Wir unterschätzen die Macht der Mode. Joachim Schirrmacher

Liebet den Zellklumpen!

Folter oder Lebensschutz? Bischof Andreas Laun kritisiert Amnesty International für deren Einsatz pro Abtreibung. Der Organisation geht es aber um das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung. Wolfgang Brosche antwortet dem „Lebensschützer“ und Moraltheologe aus Salzburg – mit österreichischen Einsprengseln!

Mir steigt die Grausbirn auf. Er hat es doch wieder getan, der Zwischenrufer aus Österreich. Eigentlich hatte ich gehofft, er hätt’ kaa Lust mehr daran, sich abzugfretten, weil er so lang staad war. Aber er strudlt sich doch wieder an auf seinem Hausportal kath.net und betreibt sein katholisches G’schäft des Aufganserlns mit Halbwahrheiten und Denunziationen, dass es a Freid ist! Und dabei so ausgeschamt, dass man’s ihm diesmal nicht durchgehen lassen darf.

Naa, allerwertester Weihbischof Laun, jetzt nehm ich mir Ihren Baaz über Amnesty International doch einmal vor, um ihn recht ordentlich zu faschieren!

Da behaupten Sie doch tatsächlich, Amnesty fordere ein Recht auf Abtreibung! Das ist natürlich nicht wahr! Amnesty hat sich zu Wort gemeldet zum menschenverachtenden Abtreibungsgesetz in Irland. Obwohl die Iren sich jüngst als Humanisten erwiesen haben, als sie in ihrem Referendum für die Ehe für alle stimmten, sieht es mit der Menschlichkeit in Sachen Abtreibung ganz anders aus. Der 2014 in Kraft getretene „Protection of Life during Pregnancy Act“ erlaubt zwar Schwangerschaftsabbrüche, aber nur, wenn das Leben der Frau akut gefährdet ist, bei Krankheit oder weil sich die Frau etwas antun könnte. Selbst wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist, wird ein Abbruch nicht erlaubt.

„In einzelnen Fällen mit Folter gleichzusetzen“

Erschreckend der Fall einer Frau, der ein Abbruch verweigert wurde, obwohl das Kind bereits verstorben war. Sie musste nach Spanien reisen, um die unerträgliche Situation zu beenden.

Sara Fremberg von Amnesty International Deutschland erklärte zu Recht:

„Bereits die Tatsache, dass man Frauen und Mädchen in kritischem Gesundheitszustand keine andere Wahl lässt, als das Land zu verlassen, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, ist nicht nur diskriminierend, sondern unverantwortlich und in einzelnen Fällen mit Folter gleichzusetzen.“

In einem anderen Fall wurde eine vergewaltigte Frau gezwungen, das Kind auszutragen, obwohl es für sie psychisch unmöglich war. Als sie mit Suizid und Hungerstreik drohte, erwog man sogar die Zwangsernährung. Die erzwungene Schwangerschaft endete mit Kaiserschnitt.

Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet auch reproduktive Selbstbestimmung

Angesichts dieser dramatischen Fälle – eben keine Einzelfälle, sondern die Regel, die täglich rund zehn Frauen zwingt, sofern sie es sich leisten können, zur Abtreibung ins Ausland zu reisen – fordert Amnesty International nichts Neues: die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung der Frauen, das heißt auch den freien Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibung. Daraus macht nun seine Exzellenz Laun die Forderung nach einem Recht auf Abtreibung.

Es ist für ihn eigentlich ein altes Glumpert. Das Lebensschützerkreuz trägt er seit je vor sich her. Nebenbei reitet er in seinem Artikel auf kath.net sein anderes Hobbyhorse, er schießt Breitseiten auf Schwule und die Genderforschung, die er mit dem Thema „Abtreibung“ immer wieder gerne durcheinanderwirft.

Empörung aber muss auslösen, was er sich zu den Wurzeln von Amnesty International verwoardaglt: da der Gründer Peter Benenson, wie Laun mit nicht verhohlener Freude betont, ein konvertierter Jude war, der wohl zum „rechten Glauben gefunden hatte“ – welcher rechte Glaube? Ach Purschn, das Katholische natürlich – da also dieser Gründer, ein Glaubensbruder war, meint Laun, auch Amnesty basiere auf der Abscheulichkeit des „Naturrechtes“. Und damit auf der ebenso abscheulichen katholischen Überheblichkeit, zu fordern, alle Menschen müssten sich seinem und dem Willen seines Gottes unterwerfen. Dass Amnesty aber ein Produkt der Menschenrechtsbewegung in der Nachkriegszeit war, interessiert den Weihbischof net a Fisol!

