Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe. Margot Käßmann

Das Geschwätz stolpert

Wie die Medien mit dem Absturz der Germanwings-Maschine umgehen, ist eine einzige Farce. Eine Abrechnung.

In diesen Tagen schäme ich mich für meine Branche, für ihr verlogenes Mitleid und dafür, dass sie eine unerhörte Hysterie erzeugt. Ein Flugzeug stürzt in den französischen Alpen ab, 150 Menschen kommen dabei um. Sofort hacken die Kollegen den Unsinn von der Tragödie in die Tasten. Nachdem herauskam, dass der Copilot wahrscheinlich psychische Probleme hatte und die Maschine mitsamt den Insassen auf einen Berg zusteuerte, musste ich in einem Livestream sogar von einer „tragischen Wende der Tragödie“ lesen. Das Geschwätz stolpert über sich selbst.

Aber der Reihe nach:

Erstens – es ist unerträglich, dass bei Ereignissen wie diesem (oder bei den Morden in Paris) ständig von Tragödie gefaselt wird! Die Tragödie ist eine Dramenform des antiken Griechenlands. Sie handelt von den Konflikten, in die ein Mensch geworfen wird. Die Katastrophe – also die schlimmstmögliche Wendung im Leben des Protagonisten – geschieht etwa zur Mitte des Stückes; dann wird beschrieben wie eben jener Protagonist in den Strudel des Unausweichlichen gerät, der nicht zwangsläufig zum Tod führt. Vorhang zu, alle tot, wie im „Hamlet“, ist also nicht immer das Ende; Ödipus überlebt – nachdem er sich selbst geblendet hat – und taucht in anderen Stücken wieder auf.

Der Flugzeugabsturz ist eine Katastrophe – aber keine Tragödie. Doch das Schielen aufs Theater ermöglicht es den Leuten in den Redaktionsstuben, eine Forderung des massenkompatiblen Medienmarktes und seiner Apologeten (auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern) zu erfüllen.

Zweitens – die Emotionalisierung

Nicht zufällig nämlich benutzen Redakteure Vokabeln der antiken Dramatik: auch sie reden von der tragischen Fallhöhe (was einem beim Flugzeugabsturz besonders zynisch vorkommt) und sie benötigen stets einen Protagonisten, um den emotionalen Gehalt herausarbeiten zu können. Themen, die sich nicht leicht durch Protagonisten emotionalisieren lassen, finden kaum noch statt. Selbst ein TV-Einsdreißiger braucht so eine Figur. Und es ist wahr – die werden selbst für Regionalsendungen „gecastet“; wichtig ist, dass der Kandidat/die Kandidatin „menschelnd“ rüberkommt.

Und so zerrt man im Falle des Absturzes zum Beispiel die Mitschüler einer Jugendgruppe, die umgekommen ist, vor die Kamera, sucht sich eine telegene Figur aus und lässt sie stellvertretend traurig sein. Damit das auch ja klappt, haben die Kollegen, die ich Klemmbrettbrüder nenne, sogar für Kurzberichte ein richtiges Drehbuch im Kopf, bzw. auf Vordruckformularen auf dem Klemmbrett parat. Da steht dann ganz genau drin, was der Protagonist sagen soll – und wenn er’s nicht tut, dann wird so lange gefragt, bis er es vor Erschöpfung sagt. Und dann weiter im längst vorbereiteten Text …

Nicht mehr die Ereignisse sind wichtig, sondern die Gefühle, die man aus den Menschen herausdestilliert. So interessierte einen Regionalfernseh-Chef nicht die neue provokante Inszenierung eines Stückes am Stadttheater, sondern das Hündchen, das mitspielte. Darüber könne man berichten, ließ er die Theaterleute wissen, wenn sie mit ähnlichen „Geschichten“ kämen, dann schickte er auch gerne ein Kamerateam.

Drittens – die Plage „Live“

Im Falle des Flugzeugabsturzes belästigt man nicht nur die erschütterten Mitschüler in Haltern, sondern nahezu jeden Passanten, wie man das ja so gerne macht, um Volksnähe vorzugaukeln. Menschen auf der Straße sollen dann natürlich ihre Erschütterung ausdrücken. Beileidsbekundungen sind immer peinlich, Floskeln, aber keine Anteilnahme … Regelrecht belagert werden die Angehörigen der Opfer – da genieren sich auch die angeblich so gesitteten öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht mehr. Wichtig ist wirklich, wer die erste Träne, das erste schmerzverzerrte Gesicht präsentieren kann.

