Wir wissen schlicht nicht, was die Ziele Russlands sind. Gernot Erler

„Nein ist das Lieblingswort der Berliner“

Wladimir Kaminers Bücher über sein Leben in Berlin haben Kultstatus. Im Interview mit Alexandra Schade und Thore Barfuss spricht er über die Unterschiede zu seiner Geburtsstadt Moskau, erklärt, warum die Aufregung um Gentrifizierung übertrieben ist und was den typischen Berliner ausmacht.

The European: Herr Kaminer, anlässlich des 775. Geburtstages von Berlin führen wir eine Gesprächsreihe zur Stadt …
Kaminer: Das ist aber eine krumme Zahl. Wie viele Jahre noch mal?

The European: 775.
Kaminer: Oh, 775 war eine berühmte Portweinmarke bei uns.

„Anscheinend geht diese Stadt sehr schnell kaputt“

The European: Was wünschen Sie Berlin denn zum 775. Geburtstag?
Kaminer: In erster Linie, dass die Baustellen endlich aufhören. Wobei das natürlich ein leerer Wunsch ist. Die werden nie aufhören. Damals vor 22 Jahren, als ich nach Berlin kam, dachte ich: Hier wird was Neues gebaut, bald sind sie fertig und dann wird diese Stadt ganz anders, ganz wunderbar aussehen. Inzwischen weiß ich, die werden nie fertig. Anscheinend geht diese Stadt sehr schnell kaputt.

The European: Wird in Moskau auch so viel gebaut?
Kaminer: Dort wird den Straßen keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.

The European: Der Verkehr in Moskau ist ja auch unterirdisch.
Kaminer: Bald werden sie dort nirgendwo mehr fahren können. Die stehen jetzt schon mehr, als sie sich bewegen. Und das, obwohl sie ein paar Straßen gebaut hatten. Der geschasste Bürgermeister hat einen Ring nach dem anderen bauen lassen. Der hieß in der Bevölkerung „Herr der Ringe“.

The European: Und das hat nicht geholfen?
Kaminer: Der hat die Ausfahrten vergessen. Jetzt fahren sie alle nur im Kreis. Vielleicht hat auch das Geld gefehlt.

„Meine Heimat habe ich nur noch als Erinnerung im Kopf“

The European: Seit 1990 leben Sie in Berlin. Sehen Sie sich als Berliner?
Kaminer: Ich bilde mir ein, Europäer zu sein.

The European: Würden Sie Berlin als Ihre Heimat bezeichnen?
Kaminer: Nein. Heimat, das ist doch der Ort, wo man auf die Welt gekommen ist, wo man sozialisiert wurde, wo man die Kindheit verbracht hat. Für mich ist das Moskau. Das ist aber ein Moskau, das es nicht mehr gibt, die Hauptstadt eines Landes, das es auch nicht mehr gibt. Meine Heimat habe ich nur noch als Erinnerung im Kopf.

The European: Aber Ihre Kinder ziehen Sie in Berlin groß.
Kaminer: Meine Kinder sind schon Berliner. Aber das ist eine andere Geschichte. Das, was ich da großziehe, hat gerade schlechte Noten bekommen und schon das ganze Taschengeld für irgendwelche Schallplatten auf dem Flohmarkt im Mauerpark ausgegeben.

The European: Es gibt ja auch noch ganz andere Sachen, die Jugendliche von ihrem Taschengeld kaufen können.
Kaminer: Ja, das ist erstaunlich. Eigentlich bin ich sogar stolz auf diese Geldverschwendung. Dass sie ihr Taschengeld nicht für Computerspiele oder Klamotten, sondern für alte Janis-Joplin- und Jimi-Hendrix-Platten ausgeben.

The European: Haben Sie mal überlegt, Ihre Kinder in Moskau großzuziehen?
Kaminer: Warum sollte ich? Ich bin ein wohlhabender Mensch. Ich kann mir erlauben, meine Kinder dort großzuziehen, wo ich es am passendsten finde. Berlin war eine ganz bewusste Entscheidung, das ist mein bevorzugter Wohnort.

„Marzahn wird auch irgendwann mal dran sein“

The European: Warum?
Kaminer: Alles ist um die Ecke. Die Vinyl-Platten auf dem Flohmarkt, die Schule. Das vielfältige Freizeitangebot. Die richtigen Bands: Neulich hat meine Tochter Karten für die Band Motherfucker gekauft, das sind Mädchen aus Finnland. Aber dann ist sie nicht reingekommen. Sie hatten keine Ausweise dabei und man durfte sowieso erst ab 16 rein.

The European: Was macht Berlin aus?
Kaminer: Berlin ist eine sehr lebendige Stadt. Hier wird es nie langweilig. Es gibt immer etwas Neues: ein neues Zentrum. Jedes Jahr hat man hier eine neue coole Gegend, wo alle hinziehen. In den zwanzig Jahren hier habe ich etliche solche Modeerscheinungen erlebt. Von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg, dann Mitte, Friedrichshain. Neukölln, Wedding. Marzahn wird auch irgendwann mal dran sein.