Unterwerfung unter den Gottesbefehl ist Freiheit genug

Laun hat ja schon des Öfteren bewiesen, dass Menschenrechte ihn nicht interessieren, sondern nur Gottesbefehle, denen man sich zu unterwerfen habe – das ist dann die Freiheit des Christenmenschen!

Ein Leser des Artikels auf kath.net formuliert, was sich Laun und andere Lebensschützer so noch nicht öffentlich zu sagen trauen und kommentiert die Forderungen von Amnesty so:

„Dahinter steckt doch der Wunsch nach Freiheit. Selbstbestimmung. Und deshalb ist das gegen die Schöpfung, in der wir ja eingebettet sind. Keiner hat sich selber gemacht.“

Ein anderer Kommentator vollendet dies mit den Worten: „Amnesty International mit all ihren (sic!) internationalen Ablegern hat sich dem Satan unterworfen!“

Damit wären wir wieder da angekommen, wohin sich die Lebensschützer wie Weihbischof Laun zurücksehen: ins Mittelalter, in dem man kurzerhand alles, was einem nicht passt, als teuflisch und dämonisch erklärte und dann leichten Herzens Scheiterhaufen aufrichten konnte … vorm Brennen müssen die schwangeren Flitscherl natürlich erst ordentlich im Namen Gottes gebären.

Übrigens sieht Laun ja auch schon des Öfteren den Teufel in Gestalt der internationalen Homolobby sein übles Werk verrichten.

So – das dazu!

Staatliche Gebärmaschinen oder liebende Mütter?

Jetzt noch mal eine Lektion für den Gschaftlhuber Laun und, damit ich ihn nicht vergess, auch für den deutschen Führer der Lebensschützer, Martin Lohmann, der einmal unter Winden und Wehen in einer „Hart aber Fair“-Sendung, gestand, auch nach einer Vergewaltigung würde er seine Tochter dazu anhalten, das entstehende Kind auszutragen.

Ihr hoabt’s an Hieb ihr Lebensschützer! Hört endlich auf mit dem Naturrecht und vor allem mit dem Glumpert von der allumfassenden Liebe. Erstens sind die paar zygotischen Zellklumpen nach der Zeugung eben noch längst kein Mensch mit Gefühlen. Aber zweitens ist die schwangere Frau ein Mensch mit Gefühlen. Und nicht jede will und kann unter allen Umständen Mutter werden. Ihre Körper gehören weder dem christlichen Gott noch ihren Männern oder Vätern noch dem Staat, der aus ihnen, wie in Irland, Gebärmaschinen macht. Er gehört nur ihnen selbst. Was in diesem Körper geschieht, das sollen sie selbst bestimmen und um das zu ermöglichen, sind nun mal Verhütungsmittel und Abtreibung nötig.

Die geistig-kitschige Verkleisterung des mythisch aufgeladenen Mutterseins – ich hör schon die Naturrechtsdeppen sempern, es sei die vornehmste Aufgabe der Frau in ihrer Vagina für die nächste Generation zu sorgen – die Anbeter der heiligen Mutterschaft und der kostbaren Liebfrauenmilch, sie können sich nicht vorstellen, dass das, was in einer Frau heranwächst, auch als Fremdkörper wahrgenommen wird, als Gewächs also, das dem eigenen Leben Widerstand entgegenbringt. Das dürfen aber Frauen nicht sagen, dass sie lieber ihr eigenes Leben leben wollen, dass ein zukünftiges Kind keinen Platz in ihrem Leben hat oder eben jetzt noch keinen Platz.

Ein ungewolltes Kind kann zum Stalker werden

Dann kommen die Heuchler der Mutterliebe aus dem Gebüsch, eines erstunkenen und erlogenen Programms, das Frauen und später Müttern ein schlechtes Gewissen einredet, wenn sie ihre Kinder nicht lieben können. Eine ungewollte Schwangerschaft ist wie eine Zwangsehe, das Kind ist ein Stalker, und man verlangt bedingungslose Liebe von den Frauen und behauptet, das sei natürlich. Als ob man je Liebe verlangen könnte oder Mütterlichkeit dekretieren!

