Ich möchte nicht in erster Linie als Patient wahrgenommen werden. Wolfgang Bosbach

Das Leben ist der Güter höchstes nicht

Eine zornige Untersuchung: Was wirklich hinter dem Widerstand gegen die Sterbehilfe steckt. Haltet euch aus unserem Leben heraus, ihr Lebensschützer!

Der kühne Freitod von Udo Reiter erinnerte mich in seiner lakonischen Konsequenz an einen berühmten Film, den Schwanengesang eines Stars und eines Genres.

Don Siegels „The Shootist“ ist sicher nicht der größte aller Western, aber der erschütterndste. John Wayne, die reaktionäre, raue und zärtliche alte Kanaille, trat mit diesem Film von der Leinwand ab. Er hätte es besser nicht tun können als in der Rolle eines alten Gunman, der seit Wochen von Unterleibsschmerzen geplagt wird. Der Arzt, den er aufsucht, kann ihm nur hilflos die Diagnose Krebs mitteilen und drückt ihm dann ein Fläschchen Laudanum in die Hand. „Hätte ich“, raunt der Arzt, „Ihren Mut, dann wüsste ich, was ich täte, um den mörderischen Schmerzen und dem Verrecken zu entgehen!“

Schnell spricht sich herum, dass der einst gefürchtete Shootist ein todkranker Mann ist. Die Geier warten schon: jüngere Gunmen versammeln sich in der Stadt und warten auf ihre Chance. Wayne schaut sich ein paar Tage in der herbstlichen Stadt um, macht eine letzte Bekanntschaft mit einer stolzen und klugen Witwe, hilft ihr, ihren Sohn wie ein Vater auf den richtigen Lebensweg zu bringen, trinkt die letzten Schlucke Laudanum, die schließlich nicht mehr helfen und bestellt die lauernden Aasgeier in den Saloon.

Es sei sein Geburtstag, sagt er dem Barkeeper, der ihm den letzten Whisky einschenkt, den wolle er feiern. Und er feiert ihn auf seine Art, erledigt die schießwütigen Rotzlöffel, die seine Nachfolge antreten wollen, nebenbei noch ein paar tolldreiste Gangster und wird selbst tödlich getroffen. Noch einmal hat er als Towntamer die Stadt gerettet und ist dabei auf seine Weise gegangen. Das war sein Tod, der Tod als Gunman, der seine Zeit gehabt hat!

John Wayne selbst hatte nicht das Glück, so zu sterben wie in diesem Film. Einmal schon, in den 60ern, hatte er den Krebs besiegt. Ein Jahr nach „The Shootist“ kam er zurück, der Krebs. Man behandelte den Duke zu Tode, schnitt hier und da was weg und der große starke Mann verreckte zwischen Amputationen und Morphium. „Feo, fuerte y formal“ steht auf Waynes Grabstein – er war stolz, er war stark, er hatte Würde … bei all dem Reaktionären, das seine Filme auch hatten, immer ging es in ihnen um die Würde des Individuums. Darum sei ihm dieses Epitaph gegönnt.

Lustvoll-katholisch Verrecken

In „The Shootist“ tritt kein Gottesheuchler auf, der vom Leben als Geschenk faselt oder dass der Mensch kein Recht habe, seinen Tod selbst zu bestimmen oder gar die Wohlfahrt der Gesellschaft bedenken müsse, wenn er nicht stirbt wie alle anderen. Aber seit Wochen rekeln sich solche Leute in den Talkshowsesseln, beschwören dabei den Untergang des Abendlandes oder fantasieren, pflegeunwillige Angehörige würden zuhauf ihre Kranken zur Selbsttötung drängen. Was lässt sie menetekeln und den Sterbenden das Recht auf einen selbst gewählten Tod absprechen?