The European: Haben Sie einen Lieblingsort in Berlin?
Kaminer: Ich wohne an meinem Lieblingsort: am Mauerpark. Das ist eine sehr typische Ecke für Berlin. Eine unsichtbare Sehenswürdigkeit: Da gibt es weder Park noch Mauer. Diese leere Flächen mitten in der Stadt erzählt sehr viel über Berlin.

The European: Sie haben die Entwicklung des Mauerparks zwanzig Jahre miterlebt, die ganze Veränderung am und im Mauerpark …
Kaminer: … es gibt doch gar keine Veränderung. Vor zwanzig Jahren war das eine leere Fläche, heute ist das immer noch so. Aber es wird inzwischen als Projektionsfläche für so vieles genutzt. Alle wollen etwas anderes, die Bürger, die Investoren, die Politiker. Und in Wirklichkeit passiert gar nichts.

„Das zukünftige Europa stelle ich mir so vor wie Berlin“

The European: Aber es kommen schon deutlich mehr Touristen nur wegen des Mauerparks.
Kaminer: Das ist aber in der ganzen Stadt so, auch bei mir in der Disko. Früher waren Russen und die Deutschen und ein paar zerquetschte Engländer da. Aber jetzt verstehe ich die Hälfte der Sprachen überhaupt nicht mehr. Das ist die kulturelle Entwicklung Europas. Und da steht Berlin an der Spitze. Das zukünftige Europa stelle ich mir so vor wie Berlin.

The European: Wir haben das Gefühl, dass es in Berlin eine neue Zweiteilung gibt: das Zentrum mit den Zugezogenen und die Ur-Berliner in den Randbezirken. Wie empfinden Sie das?
Kaminer: Ich bewege mich überhaupt nicht in den Randbezirken: Wenn jemand nach Grunewald zieht oder nach Spandau, dann heißt das auf Nie-Wiedersehen. Das ist eine andere Welt. Am Ende zeigt das vor allem die Größe dieser Stadt. Ich glaube, es war kein Zufall, dass wir vor zwanzig Jahren in Berlin gelandet sind.

The European: Warum?
Kaminer: Nirgends war so viel Freiraum. Es kann hier gleichzeitig so vieles passieren und es interessiert keinen. Nur mich interessiert es, wenn ich keinen Parkplatz mehr finde, wenn wie jetzt am Samstag irgendeine schottische Musik in der Max-Schmeling-Halle gespielt wird. Schottische Musik, ich weiß nicht, ist die gerade in? Man konnte nicht mal im Wedding parken. Da waren mehr Leute als beim Fußball, mehr als bei Leonard Cohen. Schottische Musik …

„Was hier bleibt, sind komische Geschäfte“

The European: In den vergangenen Jahren kam ja immer wieder das Schlagwort Gentrifizierung auf. Gerade wenn es um den Prenzlauer Berg geht.
Kaminer: Ja, schauen wir uns diese Gentrifizierung mal an: Was sehen wir hier, wenn wir aus dem Fenster schauen? Eine Fahrschule, einen Vietnamesen und ein „Kraftkombinat Fitness für alle“.

The European: Aber wenn man an die Neunziger denkt, da wollte doch noch keiner in den Prenzlauer Berg. Und jetzt kommen die Leute von überall.
Kaminer: Also zumindest in meiner Straße läuft die Gentrifizierung in die falsche Richtung. Wir haben fünf Vietnamesen und vier Inder. Alle Gerichte für 2,99 €.
Ich erzähle Ihnen mal etwas über Gentrifizierung: An meiner Ecke hat die Apotheke zugemacht. Das war ein komischer Apotheker, der hat im Hinterzimmer geraucht. Der Apotheker hatte sich gedacht: „Gentrifizierung, ich verkaufe Vitamine.“ Niemand hat seine Vitamine gemocht.
Die Inder vom sehr erfolgreichen Goa wollten dort ein zweites indisches Restaurant aufmachen. Aber der Besitzer des Hauses war dagegen: Zu viele Inder, das geht nicht. Die Inder haben daraufhin dann eine mexikanische Bar eröffnet, das Ariba.

The European: Oh, da war ich auch schon.
Kaminer: Da waren Sie aber die Einzige. Das lief nämlich überhaupt nicht bei den Indern mit ihren Sombreros. Die haben nur zwei Monate ausgehalten. Außerdem hat auch noch der Edeka zugemacht und die Szenekneipe. Was hier bleibt, sind komische Geschäfte. Kamine, wer braucht Kamine? Ich habe noch nie jemanden in dem Geschäft gesehen. Und die glatzköpfige Friseuse mit vielen Piercings. Glatzköpfige Friseure braucht kein Mensch. Da hat man doch kein Vertrauen.

