Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Bevormundung und Arroganz

Das westliche Misstrauen gegenüber dem politischen Islam hat zur Radikalisierung im Nahen Osten beigetragen. Der jetzige Umbruch ist eine Chance für einen Neuanfang – besonders, wenn Regierungen demokratisch legitimiert sind.

War der Arabische Frühling nur eine Legende? Werden den gestürzten Diktatoren in Tunesien, Libyen oder Ägypten nun die Islamisten folgen und neue Schreckensherrschaften errichten, bei denen Minderheiten wie Christen, kritische Intellektuelle oder Gruppen wie Frauen oder Unfromme unterdrückt werden? Muss Israel fürchten, dass die mühsam bewahrte Stabilität der Beziehungen zu Ägypten verloren geht, wenn der 1979 geschlossene Friede von Camp David von Kairo gekündigt wird?

Boykott und Verteufelung als Triebkräfte

Schwierige Fragen, auf die simple Antworten nicht möglich sind. Aber der Sturz der Diktatoren durch die Erhebung der arabischen Völker ist Wirklichkeit. Freilich wäre es naiv, zu glauben, ihm müsste die lupenreine Demokratie nach westlichem Wertekanon unmittelbar folgen. Wie lang war denn der Weg in Deutschland vom Obrigkeitsstaat zur Demokratie?

Dem Sturz Mubaraks folgte patriotischer Jubel, in den der Westen einstimmte. Aber es war doch auch der Westen gewesen, der ihn unterstützt hatte, weil er Islamisten einkerkerte! Dass Islamisten jetzt, nach der Niederlage des Regimes, das sie verfolgte und zu Märtyrern machte, zur Macht streben, dass sie schon deshalb populär sind, weil man sie im Westen fürchtet und stigmatisiert, ist kein Wunder. Boykott und Verteufelung waren Triebkräfte ihres Erfolgs.

Terror unter Missbrauch des Namens Allah ist und bleibt kriminell, das steht nicht zur Diskussion. Aber damit ist nicht der politische Islam insgesamt und von vornherein zu verdammen. Wie viel haben wohl angstgesteuerte Eiferer in Europa und USA, die den Islam pauschal diffamieren, zur Radikalisierung der Islamisten beigetragen? Das neue Selbstbewusstsein der Ägypter reagiert auf Bevormundung nicht weniger empfindlich als auf westliche Arroganz. Der Tod ägyptischer Polizisten bei einem Grenzzwischenfall, die Verweigerung einer angemessenen Geste der Entschuldigung durch die israelische Regierung war Anlass für den Sturm auf die Botschaft in Kairo. Das traurige Ereignis zeigt, wie leicht sich durch Parolen gefährlicher Mob stimulieren lässt.

Die israelische Reaktion auf den barbarischen Akt war bewundernswert moderat, aber sie wird den tief sitzenden und verbreiteten Hass gegen Juden und den jüdischen Staat nicht lindern. Denn zu viele verbreiten, auch unter dem Mantel von Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, mit Verschwörungstheorien und absurden Feindbildern Ressentiments gegen „die Juden“. Die Medien sorgen mit Eifer für Resonanz und Nachhaltigkeit. Dass Taxifahrer in Kairo mit dem Fahrgast über die „Protokolle der Weisen von Zion“ diskutieren und zutiefst überzeugt sind, dass Juden, verkörpert durch Israel, Feinde schlechthin sind, ist eine Tatsache. Dass den Juden Stellvertreterfunktionen zugeschoben werden, ist jedoch eine Erkenntnis, die hilfreich wäre, wenn sie akzeptiert würde. Aus ähnlichem Grund sind die Kopten als Minderheit in Ägypten in Bedrängnis. Sie müssen die Rolle des inneren Feindes spielen, nicht weil sie Christen sind, sondern weil Minderheiten dann in Anspruch genommen werden, wenn die Mehrheit „Andere“, „Fremde“ als Schuldige braucht.

Mit dem Islam arrangieren

Es ist falsch, politische Probleme auf die Religion (und deren Missbrauch) zu reduzieren. Der Westen wird sich mit dem politischen Islam arrangieren müssen, wenn er, wie in Tunesien durch einwandfreie Wahl legitimiert, als bestimmende Kraft auftritt. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass seine Radikalisierung vermieden wird.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    o-nyoo – 03.11.2011 - 10:01

    “[…]Dass den Juden Stellvertreterfunktionen zugeschoben werden, ist jedoch eine Erkenntnis, die hilfreich wäre, wenn sie akzeptiert würde.[…]”
    Wenn sie akzeptiert würde? Der Winter wäre warm wenn er nicht kalt wäre? Ist eine nicht akzeptierte Erkenntnis überhaupt noch eine Erkenntnis? … Sie “erkennen” mein Problem mit Ihrer Formulierung – sie sagt nichts.

