Der Euro ist eine starke internationale Währung und wird nicht zerbrechen. Hans-Gert Pöttering

Mit Gott geht der Sinn

Der Atheismus schöpft seine Legitimation aus der Wissenschaft. Diese versucht, die Grundfragen der menschlichen Existenz restlos zu klären. Doch wer beantwortet die neuen Fragen, die sich dadurch stellen?

Religion gibt es in der Neuzeit nur mit Widerspruch. Der Glaube an Gott wird stets von Protest begleitet. Kein Wunder, dass die sprachmächtigsten Atheisten häufig gelernte Christen waren. Damit, dass Martin Luther das Recht der Geistlichen zur Heirat durchsetzte, schuf er nicht nur der Glaubenskultur, sondern auch dem Atheismus einen Nährboden: das evangelische Pfarrhaus.

Niemand zeigt das eindrucksvoller als Friedrich Nietzsche, der sich mit einer „Umwertung aller Werte“ von dem befreien will, was sein Leben so lange prägte. Doch auch er wird die Frage nach Gott nicht los und schickt deshalb einen „tollen Menschen“ aus, der mit einer Laterne nach Gott sucht: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet.“

Heute tritt der Atheismus nicht nur mit dem Anspruch auf, eine Spielart der Gottessuche von vielen zu sein. Vielmehr fordert er eine absolute Geltung ein, wie sie zuvor nur von bestimmten Formen der Religion vertreten wurde. Die neuen Atheisten nennen sich die „Brights“, die Erleuchteten. Mit den Mitteln der Wissenschaft wollen sie den Gottesglauben als bloßen Wahn entlarven. Der Traum, die Religion zum Verschwinden zu bringen, ist noch nicht ausgeträumt. Heute begegnet er uns in der Gestalt eines kämpferischen Atheismus, der ein Monopol in Glaubensfragen reklamiert.

Dieser Atheismus nimmt selbst die Gestalt einer Glaubenslehre an. Die Berufung auf wissenschaftliche Objektivität kann darüber nicht hinwegtäuschen. Im Kern orientiert er sich an einem wissenschaftsgläubigen Fortschrittskonzept. Der Wissenschaft wird zugetraut, die Grundfragen der menschlichen Existenz ohne Rest zu beantworten. Die Folgen sind dramatisch: Mit der Frage nach Gott verschwindet auch die Frage nach einem Selbst des Menschen, das über sich hinausweist. Der Mensch wird – wie Martin Luther das schon weitsichtig beschrieb – zu einem „in sich selbst verkrümmten Wesen“.

Möglichkeiten statt Wahrheiten

Zwangsläufig ist das nicht. Es gibt nachdenklichere Formen, den wissenschaftlichen Fortschritt zu deuten. Die Erklärung des Lebens ist mit dessen Sinn nicht gleichzusetzen. Wissenschaftliche Einsichten enthalten deshalb nicht nur neue Antworten, sondern auch neue Fragen. Auch wenn das menschliche Genom entschlüsselt wird, bleibt die Frage nach dem Selbst des Menschen offen. Dadurch, dass wir das Entstehen von Entscheidungen neurobiologisch nachvollziehen können, ist die Frage nach der Freiheit des Menschen nicht beantwortet. Mit der Auskunft des Kosmonauten Juri Gagarin – Gott sei ihm im Weltraum nicht begegnet – ist die Frage nicht beantwortet, was unserem Leben im Kosmos Sinn gibt. Auch in unserem wissenschaftsgeprägten Zeitalter fragt der Mensch über sich selbst hinaus. Er bleibt ein selbsttranszendentes Wesen.

In einer modernen Gesellschaft werden auf solche Fragen nicht nur religiöse, sondern auch säkulare Antworten gegeben. Doch die Vorstellung, eine unaufhaltsame Säkularisierung lösche den Glauben aus, führt in die Irre. Nicht Säkularisierung, sondern Pluralisierung prägt unsere Zeit. Zu ihr gehört, wie der kanadische Philosoph Charles Taylor sagt, die „säkulare Option“. Sie schlägt dem Menschen vor, den Sinn seines Lebens nur aus sich selbst zu schöpfen.

In einer solchen Welt wird, so antwortet der deutsche Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas, auch der Glaube zur Option. Doch als Option gehört der Glaube nicht vergangenen Zeiten an. Er ist keine „vormoderne“ Denkweise, die zwangsläufig durch den Atheismus als einzige „moderne“ Position abgelöst wird. Der Glaube bleibt unersetzlich; denn die Menschlichkeit des Menschen hängt daran, dass er sich auf Gott als den „ganz Anderen“ bezieht.

Gott ist nicht tot

Zu den großen Entdeckungen der Neuzeit gehört, um noch einmal Hans Joas zu zitieren, die „Sakralität der Person“. Die sich ständig steigernden Möglichkeiten dazu, dass Menschen über andere Menschen Macht ausüben, lassen sich nur bändigen, wenn wir jeder menschlichen Person eine Unantastbarkeit zuerkennen, die wir „Würde“ nennen. Doch diese Würde bleibt nur gewahrt, wenn sie nicht als das Ergebnis eigener Leistungen und als Resultat menschlicher Selbstbestimmung verstanden wird. Gerade im Zeitalter der „Reproduktions“-Medizin braucht der Mensch Klarheit darüber, dass er nicht sein eigenes Produkt ist.

Für den verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Leben ist es von großer Bedeutung, ob wir dieses Leben als eine uns anvertraute Gabe verstehen oder in ihm bloß ein Resultat des eigenen Tuns sehen. Im Umgang mit anderen hängt viel davon ab, ob wir das Leben des anderen als etwas ansehen, was nur seiner eigenen Selbstbestimmung überlassen ist – oder ob wir erkennen, dass es auch unserer Fürsorge anvertraut ist. Die neuen Möglichkeiten der Lebenswissenschaften rufen geradezu nach der Lebensweisheit der Religion. Sie besteht darin, den Menschen nicht nur als selbstbezügliches Wesen zu verstehen, sondern den Sinn seines Lebens in der Beziehung zu anderen zu erkennen: in der Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen und zu der Welt, die wir „bebauen und bewahren“ sollen, wie es in der biblischen Schöpfungserzählung heißt.

Die atheistische Ausrufung des Todes Gottes hat deshalb für Christen nicht das letzte Wort. Zu ihrem Glauben gehört das Kreuz Jesu und damit die Teilnahme Gottes an Leiden und Tod. Deshalb antworten sie auf die Unerlöstheit der Welt, in der wir leben, nicht mit der Proklamation des Todes Gottes, sondern mit einer Hoffnung über all das hinaus, was Menschen aus eigener Kraft zu Stande bringen, und mit einer Liebe, die keinen Menschen verloren gibt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Helmut Ortner, Andreas Püttmann, Patrick Spät.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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