Das Schöne an Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest. Stefan Gärtner

Hemmschuh, nicht Brücke

Die Abschaltung der Atomreaktoren war die richtige Reaktion – denn die Technik birgt nicht nur Risiken, sondern sie eignet sich auch nicht als Brückentechnologie. Deutschland macht vor, wie der Spagat zwischen Klimaschutz und Atomausstieg gelingen kann.

Das Plakat am Berliner Hauptbahnhof zeigt das AKW Brunsbüttel unter blauem Himmel. Davor weiden Schafe in einer idyllischen Landschaft. Das Deutsche Atomforum wirbt um Sympathien für „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“. Laut Plakat produziert das AKW sechs Milliarden Kilowattstunden pro Jahr. CO2-Ausstoß: null.

Ganz stimmt die Rechnung natürlich nicht. Als Saubermann glänzt Atomkraft nur im Vergleich zum Klimakiller Kohle. Im Vergleich zu Windanlagen steht sie dagegen schlechter da. Ein Erdgas-Kraftwerk emittiert zwar mehr Klimagase. Wird aber die bei der Stromerzeugung anfallende Abwärme genutzt, um Wohnungen und Häuser zu heizen, liegt die Klimabilanz von Gasturbinen gleichauf mit der Atomkraft.

Mangelware Brennstoff

Kernenergie als Klimaretter stößt rasch an Grenzen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) muss knapp die Hälfte der weltweit circa 430 Atomreaktoren in den kommenden 20 Jahren in den altersbedingten Ruhestand geschickt werden. Ob allein die gegenwärtige Kapazität erhalten bleibt, steht in den Sternen: Der Neubau von Atomkraftwerken kommt international schleppend voran. Wollte man ein Viertel der nötigen CO2-Reduktion mithilfe der Kernenergie bestreiten, müsste man weltweit jedes Jahr 30 neue AKWs in Betrieb nehmen. Wer soll die bauen?

Ein massiver Ausbaukurs würde vom Schwinden der Uranvorräte durchkreuzt: Die weltweiten Uranreserven sind schon in 45 bis 80 Jahren erschöpft, selbst wenn nur so viel Atomstrom erzeugt wird wie heute. Der Brennstoff würde ausgehen, bevor die Renaissance der Atomkraft richtig begonnen hat.

Atomarer Klimaschutz wäre teuer erkauft: durch das Risiko katastrophaler Unfälle und durch den Missbrauch für militärische oder terroristische Zwecke. Ich halte nichts davon, eine Reduzierung bei dem einen Risiko durch ein höheres anderes Risiko zu erkaufen.

Atommeiler sind Hemmschuh

Atommeiler reduzieren die CO2-Emissionen, wenn sie dreckige Kohlekraftwerke ersetzen. Doch was, wenn die Alternative nicht Kohle heißt, sondern Wind und Sonne? Deutschland macht gerade vor, wie der Spagat zwischen Klimaschutz und Atomausstieg gelingen kann. Die großen, schwer regelbaren Atommeiler sind dabei für den Systemwechsel auf regenerative Energien eher Hemmschuh als Brücke.

Das Plakat am Berliner Hauptbahnhof wurde übrigens später überklebt. Im AKW Brunsbüttel brannte der Transformator, der Kontrollraum stand voller Rauch, die Feuerwehr rückte an. Seitdem steht der Pannenreaktor still. Für immer. CO2-Ausstoß: null.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Renate Künast, Christoph Bautz, Hubert Weiger.

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