Alexander Kissler rückt uns in einem „Cicero“-Beitrag mit den Ladenhütern von jenseitigem Gericht, Gnade und Erlösung auf den Pelz, die man nur erwarten darf, wenn man sich dem Verrecken lustvoll-katholisch hingibt. Nein, mit diesem schleimig-opportunistischen Heranrobben an den Lieben Gott und sein menschengemachtes Jenseits will ich mich gar nicht weiter auseinandersetzen, dazu sind mir diese Kissler’schen Schäbigkeiten zu wenig intelligent. Aber in einem hat er recht, der Kissler: „Mit der Sterbehilfe kehrt die Gottesfrage zurück!“ Oder genauer: die unermüdlich missionierenden Christen drängen sie uns wieder auf.

Wie jedoch zu erwarten war, meldet sich der Liebe Gott nicht selbst zu Worte, sondern es posaunen seine dogmatischen Apologeten wie bei den Fragen von Abtreibung, Homosexuellen- und Frauenrechten ihre Ungebildetheiten und Vorurteile in die Welt. Es geht diesen Leuten wie immer nicht um die Menschen, ihr Leben, ihre Liebe und ihr Leid, es geht ihnen tatsächlich um die Deutungshoheit und Herrschaft über Leben und Tod, um die Lust am Knechten und Geknechtetwerden – also in ihrem religiösen Sinne, um alles – um den Genuss zu herrschen und beherrscht zu werden, ganz gleich, welche menschlichen Konsequenzen das hat. Die Religion rechtfertigt jede Gemeinheit und Grausamkeit, vor allem die Lüge von der Liebe – verrecke, nimm das hin, Gott in seiner Weisheit hat sich was dabei gedacht!

Der katholische Franz Müntefering versteigt sich sogar in seiner Ablehnung des selbst gewählten Todes von Udo Reiter zu solch epochalen Schlichtheiten: „Das Sterben kann gelingen!“ Nun führt er in seinen Abwehrreden gerne den langen Sterbeprozess seiner Frau an, die er in den Tod begleitet hat: Nie sei das Thema Sterbehilfe aufgekommen. Immer wieder erzählt uns Müntefering von der Zuneigung und Liebe zu seiner Frau.

Aber Liebe ist auch ein Instrument der Erpressung: Gott liebt dich, auch wenn du jetzt leiden musst – ein bösartigeres Double-Bind lässt sich nicht denken. Und ebenso führen das Klammern der Angehörigen und ihre Aufopferung bei der Pflege zu einer schrecklichen Verstrickung im leidensverlängernden Double-Bind.

Beerdigungen sind nicht für die Toten, sondern ausschließlich für die Selbstvergewisserung der Lebenden gedacht – sie können sich beruhigen, sie hätten alles richtig gemacht oder ihr schlechtes Gewissen pflegen (was ja auch gut tut). Die wichtigste Bedeutung von Grabprozessionen ist insgeheim die Selbstversicherung, noch am Leben zu sein. Wer eine Beerdigung braucht, um eines Toten zu gedenken, der war ihm nie verbunden.

Absurde und grausame Lust am Leiden

Und so kommt mir Münteferings Beschwörung des gelingenden Todes auch vor – eine Selbstvergewisserung des Überlebenden, zu seiner Zufriedenheit alles getan zu haben, keiner soll ihm nachsagen, dass er für die Verstorbene nicht alles getan habe. Wie oft werden plötzliche Todesfälle mit Sätzen wie diesem kommentiert: ist ja ganz schön und gut, so von einer Sekunde auf die andere zu sterben – aber für die Angehörigen ist das doch schrecklich, die konnten sich womöglich nicht verabschieden. Der selbst gewählte, rasche und schmerzlose Tod ist eine narzisstische Kränkung für die Überlebenden. Sie konnten sich doch nicht selbstgerecht aufopfern für den Maladen.