Sich selbst als rhetorische Nullnummern präsentieren, das machen auch die vielen Reporter vor Ort. Sobald die Dunkelheit einbricht, stellen sie sich auf vor ungezählten Trauerkerzen und raunen bei jeder Schalte – denn die Nachrichten spulen das Unglück und seine Folge in Endlosschleife ab – die immer gleichen Bestürzungsworte. Jede Talkshow der Woche hatte den Flugzeugabsturz zum Thema, mitunter sogar mit den gleichen Gästen. Jeden Abend Sonderberichte, stündlich in den Nachrichten Schalten vor Ort und im Internet die Pest der Live-Streams, deren Reporter mangels Neuigkeiten dann solchen Unsinn wie den schon genannten von der tragischen Tragödie absondern.

Ich will aber auch nicht vergessen, dass bügelnde Hausfrauen und Männer (damit keine Klagen kommen) begierig auf die ständige Wiederholung des Immergleichen harren, um sich bei der Hausarbeit richtig schön gruseln zu können oder ein paar falsche Tränen des Mitleidens hervorzudrücken. Denn der Tod fremder Leute ist immer interessant. Man stirbt ja Gott sei Dank nicht selber.

Viertens – die Hysteriemaschine

Sondersendungen, Sonderseiten en masse – obwohl selbst Tage nach dem Unglück eigentlich nur dies zu berichten ist: ein Flugzeug ist abgestürzt, alle Insassen sind tot. Die Trümmerreste sind schwer zu erreichen; Helfer tun ihr Möglichstes; Hinterbliebene trauern. Über die Ursachen kann noch längst nichts konkret gesagt – aber spekuliert werden.

Jede noch so unwichtige Boulevardsendung, jedes noch so banale Boulevardblatt – und selbst angeblich „seriöse“ Medien wie die „Tagesschau“ oder die „Zeit“ verwandeln sich in Boulevard – zerrt einen Experten hervor, für Flugzeugtechnik, für Bergrettung oder Traumapsychologie. In Ermangelung wirklicher Informationen können sie zumeist nur Allgemeinplätze herunterspulen.

Aggressive Moderatoren wollen natürlich kühne Phantasmen bestätigt bekommen, ob wahr oder nicht. Da gibt es dann selten „Experten“, die den Introjektionen durch die Nachrichtenmacher redlich widerstehen können. Und so wird vermutet, spekuliert und fantasiert, bis man endlich einen Schuldigen gefunden hat – diesmal den angeblich depressiven Copiloten. Denn einen Schuldigen braucht man – es muss auch das personalisiert werden!

Nachrichten müssen heute erzählt werden als Kampf des Guten gegen das Böse; was früher der Pastor auf der Kanzel war, das ist heute der Aktualitätenredakteur. Hat man keine Nachrichten, die unmittelbar mit dem Unglück zu tun haben, werden gleich überhitzte und überhetzte Fragen nach neuen Sicherheitskonzepten gestellt, neuen Techniken, neuer Überwachung. Es entsteht der Eindruck, als fielen fast täglich Flugzeuge vom Himmel. Die Bevölkerung ist in Alarmbereitschaft, alle sind bestürzt und besorgt, besonders da sich sogar die Kanzlerin an die Unglücksstelle begeben hat, um dort Anteilnahme zu markieren. Ein Pressecoup. Wie wäre es, wenn jede Familie von der Kanzlerin einige persönliche Zeilen (können ja sogar die Referenten verfassen) bekäme, in Stille, ohne Punktesammelei für Mutti.

Wie jüngst in der Masern-Diskussion oder bei den Attentaten von Paris entsteht der Eindruck ständiger Bedrohung. Verschwörungshansel wie der unappetitliche Udo Ulfkotte spinnen bereits wieder ihre Theorien über die Vertuschungszusammenarbeit von Mainstream-Medien und Fluggesellschaften. Das macht er übrigens ausgerechnet auf der Internetseite des Koppverlages; ein Verlag, der spezialisiert ist auf aufgebauschten Verschwörungsblödsinn. Auch die liebe Kollegin Birgit Kelle publiziert da. Gewiss, man kann auch falsche Sicherheit vortäuschen, aber der mediale Dauerbeschuss über die Katastrophe mit fast keinen Neuigkeiten liefert den Verschwörungstheoretikern natürlich Munition und befeuert die Hysterie der Menschen. Dass Fliegen noch immer die sicherste Reiseart ist, wird verschwiegen. Täglich sterben auf bundesdeutschen Straßen rund zehn Personen, 100 an Krankenhauskeimen und 5000 Kinder weltweit an Hunger. DAS sind wichtige Nachrichten – jeder einzelne Tote hatte auch ein trauriges Schicksal! Aber eine Verkehrsleiche, ein dahinsiechender Patient oder ein verhungerndes Kind sind keine attraktiven Protagonisten.

