Ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht blöder. Guido Westerwelle

Das Spiel mit dem Herzen

Pilsette oder Stößchen – wie viel Fan steckt noch im Fußball?

Heute ein Bekenntnis. Ich war noch nie in einem Fußball-Stadion. Das nimmt mir natürlich jedes Recht auf eine Kolumne zur Frage, ob der Kommerz dem echten Fan-Fußball nicht langsam endgültig die Luft abdreht. Wie man besonders vor der perfekt durchvermarkteten EM deutlich vorgeführt bekommt.

Dennoch kommt man beim Partygespräch ja nicht drumrum, sich Fußball anhören zu müssen. Denn erstens kennen sich die Beteiligten aus, und zweitens können alle mitreden und drittens reden auch diejenigen mit, die sich gar nicht auskennen. Viertens dann die unselige Gruppe, zu der ich gehöre: keine Ahnung, aber bei der WM dann „Tor!“ schreien. Ich weiß.

Mit Bolzplatz hat das nichts mehr zu tun

Ich versuch’s deshalb mal so zu sehen wie im Show-Geschäft. Denn so werden die großen Spieler ja von vielen auch gefeiert. Von dieser Außenposition gesehen ist mein Eindruck folgender: Es ist ein Unterhaltungsgeschäft.

Das erkennt man nicht zuletzt daran, wie die Bundesliga-Rechte vermarktet werden und was sie kosten. Natürlich geht es in der Unterhaltung um Strahlkraft und Stars. Die sind bestenfalls international, und so ist der Fußball längst ein globales Business. Mit Bolzplatz hat das nichts mehr zu tun. Außer, wenn Spieler aus Slums zu Stars werden: dann gibt das eine schöne PR-Geschichte und perfekte Bedingungen für sympathisches Sponsoring.

Es ist auch nutzlos, das zu beklagen, solange die Fußballkneipen und Stadien voll, die Fernsehabos beliebt und die Klebebildchen auf den Schulhöfen enorm wertvoll sind.

Die Extreme werden größer

Ein Tor, wer der Unterhaltung die Unterhaltung vorwirft. (Wortspiel!) McKinsey hat 2010 ausgerechnet, dass mehr als fünf Milliarden Euro Wertschöpfung aus dem deutschen Profifußball entstehen, und dass davon 1,5 Milliarden Euro als Steuern und Abgaben in den Fiskus wandern.

So können sich die Fans aufregen, dass der Kommerz immer weniger Platz lässt für einen bodenständigen Sport. Und die Polizei kann sich darüber aufregen, dass die Spiele der zweiten Liga gerne Austragungsort für die wöchentliche Portion Testosteron-Randale bieten. Es ist wie überall: Die Extreme werden größer.

Klar ist es für Nürnberger und Fußballfans schwer auszuhalten, dass das Frankenstadion inzwischen easyCredit-Stadion heißt. Doch keine Sorge. Mit etwas Glück heißt das Berliner Olympiastadion irgendwann 1-2-3-eBay-Welt, die Alte Försterei die Beate-Uhse-Spielwiese und wenn sich die Allianz genügend an der Finanzkrise kaputtgezockt hat, spielt Bayern in der Parship.de-Arena. Mit Flirtplätzen in den Kurven. Und SMS-Kennlernservice über die Stadion-Bildschirme. Und Frauen kommen umsonst rein und bekommen ein Glas Prickelsekt gratis vorweg.

„Ich kann verstehen, dass die Fans das Gefühl bekommen, ihnen wird Fußball für den Kommerz weggenommen“, sagt Hendrik Schiphorst vom Fußball-Vermarkter Sportfive, „aber es gibt nicht nur die eine Seite der Medaille. Ich fürchte: die teuren Rahmenbedingungen, die wir im Fußball haben – Spieler, neue Stadien –, die lassen sich ohne eine kommerzielle Vermarktung von Fußball nicht umsetzen.“ Stimmt so? Und was wäre die Alternative? Briefen Sie mich! Mittwoch ist Sendung.

log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Deutschland einig Fußball-Land: Regiert das Herz oder der Kommerz?“ Im Livestream unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Wolf-Christian Ulrich: Macht Glaube selig?

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