Wenn der Sterbende leidet und die Angehörigen mit ihm, fühlen sich alle besser, gerechtfertigter, weniger schuldig am Leben, das angeblich ein Gottesgeschenk sein soll und für das man seine Dankbarkeit ruhig durch ein wenig Leiden zeigen kann. Verdammt noch mal, salve venian, was ist das denn für ein dreckiges Geschenk? Und christliche „Aufopferung“ ist mir immer verdächtig, denn sie geschieht nicht um der Leidenden willen, sondern wegen der sogenannten „Gerechtigkeit“ des Herrn, die einen in den Himmel befördern soll.

Diese absurde und grausame Lust am Leiden ist anerzogenes Christentum, das tiefer sitzt, als man denkt, auch wenn man meint, es längst hinter sich gelassen zu haben: nicht ich bin wichtig, nicht mein Schmerz, nicht mein Leiden. Das Herankriechen an den Gottesthron ist wichtig; wichtig ist es, den Sklaventribut darzubieten: Schmerzen, Unterwerfung, das Dreinschicken, um seinen Gott zur Gnade zu versöhnen. Aber Gnade ist kein Geschenk, sondern die pure Willkür des himmlischen Herrschers. Seine Apologeten können genauso grausam sein wie ihr Herr, das bereitet ihnen Vergnügen. Die Geschicktesten verbergen ihre Grausamkeit hinter ihrer Bonhomie. In sanftem Ton, mit liebedienerischer Höflichkeit verbreitet der Lebensschützer Martin Lohmann nicht bloß seine gottesgnadenlosen Ansichten zur sexuellen Selbstbestimmung der Frauen, sondern auch zur Sterbehilfe. Im Deutschlandfunk sonderte er kürzlich das christliche Mantra der Leidensbesoffenheit wieder ab:

„Jeder von uns wird einmal sterben. Ich sage noch einmal: das Leid gehört mit dazu. Wir tun manchmal so in der öffentlichen Darstellung oder Diskussion von Sterbehilfe, als könne man sozusagen die dunkle Seite des Lebens abschaffen. Die ist manchmal tatsächlich sehr dunkel, auch in den letzten Stunden, den letzten Monaten, der letzten Phase des Lebens. Aber ich bin gegen eine Unkultur des Todes und des Tötens und für eine Kultur des Lebens, und deshalb geht es darum, den Menschen nahezutreten.“

Bleiben Sie mir bloß vom Leibe, Herr Lohman, der Sie auf den Knien liegen vor dem Dogma, der Sie sich offenbar noch schlimmere Höllenstrafen ausmalen können für freiwillig aus dem Leben Scheidende (denn Sie glauben ja an die Hölle und den Satan) als das Verrecken, Verfaulen, Vergammeln während einen der Krebs auffrisst oder die Demenz einen zur gammeligen Rübe werden lässt. Der bonhomische Ton, das gute Benehmen, Lohmann zu eigen, können diese Unmenschlichkeit des Dogmatikers nicht wirklich verbergen.

Sie genieren sich nicht, mit Euthanasie zu argumentieren

Der Arzt und Sterbehelfer Uwe Christian Arnold beschreibt in seinem jüngst erschienenen Buch „Letzte Hilfe“ den Fall einer – ich muss es so deutlich sagen, damit es sogar Herr Lohmann kapiert – ausgeweideten Frau. Ihr hatte man ein Organ nach dem anderen aus dem Unterleib entnommen, der nicht mal mehr richtig zu schließen war, so sehr hatte sie der Krebs zerfressen. Ich habe das übrigens bei meiner eigenen Großmutter erlebt (damit mir keine Vorwürfe kommen, ich argumentierte bloß theoretisch), die am Ende wegen des brennenden Lochs zwischen ihren Beinen weder liegen, sitzen noch stehen konnte, nicht schlafen konnte vor Schmerzen und kaum wach bleiben … vor Schmerzen … nicht mehr leben konnte und noch nicht sterben.