Was aber geschieht mit diesen Zygoten, die zu Kindern werden müssen, zu ungeliebten Kindern? Sie bleiben auf ewig ungeliebte Kinder. Der wunderbar deutliche Andreas Altmann hat in seinem entlarvenden Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißkindheit …“ über sein Aufwachsen in Altötting, dem Liebeslügen- und Devotionalienort, mit schmerzender Genauigkeit beschrieben, wie das Leben eines ungeliebten Kindes aussieht. Seine Eltern, ehemals ungeliebte Kinder, infizieren ihren Sohn mit der Nichtliebe … er findet erst nach Jahrzehnten einen Stand im Leben, der aber immer wieder gefährdet ist und bedroht.

Dafür werde ich jetzt standrechtlich von den Lebensschützern – Lebensschützern, hehe! – erschossen: Es ist wirklich besser, sag ich mit grimmiger Entschlossenheit, wenn nicht gewollte Zygoten – und wer liebt einen Zellklumpen? – nicht geboren werden. Was geliebt wird, sind die eigenen Fantasien. Was nicht geliebt wird, ist das Kind, das daraus entsteht! Das Leben dieser Kinder ist immer ein Leiden am Ungeliebtsein. Es kann nicht gelingen! Sie tragen es als unverdienten Makel immer mit sich!

Das Gottesprinzip ist wichtiger als die menschliche Realität

Kein Spruch von der Liebe Gottes kann diese Zuwendung der Eltern ersetzen. Und es sind ja auch nur fromme Sprüche. Und dass mir jetzt ja nicht auf die Frauen eingehackt wird, die so mutig und ehrlich sind, zu sagen, sie wollten keine Kinder! Die haben nämlich wirklich Respekt vor dem Leben und ihren zukünftigen Kindern. Die wollen ihnen kein hingewurschteltes Leben überstülpen! Die Möglichkeit zur Verhütung und Abtreibung dient der Vermeidung des Unglücklichseins. Aber so etwas ist bei den Lebensschützern nicht vorgesehen. Das Gottesprinzip ist wichtiger als die menschliche Realität.

Um auf meinen lieben Spezl Andreas Laun zurückzukommen mit seinen Stompanadeln übers Zwangssystem des Naturrechtes und seinen endlosen Phillipiken über Abtreibung, Homosexuelle und allgemeine Sittenlosigkeit – und das ebensolche Zwangssystem der göttlichen Liebe und der christlichen Pflicht zur Liebe …

Auf Liebe kann man niemanden verpflichten –_ it’s a chemical reaction, that’s all_, die schwebt nicht im Kosmos herum, da hilft auch kein Kindchenschema und schon gar nicht ein kindlicher Gottesglaube. Was ist denn das für eine Liebe Gottes, der einem die „Freiheit“ lässt, sie anzunehmen, aber bei Zuwiderhandlung den Menschen in den Orkus verbannt, wo er als Toter noch schlimmer gefoltert wird, als es im Leben möglich wäre. Und zu allem Hohn dürfen die Gerechten vom Balkon des Himmels hinabschauen und sich an den Folterungen erfreuen. Na, dös, mein liaba Weihbischof, is a abscheuliche Hetz. Die Liebe Gottes ist so windig wie die Kredite im Pfandl.

Sie kämpfen für den Willen des totalitären Himmelsherrschers!

Und so wäre es auch mit der Liebe, die man einem erzwungen ausgebrüteten Kind entgegenbringt. Es zahlt mit seinem Leben die Zinsen und die Zeche.

Also, lassen’s Räsonnieren gegen den Wunsch der Frauen (und auch Männer) für eine selbstbestimmte Sexualität und die Entscheidung, Kinder zu kriegen, wann sie wollen. Ich weiß, Sie werden’s Predigen nicht lassen, denn Sie kämpfen, allerwertester Andreas Laun, für den Willen des totalitären Himmelsherrschers, der Ihnen so recht gefällt, weil Sie damit Menschen ausgrenzen und ihnen ein schlechtes Gewissen einreden können, damit sie sich wieder recht einfügen ins System der einzig wahren Kirche. Aber Sie bekämpfen die Freiheit der Menschen, die da nicht mehr hinwollen ins Glaubensreich der Willkür.

Aber net um die Burg werd ich mich da dreinschicken! Es gibt Contra von mir! Und hoffentlich von immer mehr Frauen ebenso!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Wolfgang Brosche: Christliche Horror-Pornos

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