    Und die Sache mit den Kopten. Ich denke da pressen Sie etwas in den Rahmen ihrer Theorie, die da so eben nicht hinein passt.
    “[…]Aus ähnlichem Grund sind die Kopten als Minderheit in Ägypten in Bedrängnis. Sie müssen die Rolle des inneren Feindes spielen, nicht weil sie Christen sind, sondern weil Minderheiten dann in Anspruch genommen werden, wenn die Mehrheit „Andere“, „Fremde“ als Schuldige braucht.[…]”
    Wenn Sie hier tatsächlich von der Religion abstrahieren möchten, löst sich gerade an diesem Beispiel ihr Ansatz. Die Kopten sind eben nur dann “Andere” oder “Fremde”, wenn man Sie als Christen sieht … ohne das sind sie einfach nur Ägypter.

    Aufrgund solcher argumentativer “Holprigkeiten” fällt es schwer den Rest Ihrer Argumentation anzunehmen. Es fällt mir schwer die “angstgesteuerten Eiferer” in Europa als Ursprung der Radikalisierung der “Islamisten” in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, oder den arabischen Ländern am Mittelmeer zu sehen. Vielleicht liegen die Gründe dafür doch näher bei den Menschen und ihrem Alltag – bzw. den Dingen die in diesem eine Rolle spielen (Gesellschafts-Struktur, Religion, Traditionen und daraus abgeleitete Werte und Normen)

    Und wie soll man bei der Betrachtung des “politischen” Islam die Religion aussen vor lassen? Ich stimme Ihnen zu, dass man die Problem-Analyse nicht ausschließlich auf die Religion engführen sollte. Aber diese, wie es bei Ihnen anklingt, gar nicht einzubeziehen ist meiner Ansicht nach fahrlässig. Einen Diskurs über Minderheiten-Mehrheiten-Sündenbock-Mechanismen ist vielleicht reizvoll, weil ob des Abstraktionsgrades ein allgemeineres Modell und damit scheinbar für mehr Erkenntnis-Bereiche anwendbar … aber unter Umständen liefert es eben dadruch überhaupt keinen Erkenntnisgewinn mehr …
    …. die Feststellung man werde sich “arrangieren müssen”.

    Freundlichst.

  • Theeuropean-placeholder
    Karl Heger – 18.11.2011 - 09:10

    Es wirkt doch ziemlich abstrus, was Benz hier zusammel phantasiert. In seiner Logik sind die Opfer von Hassverbrechen in den USA an den Verbrechen selber schuld, genauso wie Frauen an ihrer Vergewaltigung und in letzter Konsequenz auch die Juden Europas für ihre Vernichtung.
    Mich überrascht, dass ein eigentlich renomierter Wissenschaftler genau der selben Tendenz verfällt wie Truppenteil des politischen Spektrums die sich am weitesten von der Mitte entferten.

    Natürlich sind die Europäer Schuld. Sie reden von Freiheit, versuchen sich an liberalen Prinzipien … da kann man schon verstehen, dass das einem pakistanischen “Freiheitskämpfer/Aufständischen” in seiner Höle stinkt und er deswegen ein paar Nutten, Homos und Juden wegsprengen muss.
    Ehrlich gesagt kotzt mich dieser durchgehende Entschuldigungsgestus an (europäische Eiferer – also bitte ! Wer soll das sein? Broder, Westerwelle oder Sarkozy? Karikaturenzeichner oder Theo van Gogh – WER?) . Anstatt die Freiheit und ihre Prinzipien zu verteidigen, entschuldigen sich diese Leute. Peinlich für die Wissenschaft. Aber in erster Linie Peinlich für Leute wie Benz, die sich in ihrem Mitfühl-Programm so vollkommen verrant haben.
    Es geht nicht um Empathie mit den Tätern Herr Benz.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan – 02.02.2012 - 19:50

    Der Westen wird sich mit dem politischen Islam arrangieren müssen… …in der Hoffnung, dass seine Radikalisierung vermieden wird.

    Chamberlain, München ’38, Nonsense.

    Wie wäre es damit:

    Der politische Islam muss seine (eigene) Radikalisierung vermeiden, wenn er vom Westen akzeptiert werden will?

Aus der Debatte

Nach dem Arabischen Frühling

Unwort Naher Osten

Photocase8797428153334861

Der geografische Begriff des Nahen Ostens ist unscharf – je nach Interessenlage bezeichnet er eine andere Region. Jetzt wäre die Zeit, ihn über Bord zu werfen.

Sahar_el_nadi
von Sahar el-Nadi
18.03.2012

Israels Iranpolitik

139794418 16

Israels Hysterie um die eigene Existenz ist wenig glaubhaft – sollte dem Land etwas an der Lösung der Konflikte liegen, müsste es zunächst die Palästinenserfrage klären.

Zimmermann2
von Moshe Zimmermann
28.02.2012

Das post-revolutionäre Tunesien

108242135

Die junge demokratische Bewegung in Tunesien tut sich schwer. Nach der Revolution ist von konstruktiver politischer Partizipation nur wenig zu sehen. Auch wenn sich die Wirtschaft erholt, bleibt das Land fragil.

Ghassan_abid
von Ghassan Abid
02.02.2012

Mehr zum Thema: Aegypten, Arabischer-fruehling, Aussenpolitik

Kolumne

Sailer
von Matthias Sailer
23.05.2012

Kolumne

Sailer
von Matthias Sailer
16.05.2012

Kolumne

Sailer
von Matthias Sailer
09.05.2012
meistgelesen / meistkommentiert