markanter zeichnen sich die Konturen von Biografien ab, die rund fünfzehn Jahre nach der ersten und letzten Begegnung mit Vosco ein Sujet hervorbringt, das die Grundlage für die weitverzweigte Romanhandlung bildet. Der Erzähler fragt nun nach der Beschaffenheit jenes Dampfschiffs, mit dem Vosco nach Buenos Aires gefahren ist, und er versetzt sich in die Vorstellungswelt von russischen Emigranten, die „Bescheid (wussten) über Fünfjahrespläne, …, Schauprozesse, … alle diese Ukoms und Kraikoms“ und dennoch nicht die „unablässige Angst und ständige Langeweile, … dieses Gefühl der eigenen Gemeinheit“ kannten, weil “die Kenntnis der Realität … nicht das Sich-Darin-befinden (ersetzt).“

In solchen Passagen verdichtet sich die Erinnerung des Erzählers an die verflossene Zeit, und der Leser taucht gemeinsam mit seinem Erzähler in eine Vergangenheit ein, die diesem jahrzehntelang verborgen war oder nur ausschnittweise enthüllt wurde. Umso intensiver sind die Recherchen für die (nachempfundenen) Reisen. Ausgestattet mit Papieren, Fotos, Notizbüchern und sogar Aufzeichnungen, die er angeblich am letzten Lebensort von Vosco in der Languedoc gefunden hat, gelingt es dem Ich-Erzähler schließlich, sich ganz „konkrete“ Vorstellungen von dessen Reise nach Argentinien im Jahr 1950 zu machen. Doch damit nicht genug! Er findet in den Aufzeichnungen von Vosco auch umfangreiche Notizen über seinen Freund Wladimir Grewe, den das Schicksal während des Zweiten Weltkriegs ins Baltikum verschlägt, wo er durch die narrative Folie von Vosco hindurch die wechselhaften, schlimmen Erlebnisse in der Konfrontation mit den Nazis und den Bolschewiki so glaubhaft erzählt, dass der Leser ihm gleichsam blindlings folgt. Ein weltberühmter Architekt sei dieser Vosco gewesen, und wer die vielen Titel seiner Bücher, Bildbände, Vorträge und Artikel nachlesen will, der sei auf die Seite 131 verwiesen. Der Erzähler hat sie nach mühseliger Recherche in der Bayerischen Staatsbibliothek in München gefunden und breitet nun seine reichen Kenntnisse über seine Romanfigur aus. Vosco habe sogar in den frühen 1980er Jahren einer gewissen Mary Smith, einer naiven links-intellektuellen Journalistin, ein Interview gegeben. Mehr noch: der Erzähler beschreibt zahlreiche Jugendfotos seines Protagonisten und dessen Verwandten im Detail, denkt sich Alexandres ersten Liebesabenteuer aus, zitiert zwischendurch beinahe vergessene französische Dichter, berichtet über die Gründung einer Fondation Aleksandre Vosco – und der Leser folgt verzückt ob solcher präziser Phantasien einem Erzählstrom, in dem wesentliche Phasen der Kulturgeschichte Europas zwischen Moskau und Paris in wechselnden perspektivischen Einstellungen präsentiert wird. Mithilfe dieser narrativen Strategien gelingt es Alexei Makushinsky, ausgestattet mit hohen stilistischen Fähigkeiten, seinen fiktiven Figuren ein hohes Maß an Authentizität zu verleihen. Der in Moskau aufgewachsene Autor, seit Beginn der 1990er Jahre in Deutschland lebend, legt mit seinem ersten Roman in deutscher Übersetzung (die kongeniale Übersetzung der oft atemberaubenden Satzkaskaden von Annelore Nitschke ist besonders zu loben!) ein episches Werk vor, in dem die Suche nach der verlorenen Zeit ungewöhnlich neue Wege beschritten hat.

Alexei Makushinsky. Dampfschiff nach Argentinien. Roman. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. München (Carl Hanser Verlag) 2016, 346 S., ISBN 978-3-446- 25578-3, 24.- EUR.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christiane Lambrecht, Konrad Paul Liessmann, Joachim Lux.

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