Ein Pilot mit längst noch nicht bestätigten psychischen Problemen allerdings schon; denn Massenmörder sind immer interessanter als ihre Opfer. Und selbst unter den Toten des Flugzeugabsturzes sind einige interessanter als die anderen, zum Beispiel eine Opernsängerin. Da muss man dann völlig verkitschte Journalistenpoesie lesen: etwa, dass Gott nun ihre Stimme unter den Engeln vernehmen könne.

Fünftens – Es geht alles vorüber

Es ist ekelerregend, wie das Thema so am Kochen gehalten wird, dass es alle anderen Nachrichten, die weit bedeutsamer sind, verdrängt. Wenn es keine Neuigkeiten mehr gibt, werden Trauer und Bestürzung der Angehörigen vorgeführt – auch der Angehörigen des angeblich Schuldigen. Mediale Sippenhaft also, die sogar Beleidigungen und Drohungen Wildfremder auslöst … die es in ihrer Einfalt nicht verstehen, dass der Absturz eben keine Tragödie von Gut und Böse ist, die Rache und Vergeltung nach sich ziehen könnte. Einfach mal schweigen ist nicht mehr drin! Bei den Medien ebenso wenig wie bei den Konsumenten. Die direkt betroffenen Menschen werden sich nicht so schnell von den Rücksichtslosigkeiten der Journalisten und der Gaffergier der Menge erholen …

Aber in ein, zwei Wochen haben wir das nächste Unglück, das zur Tragödie stilisiert wird und der Reporterzirkus zieht weiter und ersetzt nur die Namen und Orte in den immer gleichen Floskeln der Emotionalisierung! Wahrhaftig, ich schäme mich für meine Zunft!

Sechstens – Nachtrag

Das öffentliche Geschwätz der Journalisten angesichts solcher Katastrophen stolpert. Es kann aber auch zu einem ohrenschmerzenden Leiergesang werden, zu einem Theodizee-Schamläppchen, das Theologen und „Notfallseelsorger“ anbieten. Geschwätz allenthalben – das gar nicht mal trösten soll, wie könnte es auch. Es melden sich vorsorglich gleich die Spitzen der Kirchen zu Wort und sprühen Verbalnebel, damit bloß nicht die Theodizeefrage aufs Tapet kommt.

Man muss nur zitieren und kann sich des Seufzens und Kopfschüttelns über so viel Unbedarftheit nicht erwehren: „Gott ist immer bei den Opfern, mittendrin …“, sagt der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm in einem Interview mit der „B.Z.“ zum Unglück. Er fährt fort:

„Im Kreuzestod Jesu hat Gott selbst menschliches Leiden erfahren. Deshalb können wir Christen auf jeden Fall sagen, dass Gott bei denen ist, die leidend und verzweifelt sind. […] Gott will uns trösten, er wird abwischen alle Tränen, heißt es in der Bibel. Am Ende der Zeiten wird alles Leid überwunden sein. […] Gott leidet mit uns. Er ist bei uns in unseren dunkelsten Stunden!“

Und wenn das so ist, Herr EKD-Vorsitzender, weshalb hat er dann das Flugzeug in den Alpen zerschellen lassen? Kommen Sie mir nicht mit dem unerforschlichen Willen Gottes. Aber mir müssen/können Sie damit auch nicht kommen: würden Sie sich erdreisten so etwas den Hinterbliebenen zu sagen? Wenn ja, dann sollten Sie sich schämen! Die haben aktuell das Schrecklichste erlebt, das sich denken lässt, die brauchen jetzt Trost, Hilfe, vielleicht reicht auch nur eine Hand, die andere hält. Aber Sie verweisen Sie auf das Ende der Zeiten – das ist für diese Menschen bereits eingetreten.

Halten Sie doch mal den Mund, bleiben Sie einfach neben den Trauernden sitzen und hören Sie zu oder schweigen Sie endlich!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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