Und jetzt, Herr Lohmann, treten Sie einem solchen Menschen nahe und erzählen ihm, er müsse sein Leiden um Gottes willen annehmen! Nein, nicht um Gottes willen, um Ihres Dogmatismus willen! Selbstbestimmung ist für Sterbehilfe-Gegner eine Chimäre, sie behaupten doch tatsächlich, der Wunsch nach Sterbhilfe speise sich aus der Depression des Leidenden …

So argumentieren der Neo-Salonrechte Andreas Krause Landt und sein Co-Autor Axel W. Bauer, Historiker und Medizinethiker in ihrem Anti-Sterbehilfe-Pamphlet „Wir sollen sterben wollen/Todes Helfer“. Sie genieren sich nicht, wie auch die christlichen Lebensschützer, mit dem Schauerbegriff Euthanasie zu argumentieren. Ich muss es doch nicht dem Historiker Bauer sagen, dass die Euthanasie der Nazis keine Hilfe zum selbst gewählten Tod war, sondern ein durch die Regierung angeordneter Massenmord. Ähnlich windige Begriffsklitterungen durchziehen die ganze Streitschrift: der assistierte Suizid Einzelner bedroht angeblich die ganze Gesellschaft, da die Erlaubnis dazu Druck erzeugen könnte auf Moribunde und Lebensmüde oder mit der Regelung der Sterbehilfe würde der Staat das Sterben neu organisieren.

Ganz abscheulich jedoch ist es, wenn die Autoren behaupten, der Wunsch zu sterben sei eben keine freie Wahl, weil er nach Ausführung nicht umkehrbar sei. „Mit dem Suizid nimmt sich der Mensch tatsächlich die Freiheit weg, und zwar für immer“, schreibt Axel W. Bauer; ein absurdes Argument, das Samuel Beckett sicher zu Gelächter gereizt hätte.

Fundamentalismus und Dogmatismus

Mit diesem pseudologischen Trick wird der Sterbewunsch des Einzelnen pathologisiert, nicht ernst genommen und die Souveränität übers eigene Leben zum Teufel geschickt. Wenn auch nicht expressis verbis beziehen sich Landt und Bauer gleichwohl auf das stets herbeigeschwafelte jüdisch-christliche Normenerbe. Sie reichen es in ihrem Buch am Ende nach, ausgerechnet mit dem Essay von Reinhold Schneider „Über den Selbstmord“. Die Schrift entstand 1947, als sich die Suizide in Deutschland angesichts der ungewissen Zukunft nach dem sehr gewissen Schrecken des II. Weltkrieges häuften.

Schneider wurde mir noch in Schulzeiten als hervorragender katholischer Autor (innerer Widerstand, soso) verkauft. Aus diesem Essay aber spricht nicht die Flamboyanz des Widerstandes, er ist eine jammerlappige katholische Kantate der Leidensadoration. Sie läuft wie immer auf ein demütiges Untertanen-Amen hinaus. Man habe das Leben durch Gottes Gnade erhalten und dürfe diese Gabe nicht verschwenden, ja auch ihre dunklen Seiten müsse man hinnehmen und sich Gottes unerfindlichem Willen unterwerfen.

Ausgerechnet Shakespeare ruft sich Schneider zum Kronzeugen – und verkennt dabei, dass der Barde vom Avon Dutzende Helden-Selbstmorde grandios gestaltet hat. Allerdings, was die Brutalität der erfundenen Götter angeht, zitiert ihn Schneider aus dem Lear treffsicher:

Was Fliegen sind
den müß’gen Knaben, das sind wir den Göttern;
Sie töten uns zum Spaß.

Aber keine Bange, der katholische Dichter macht gleich wieder seinen Kotau vor dem Lieben Gott mit einem weiteren falsch verstandenen Lear-Zitat:

Dulden muss der Mensch
Sein Scheiden aus der Welt, wie seine Ankunft.
Reif sein ist alles.