The European: Was noch?
Kaminer: Ersatzteile für Wasserpfeifen: Was für ein Quatsch. Was ist das für eine Gentrifizierung? Ich wünsche mir tolle Restaurants oder edle Clubs. Nix davon gibt es.

„Arme Wessis, die haben zu wenig Würste“

The European: Aber es ist ja schon so, dass seit Anfang der 1990er circa 80 Prozent der ursprünglichen Bewohner aus dem Prenzlauer Berg weggezogen sind.
Kaminer: Also, mein Eindruck ist das nicht. Das sind unsichtbare Leute, die da umgezogen sein sollen. Ich kenne hier eine Menge Menschen, die alle noch da sind.

The European: Das heißt, das ganze Gentrifizierungsgerede halten Sie für Unsinn?
Kaminer: Ich glaube, dass städtische Entwicklung vielfältig ist, und dass das natürlich ein Teil davon ist. Es sind mehr Bioläden entstanden, aber nicht nur hier. Die Leute altern hier nicht, die sehen alle aus, als wären sie 18 Jahre alt. Sie hören gar nicht mehr auf, zu pubertieren. Berlin ist eine pubertierende Stadt.

The European: Wie oft sind Sie im Westteil der Stadt?
Kaminer: Zweimal im Jahr habe ich eine Lesung und Disko in Kreuzberg. Da seh ich dann immer eine große Schlange vor einer Wurstbude stehen und denke mir: Arme Wessis, die haben zu wenig Würste.

The European: Das heißt, wenn Sie in Berlin sind, ist Ihr Bewegungsradius relativ klein.
Kaminer: Zwischen Landsberger Allee und Mauerpark (fünf Kilometer, Anm. d. Red.). Zur Landsberger Allee fahre ich mit Mama jede Woche Schwimmen. Super Schwimmanlage. Ich bin ein leidenschaftlicher Schwimmer. Ich bin schon in sehr vielen Städten und Ländern der Welt Schwimmen gegangen. Von Thailand bis Amerika: Das ist die beste Schwimmhalle, die man haben kann.

The European: Und war das in Moskau anders?
Kaminer: Die Schwimmhallen? Da musste man eine Gesundheitsprüfung machen, um überhaupt reinzukommen. Und ohne Schwimmhaube durfte man schon gar nicht rein.

The European: Eigentlich meinten wir Ihren Bewegungsradius. Denn in Moskau, so unser Eindruck aus Ihren Büchern, haben Sie sich doch immer sehr viel bewegt.
Kaminer: Ja. Ich bin aufgewachsen in einer Scheißgegend. In einem Randbezirk. Weiter weg war nur noch Wald. Alles Interessante, die tollen Menschen, versammelten sich im Zentrum. Die Hippies, von denen wollte ich einer sein, waren immer auf dem Gogol Boulevard, da musste ich dann immer hin. Mein Studium war wieder ganz woanders.

„Die Berliner sind ständig unzufrieden“

The European: Aber macht das Berlin nicht eigentlich provinziell, wenn man sich nur zwischen drei verschiedenen Straßenzügen bewegt?
Kaminer: Provinziell ist genau das Gegenteil. Provinz ist, wenn etwas Kleines, Muffiges nach außen als etwas Großes und Tolles erscheinen will. Die haben in Dortmund den größten Weihnachtsbaum der Welt. Da bringen sie 200 Weihnachtsbäume und bündeln die aneinander. Als ob das irgendeine Sau braucht.

The European: Und in Berlin ist das wie?
Kaminer: Eine Weltstadt ist etwas Großes, das sich als etwas ganz Kleines, Dörfliches nach außen zeigt. Ich habe ja jederzeit die Möglichkeit, nach Westberlin zu gehen. Oder wenn meine Tochter nach ihren Lieblingsbands in der Zeitung schaut und sagt: „Papa: Zitadelle, Zitadelle. Warst du schon mal in der Zitadelle?“ Ich weiß, die gibt es irgendwo und da spielen lustige Bands. Das ist doch wunderbar. Man muss nicht alles mitmachen. In Köln zum Beispiel kann man sich vorm Karneval nicht schützen, genauso wenig in München vorm Oktoberfest. Und hier können Dutzende Oktoberfeste gleichzeitig stattfinden und kein Mensch wird es merken. Nur an den Parkplätzen.

The European: Wie erleben Sie den typischen Berliner?
Kaminer: Die Berliner sind ständig unzufrieden und immer dagegen. Volksentscheide gehen in Berlin danach aus, wie die Frage formuliert ist. Nein, das ist das Lieblingswort der Berliner.

Zum 775. Geburtstag von Berlin befragen wir prominente Köpfe der Stadt.

Teil 2 der Berlin-Interviews: Leyla Piedayesh: „Berliner laufen fast alle im gleichen Look herum“

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