Nach diesem Zitat versteigt sich Schneider zu der katholischen Ungeheuerlichkeit: „Der Selbstmörder ist nicht reif, sein Ende nicht der ihm aufgetragene Tod, der sein Leben versöhnen soll!“ Womit wir wieder in die numinosen Schwulstgefilde des Herrn Kissler eintauchen. Es zeigt sich ganz deutlich: Der Widerstand gegen die Hilfe beim Sterben, des freiwillig gewählten Ausgangs aus dem Leben, ist gänzlich durch christlichen Fundamentalismus und Dogmatismus geprägt. Diesen Fundamentalisten schreibt allerdings keiner vor, das, was sie so bösartig Selbstmord nennen, zu begehen. Der Begriff „Selbstmord“ ist ja eine Erfindung des Christentums. Der Einfluss des Christentums auf die weltliche Gesetzgebung war so groß, dass die Leichen der „Selbstmörder“ zur Strafe und zur höheren Ehre Gottes erniedrigt, gefoltert und erhängt wurden. Bis ins 19. Jahrhundert war die Selbsttötung in vielen Staaten mit Strafen belegt und bis ins 20. gab es keinen Platz für Selbstmörder auf christlichen Friedhöfen.

Eine abgeschwächte Form dieser juristischen Verurteilung ist die Verurteilung der Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden, als Schwächlinge. Aber dahinter steckt ja auch nichts anderes als der Zwang: Du musst dein Leiden akzeptieren. Martin Lohmann besteht ja immer noch darauf – Nein, Allerwertester, das muss keiner! Vor allem nicht, weil Sie und Konsorten es wollen!

Ich möchte vorher die Reißleine ziehen

Und dann flöten die Gegner der Sterbehilfe, es gäbe ja die Palliativmedizin und Hospize; es müsse keiner leiden. Eine fromme Lüge: Ich habe dazu bereits Uwe Christian Arnold erwähnt, der in seinem Buch Fälle beschreibt, in denen Schmerzmittel nicht helfen. Mein eigener Vater hat die letzten zwei Wochen seines Lebens an Schläuchen hängend nur noch in völliger Morphinumnachtung durchstehen können, dabei hat er wohl noch Glück gehabt – andere dämmern länger vor sich hin. Sie sind am Leben, aber ohne Sinn und Verstand.

Die meisten, die sich einen selbst bestimmten Tod wünschen, fürchten nicht einmal so sehr die Schmerzen, sondern eben dieses Vegetieren ohne Sinn und Verstand. Kaum etwas Grausigeres lässt sich vorstellen als nach und nach in die Demenz abzugleiten. Oder schlicht als harmloser Zombie gewaschen, gewickelt, gefüttert zu werden.

Kein Wort gegen die tapferen Pfleger und Pflegerinnen … sie leisten kaum bezahlbare Arbeit und stecken Enthusiasmus und Mitgefühl hinein.

Ich selbst aber möchte nicht wie ein Kindergartenkind mit Bewegungsübungen zum Xylofon traktiert, mit Breichen wie ein Baby gefüttert werden und von noch so liebevollen Betreuern den Hintern abgewischt und die Windel gewechselt bekommen, wenn keine Besserung in Aussicht ist. So wie ich möchten die meisten Menschen lange vorher die Reißleine ziehen.

Gunter Sachs hat es mit großem Mut getan – und wird dafür von Axel W. Bauer geschmäht, er habe ja noch nicht einmal die Diagnose Alzheimer abgewartet. Aber für den 79-Jährigen war das Leben mit dieser Aussicht zwischen Speichel, Urin und Scheiße liebenswert behandelt zu werden, nicht zu ertragen. Im Alter, so scherzte Frank Müntefering jüngst in einer Jauch-Sendung, ließen ja ohnehin viele Dinge nach und die meisten Menschen akzeptierten dies. Aber für jeden gibt es eine Grenze dieser Akzeptanz.

Respektiert das endlich! Die Menschen wollen IHREN Tod sterben, zumal es ihnen nur selten gelingt, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollten! Zwingt sie nicht zu der Erbärmlichkeit der christlichen Gleichmacherei auch im Tod, zur verlogenen Illusion des friedlichen Dahinscheidens in weißen Laken.

Religion soll Herrschaft legitimieren

In Tomasi di Lampedusas grandiosem Roman „Der Leopard“, der vom Sterben einer ganzen Klasse berichtet, zieht sich der Protagonist, der Fürst von Salina, auf einem Ball zum Ausruhen in die Bibliothek der Gastgeber zurück:

Er begann ein Gemälde zu betrachten, das ihm gegenüber hing, eine gute Kopie vom „Tod des Gerechten“ von Greuze: der ehrwürdige Alte lag in seinem Bett, in den letzten Zügen. Zwischen aufgetürmten Kissen, die Wäsche war äußerst sauber; er war umgeben von den betrübten Enkeln und von Enkelinnen, die die Arme zur Decke hoben. Die Mädchen waren voll Anmut, etwas keck, die Unordnung in ihren Kleidern ließ eher Zügellosigkeit vermuten als Schmerz: man merkte sogleich, sie waren auf dem Gemälde die Hauptsache. (…)

Der Fürst von Salina durchschaut die Scheinheiligkeit des Bildes und fragt sich …

… ob sein Tod jenem ähnlich sein würde – wahrscheinlich ja, davon abgesehen, dass die Wäsche weniger untadelig sein würde (er wusste, die Laken Sterbender sind immer schmutzig, da gibt es Speichel, Entleerungen, Flecke von Medizinen) und es war zu hoffen, dass seine Töchter und die anderen anständiger gekleidet sein würden. Wie immer stimmte ihn die Betrachtung seines eigenen Todes ebenso gleichmütig wie ihn die vom Tode der anderen trübe stimmte; vielleicht weil am Ende sein Tod in erster Linie den einer ganzen Welt bedeuten würde.

Der Fürst von Salina, ein privatgelehrter Astronom, der die Ungeheuerlichkeit des Kosmos der Kleinlichkeit des Christentums vorzieht, weiß Bescheid. Da wartet nichts im Jenseits auf ihn. Es gibt vorher nur dieses eine Leben. Wenn er stirbt, stirbt SEINE Welt.

Die fanatischen Lebensschützer wollen uns vormachen, unsere Entstehung, unser Leben und unser Tod gehörten nicht uns – sondern ihrem Gott, der tatsächlich ihren autoritären und gleichzeitig devoten Beherrschungsfantasien entsprungen ist – und Religionen sind einzig erfunden worden, um diesen Wunsch nach Herrschaft zu legitimieren. Dem müssen wir uns entgegenstellen. Das Leben ist schon kaum selbst bestimmt zu leben. Und den eigenen Tod wollen sie uns auch noch wegnehmen.

Kämpfe gegen die Aufklärung

Ich möchte nicht zwischen beschmierten Laken sterben, sediert vom Morphium oder mit Volksliedern animiert bei der Demenzanimation vor mich hindämmern und danach gefüttert und gewickelt werden im Pflegeheim. Ich will auch nicht am Tropf hängend oder mit der Morphiumpumpe unter die Haut operiert im Bett liegen, während beflissene Hospizschwestern die Bettpfanne wegbringen, ein Kerzchen anzünden und im Nebenraum auch einer stirbt.

Was sagt Mina Harker, nachdem sie ein gewisser Graf D. zum ersten Mal gebissen und geküsst hat, während die gottesfürchtigen Feinde des Libertins den Salon stürmen? „Schaff mich fort von all dem Tod!“

Als Stan Laurel im Sterben lag, sagte er seiner Krankenschwester: „Ich würde jetzt gerne Skifahren gehen!“ „Können Sie denn Skifahren, Mr. Laurel?“, fragte die Schwester. „Nein, das nicht“, antwortete Laurel, „aber alles wäre besser als zu sterben!“

Mit diesem Seufzer im Ohr stelle ich mir vor, wie ich sterben möchte: am liebsten säße ich auf einer Bank hoch oben über Davos und blickte übers Tal oder auf einer Düne an der Nordsee oder noch besser auf den Zinnen von Schloß Sterling und schaute dem Sonnenaufgang über den Highlands zu mit einem Mittel in der Tasche, das mir Gewissheit verschafft. Aber dazu muss ich noch selbst dahin laufen können, ich will nicht abwarten, bis es nicht mehr geht.

Wenn schon Schluss sein muss, dann sollen mir die Christen wie Lohmann, Kissler, Müntefering und all die anderen mit ihrer schleimigen Selbstgerechtigkeit und Sklavenmentalität gerade im Tode vom Halse bleiben. Aber sie können’s nicht sein lassen, alle mit den Krakententakeln ihrer giftigen Liebe zu umarmen. Mit markerschütterndem Schrecken vernahm ich die Aufforderung von Kardinal Marx: Bringt uns eure Sterbenden! –Das klang wie Gier nach Menschenfleisch!

Die Kämpfe der Frommen gegen Homosexuelle, gegen Frauenrechte gegen Abtreibung und jetzt gegen Sterbehilfe sind Kämpfe gegen die Aufklärung und gegen die Menschen, aber für den Gottesstaat, sind ein erneutes Aufbäumen der Gläubigen gegen Selbstbestimmung und Freiheit, denn sie haben Lust am Leiden, an der Unterjochung als Liebediener ihres Himmelsdiktators. Vorzivilisierte Phantasmen sind ihnen wichtiger als das gegenwärtige Gegenüber. Wie das religiös beherrschte Leben und das Sterben im Namen Gottes aussehen wird, das können wir mit Schrecken zurzeit im Gottesstaat des IS-Kalifates erfahren.

Haltet euch aus den Leben raus

Das Leben ist der Güter höchstes wirklich nicht – aber das selbst bestimmte Leben. Wir können uns nicht aussuchen, wie wir ins Leben kommen – aber, wie wir es wieder verlassen. Und das dürfen wir uns nicht von autoritären Jenseitsaposteln streitig machen lassen. Wir haben nur das eine Leben et rien d´ autre – und das soll so gut wie möglich sein! Jawohl, wenn wir leiden vermeiden können, dann soll das geschehen, das nehmen wir uns heraus, Herr Lohmann! Wir wollen nicht um das Himmelreich leiden.

Es ist Ihr Himmelreich, nicht meines, da will ich nicht hin – und viele andere auch nicht! Die Menschen wollen viel lieber in den Sielen sterben als im Bett, in den Stiefeln, auf der Bühne, wo auch immer sie sich wohlgefühlt haben. Deshalb muss Sterbehilfe sogar noch mehr sein als das Verabreichen von Mitteln im Hinterzimmer. Da bin ich radikal: Die Menschen sollen sterben dürfen wann und wie sie wollen und wo sie sich dazu bereit fühlen. Das würde übrigens den Tod auch nicht mehr ins Abseits der Moribunden-Zimmer oder der Hospize verdrängen.

Und deshalb haltet Euch aus unserem Leben heraus, Ihr Lebensschützer und aus unserem Sterben. Zu sterben wie man will, ist ein Menschenrecht! Aber die Menschenrechte habt ihr ja schon immer bekämpft.

Anmerkung!

Zum Titel. Ich weiß, dass das Schiller-Zitat aus der „Braut von Messina“ vollständig lautet: „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Der Chor spricht es, nach dem Selbstmord des Protagonisten. Das christliche Verständnis von Schuld und Sühne liegt dem Vers keineswegs zugrunde. Schiller bezieht sich auf ein Zitat von Cicero: „Nec esse ullum magnum malum praeter culpam“. Darin geht es um Verantwortung und dass der Verlust des Lebens gerechtfertigt sein kann, wenn man anderweitig Schuld auf sich geladen hat. Die Schuld, Leiden nicht vermieden, bewusst verursacht oder verlängert zu haben.

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